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28. Juli 2014
 

Urheberrecht – Was die Piraten mit den Nazis WIRKLICH gemeinsam haben

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Geschrieben von: Thomas Böhm
Schlagwörter:
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Journalistenwatch-Autor Jürgen Stark antwortet Christopher Lauer (Piratenpartei)

Vs. „Piraten & Urheberrecht – Ein notwendiger Protest“ (FAZ vom 11.05.2012)

„Die Suche nach einem den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts angepassten Urheberrecht ist Gründungskern und Mythos der Piratenpartei.“

Christopher Lauer (Politpirat)

„Man muss nichts können, es reicht, dass man davon überzeugt ist, man hätte das Zeug – zum Künstler, zum Politiker, zum Selbstdarsteller … Im Mittelalter blieben nur die Henker im Schutz der Anonymität, sie verrichteten ihren Job zwar öffentlich, aber mit einer Maske über dem Kopf. Heute wollen die Piraten unerkannt im Netz Urteile vollstrecken.“

Henryk M. Broder (Politaufklärer)

Mit den Piraten auf Kaperfahrt, das macht inzwischen der müde gewordenen FAZ genauso viel Spaß wie etwa dem baden-württembergischen Anzeigenblatt „Der Guller“, welches Sonntags im Ortenaukreis kostenlos an alle Haushalte verteilt wird. Aber auch Bild am Sonntag, Süddeutsche Zeitung oder diverse TV-Talkshows – alle Türen sind weit auf: Sympathy for the Devil. Wahlerfolge sind bei derart flächendeckender und großflächiger Riesenwerbung die berühmte „selffull-filling prophecy“, die Piraten sind nicht unaufhaltsam, sie werden unaufhaltsam gemacht, ihr Aufstieg wirkt daher wie verabredet, oder wie mindestens von vielen Meinungsmachern gewünscht – und sei es als bizarrer Content, als Steilvorlage für Krawall und Auflage.

Stellen Sie sich vor: Fanatische Automobilisten gründen eine „Autofahrerpartei“, fordern Abschaffung aller Ampeln und Verkehrsregeln, für jeden Bürger kostenlos ein Fahrzeug und Sprit umsonst. Sie überfallen VW- und Mercedes-Werke, schmeißen die Belegschaft raus und verkaufen auf „freien Märkten“ die erbeuteten Automobile. Blödsinn? Nein! Etwas vergleichbares vollzieht sich derzeit vor unseren Augen. Denn die jetzt aufmarschierende Piratenpartei ist durchsetzt von Mitarbeitern und Betreibern von Computerfirmen, von Nutznießern aus der alles andere als transparenten IT-Branche, die von einem weitgehend gesetzlosen Paralleluniversum im WorldWideWeb extrem profitiert. In diesem Geisterreich sehen einige neue Herren so aus, wie der unlängst vom FBI in Neuseeland verhaftete deutsche Kim Schmitz alias „Kim Dotcom“. Bei seiner IT-Firma Megaupload konnten piratös gestrickte „User“ Daten aller Art hoch laden – darunter umfangreich illegal kopierte Musik, Filme, Fernsehprogramme und Bücher. Megaupload machte angeblich mehr als 175 Millionen Dollar illegalen Gewinn, den rechtmäßigen Eigentümern der Inhalte verursachte das einen Schaden von deutlich über einer halben Milliarde Dollar, erklärte das Justizministerium. Ein weiterer Vorwurf lautet auf Geldwäsche. Bei der Verhaftung in seiner Luxusvilla musste IT-Oberganove Schmitz aus gepanzerten (!) Räumen geholt werden, dieser Mega-Zuhälter der virtuellen Postmoderne sah dabei aus wie ein künftiger Gegenspieler in einem James-Bond-Film: Ein fetter und fieser Boss inmitten eines Imperiums der Neuzeit. Seine Opfer: Künstler, Kreative und deren Branchenumfeld aus aller Welt.

