Querschläger gegen schwarze Abgeordnete, biodeutsche Messerattacken: Ein Land in der Empörungsfalle

Das Schaufenster von Diabys Hallenser Büro mit dem Einschussloch (Foto:Imago/Schellhorn)

Halle – Nach den angeblich vorsätzlichen Schüssen auf das Büro des SPD-Abgeordneten Karamba Diaby herrscht wieder einmal medialer Ausnahmezustand. Wer wirklich noch glaubt, in Deutschland adäquat über das Tagesgeschehen informiert zu werden, nimmt auch Grimms Märchen für bare Münze: Die aberwitzige Schieflage in der Beimessung von Nachrichtenwerten und der journalistischen Reaktion auf Straftaten – je nachdem, wer gerade Opfer ist – steigert sich inzwischen ins ebenso Unerträgliche wie Unermessliche.

Hunderte Übergriffe gibt es Jahr für Jahr auf AfD-Politiker, ihre Wahlkampfbüros oder ihre privaten Wohn- und beruflich genutzten Firmen- und Geschäftsräume, von Brandanschlägen auf ihre Autos und tätlichen Übergriffen ganz zu schweigen. Genau vor genau einem Jahr detonierte in Döbeln sogar eine Bombe. Der öffentliche „Aufschrei“ besteht bei den allermeisten dieser Anschläge in geflissentlichem Totschweigen oder nebensächlichen Nachrichtenmeldungen unter Vermischtes.

Ganz anders sieht es aus, wenn ein Politiker der Altparteien Ziel eines Angriffs wird – so wie gestern vermutlich der SPD-Politiker Karamba Diaby aus Halle. Vermutlich deswegen, weil überhaupt nicht klar ist, ob es sich bei den Schüssen auf sein Abgeordnetenbüro in der Kleinen Ulrichstraße überhaupt um einen gezielten, ihm geltenden Anschlag handelte. Laut Polizeibericht wurde von Unbekannten „auf mehrere Gebäude geschossen“, in Karambas Büro wurden lediglich einzelne Einschusslöcher an einem Schaufenster festgestellt, bei denen es sich auch um Querschläger handeln könnte; Projektile wurden nicht gefunden. An mindestens zwei weiteren Häusern derselben Straße wurden ebenfalls Einschusslöcher entdeckt.

Vage Formulierungen des Polizeiberichts

Obwohl somit überhaupt nicht klar ist, ob die Attacke Karambas Büro galt, es sich mithin ebenso um einen Zufallstreffer ohne jedes politische Motiv handeln könnte, überschlagen sich seit heute früh die Schlagzeilen. Diaby, der aus dem Senegal stammt, brachte den Fall auf Twitter selbst groß raus:

Screenshot:Twitter

Die sich darunter findenden Kommentare überschlagen sich förmlich in ihrer frenetischen Empörung und Forderungen nach entschiedenerem Kampf gegen Nazis, Rechte und – wen wohl sonst – die AfD… und das, obwohl überhaupt noch nicht klar ist, was eigentlich passiert ist, wer hier warum geschossen hat und vor allem: wem die Schüsse galten. Gegenüber der „Welt“ ließ Diaby ebenfalls durchblicken, dass er von einem gezielten Anschlag gegen sich ausgeht: „Ich verurteile jegliche Art von Gewalt“. Sein Bürgerbüro sei ein Ort des Dialogs, und „wenn Menschen eine andere Auffassung haben, können sie zu mir kommen und mit mir reden… Diese Tat widerspricht meiner Vorstellung von demokratischer Auseinandersetzung.“ Er lasse sich „nicht einschüchtern“.

Die Google-Schlagwortsuche erbringt seitenweise Presselinks nahezu aller deutschen überregionalen und lokalen Medien, die ausnahmslos von „Schüssen“ auf Diaby bzw. sein Büro berichteten – obwohl sich der Hallenser Polizeibericht hier eher bedeckt hält und wohl nicht ohne Grund sehr zurückhaltend formuliert ist. Doch das rechte Monster braucht Futter.

Triumph der deutschen Polizei über autochtone Täter

Bei einer anderen heute vermeldeten Tat hingegen nimmt sich der journalistische Widerhall erstaunlich bescheiden aus, hierüber ist so gut wie keine Aufregung zu vernehmen – vermutlich weil das Opfer kein schwarzer SPD-Abgeordneter und schon gar kein Prominenter war, sondern nur eine namenlose Verwaltungsangestellte: Im baden-württembergischen Rottweil wurde die 50-jährige Mitarbeiterin des Jobcenters, wie „Bild“ berichtete, mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt.

Hier war es dem zuständigen Polizeipräsidium Konstanz dann vor allem wichtig, mit hämischer Genugtuung  klarzustellen, dass es sich bei dem Täter um keinen Migranten oder Migrationsdeutschen, sondern endlich wieder einmal um eine waschechte, urige, naturalisierte deutsche Bio-Kartoffel handelte:

Screenshot:Twitter

Merke: Im einen Winkel der Republik werden schon die mentalen Lichterkerzen entzündet und Betroffenheitsmienen aufgesetzt, weil – möglicherweise – das Büro eines afrikanischstämmigen Politikers von „Rechtsterroristen“ angegriffen wurde. Und im anderen Winkel wird gefeiert, dass ein Messertäter, der eine Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur fast tot sticht, diesmal ausnahmsweise nicht einer Klientel angehörte, bei der die wohlwollende Unschuldvermutung tendenziell noch über die Erwiesenheit der Schuld hinausreicht. Die Realität spielt sich nur noch in den Köpfen der Beobachter ab, das Bewusstsein bestimmt das Sein. (DM)