Lauer distanziert sich natürlich von diesem kriminellen Umfeld, ist es doch der peinliche Gründungsmythos der Piraten, die als Raubritter aus dem Netz kamen und draußen nun den engagierten Bürger geben. Lauer zählt „das Urheberrecht“ zum Mythenkern des eigenen Ladens, was etwas untertrieben ist: Der seit Jahren andauernde Diebstahl der Produkte im Internet, die als geistiges Eigentum gelten, Produkte, in die Dritte investiert haben um diese auf den Markt zu bringen, sind des Wahnsinns fette Beute jener Community, die alles umsonst haben möchte, was da auf Oberflächen flimmert und tönt. Die Piraten haben also anmaßend „das rationale Bedürfnis, das Urheberrecht anzupassen“, so wie etwa die SED einst das Bedürfnis hatte, das Privateigentum abzuschaffen um es von einer Bonzokratie verwalten zu lassen. Lauer versucht die eigene geistige Kriminalität seiner Partei unter den Tisch fallen zu lassen, er versucht rhetorische Tricks um einen Keil zwischen Künstler und Musikfirmen, zwischen Textdichter und Komponisten einerseits, und deren Geschäftsgrundlagen wie Verwertung und Handel andererseits , zu treiben. Man will mit den Künstlern an einen runden Tisch, die Industrie und die Verwertungsgesellschaften des Urheberrechts sollen aber bitte draußen bleiben. Hier wollen Diebe und Hehler ihren Opfern neue Geschäftsmodelle aufschwatzen, die niemals funktionieren werden, weil im Netz eben fast alles umsonst ist und man Musik nicht wie aus dem Wasserhahn einfach laufen lassen kann.

Die Piraten mit ihrem dürren kleinen Programm stehen damit in unrühmlichster Tradition. Es war Adolf Hitler, der mit seinen deutschen Nazis erstmals das noch junge Urheberrecht mit Enteignung bekämpfte. Die Werke zahlreicher jüdischer Texter und Komponisten wurden in der NS-Epoche „arisiert“, also den Besitzern gestohlen und „dem deutschen Volk geschenkt“. Inzwischen vollzieht sich ein ähnlich barbarischer Akt mit gravierenden schädlichen Folgen für die gesamte Kreativwirtschaft. Die Piraten wollen im Internet jeglichen Datenfluss vom einzelnen Urheber abkoppeln, bezahlt wird, wenn überhaupt, mit lächerlichen Pauschalen, die Kontrolle über das eigene Werk wird den Urhebern und Rechteinhabern endgültig genommen. Dabei reiben sie sich wie die Wildsau am Baum der Kreativwirtschaft und beschimpfen und verhöhnen alle, die mit ihren kreativen Leistungen und deren Vermarktung in einem echten beruflichen Zusammenhang stehen. Lauers Bruder im Geiste ist der weitgehend unkreative Blogger Anatol Stefanowitsch, ein Hochschullehrer im gesicherten Dienst, der seine Abscheu vor der „creative working class“ kaum verbergen kann: „Es hat euch niemand dazu eingeladen, eure Lieder und Opernlibrettos, eure Drehbücher und Filme, eure Zeitungsartikel und Romane, eure Skulpturen und auf Film gebannten schauspielerischen Darbietungen – kurz gesagt, eure Werke (oder die Werke derer, denen ihr sie weggenommen habt) in den öffentlichen Raum zu stellen.“ Die Piratenpartei sieht künstlerische Werke als Eigentum des Volkes (Honecker und Stalin lachen sich im Jenseits kaputt), zu bezahlen wären diese lediglich mit Spenden. Womit wir wieder bei Hofe wären. Bei Hofnarren und Auftragskünstlern. Bei minderwertigen Untertanen, die den Mächtigen für ein paar Krümel vom Kuchen ihr huldigendes Werk entgegen bringen dürfen. Mit diesen Empfehlungen wird offenbar der teutonische Neidkomplex mal wieder kräftig bedient. In Baden-Württemberg warnt wegen des Piratenerfolges der Karrieremensch Lars Pallasch, Piraten-Landeschef und Manager eines Technologiekonzerns, vor weiteren „Karrieremenschen“ in seiner Partei. Andere Mitglieder wollen nicht nur im Internet fette Dotcom-Beute machen, sondern auch an Land. So gab das Piratenpartei-Mitglied Bodo Thiesen bereits ganz andere Erkenntnisse von sich: „Deutschland hatte jede Legitimation, Polen anzugreifen.“ Genau, bei den Nazis war eben doch nicht alles schlecht, vor allem das Beutemachen konnten die doch ganz gut, oder…?! Auch davon hat man sich natürlich inzwischen distanziert – trial and error?

Zurück zum verqueren Vordenker Lauer: „Es bringt nichts, das Dasein des Künstlers, des Urhebers zu verklären oder zu romantisieren.“ Genau deshalb tritt man in diese Weichteile der Gesellschaft, weil jahrelanger Aufenthalt in Chaträumen und in asozialen Netzwerken offenbar feige macht. Die Piraten legen sich nicht mit den Ölkonzernen oder Waffenherstellern an, sie erklären nicht der weltweiten islamistischen Intifada gegen Menschenrechte und Meinungsfreiheit den Kampf, nein, die Piraten wollen mit ihren Tennisarmen weiter ungestört Pornos gucken und alle Lieder dieser Welt hören, sie wollen ein langes Leben im Bademantel, finanziert vom dummen Rest jener Bürger, die noch arbeiten und Steuern zahlen. Lauers Pseudoangebot ist so gefährlich wie überflüssig, denn es schadet einer Branche, die ohnehin schon am Boden liegt, tausende Mitarbeiter entlassen musste und kaum noch Geld für den Aufbau neuer Künstler hat. Vorschüsse gibt es für Kreative dank dieses bereits vorhandenen Piratengeschäftsmodells auch kaum noch, der Markt kollabiert oder zeigt Risse im Fundament, auch bei Film, Buch, Fernsehen oder Games. Aufgeschreckte ältere Herrschaften wachen auch langsam auf: Was ist denn mit dem Patentrecht? Richtig, da geht noch mehr! Verstaatlichung als Karikatur: Alle Rechte den Piraten, nieder mit der Industrie, abwärts mit den Künstlern!

Wer mit Piraten Geschäfte macht, der muss halt aufpassen, dass er nicht mit einem Messer im Rücken verendet. Eine Partei, deren Gründungsmythos vorrangig auf dem Widerstand gegen angebliche „Zensur im Internet“ beruht (vs. „Zensursula“, der einstigen Familienministerin von der Leyen), sollte man sich genauer ansehen! Wer sich nicht wegen Kinderpornografie und sexueller Vergewaltigung im Internet aufregt, sondern wegen der staatlichen Maßnahmen dagegen, der hat schon einen ganz besonderen Charakter. Wie ein blutrünstiger Pirat eben. Nämlich gar keinen.

Der Link zum Artikel: http://www.faz.net/aktuell/piraten-urheberrecht-ein-notwendiger-protest-11748450.html

Über Jürgen Stark:

Jürgen Stark (* 20. März 1957 in Hamburg) ist ein deutscher Autor, Journalist und Mitglied des Deutschen Musikrates.

Stark veröffentlichte zahlreiche Bücher zu kulturpolitischen und insbesondere popularmusikalischen Themen, darunter Biografien von Künstlern wie Udo Lindenberg und der Band Die Prinzen. Gemeinsam mit Thomas Böhm gab er von 1984 bis 2000 die Taschenbuchreihe „Rock Kalender“ heraus. Mit Dieter Gorny veröffentlichte er mehrere Jahrbücher zum Thema Popkultur.

Als Journalist war er unter anderem als Konzertkritiker für Die Welt tätig und sieben Jahre Korrespondent für den Entertainment Media Verlag (Musikwoche, Blickpunkt:Film, musikwoche.de). Als freier Journalist schrieb er Reportagen für Musikzeitschriften, Magazine und Tageszeitungen. Darüber hinaus war er an der Konzeptentwicklung für die Zeitschrift Metal Hammer beteiligt und auch zwischenzeitlich Chefredakteur des Blattes.

Stark arbeitete wissenschaftlich für das rock’n’popmuseum der Stadt Gronau und konzipierte die Inhalte zur dortigen Dauerausstellung über „Die Kulturgeschichte der Popularmusik im 20. Jahrhundert“. Im Auftrag der Deutschen Phono-Akademie entwickelte Stark als Projektleiter in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung das Projekt SchoolTour, das 1999 als Kampagne für mehr Musik und Kreativität an Schulen gestartet wurde.

An der Hamburger Hochschule für Musik und Theater war Stark Gast-Dozent für den Fachbereich Medien und Design (Popkurs). Er ist berufenes Mitglied im Bundesfachausschuss Populäre Musik beim Deutschen Musikrat.

Stark unterrichtet als Lehrbeauftragter an Hochschulen (u.a. Hochschule der populären Künste, Berlin) in den Fachbereichen Medien und Kultur (u.a. Geschichte der elektronischen Medien, Geschichte der Popularmusik im 20. Jahrhundert) und ist Mitbegründer des Institut für kulturelle Kommunikation IKK an der Hochschule Offenburg. Beim IKK ist Stark stellvertretender Direktor für Medienjournalismus.

Jürgen Stark veröffentlicht monatlich seine “Kulturkolumne” im Offenburger Tageblatt.





 
 

 
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