IM GESPRÄCH – Wir erleben multidimensionale Auseinandersetzungen

Für den Außen- und Sicherheitsexperten Ralph D. Thiele ist die Sache klar: Der Konflikt USA-Iran ist längst nicht ausgestanden, auch wenn vorübergehend Ruhe eingekehrt ist. Vor allem die terroristische Variante des Konflikts wird weitergehen, Europa inbegriffen. Thiele ist Oberst a.D. und Diplom-Kaufmann. Er ist Vorsitzender der politisch-militärischen Gesellschaft in Berlin, zudem Präsident von EuroDefense und Chef der Beratungsgesellschaft StratByrd Consulting. Thiele arbeitete auch im Planungsstab des Bundesverteidigungsministeriums, war Direktor Lehre an der Führungsakademie der Bundeswehr und Chef des Stabes im NATO Defense College. Laut Thiele sind wir in einem Zeitalter neuartiger Kriege angekommen, wo die Auseinandersetzungen multidimensional geführt werden, wo das Waffenarsenal Cyberangriffe, Fake News, orchestrierte Aufstände sowie Migration als Waffe einbezieht. Die neue Farbe des Krieges ist in dieser Welt nicht mehr rot (wie Blut), sondern grau, weil es den Angreifern darum geht, Räume zu besetzen, indem man alle Möglichkeiten, die neue Technologien bieten, nutzt, um unterhalb der Schwelle eines Krieges zu bleiben. Es wird also in Grauzonen agiert. Die Tötung des iranischen Kommandeurs Soleimani im Irak mit einer US-Drohne habe gezeigt, dass die USA erst noch lernen, nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und nicht jedes Mal mit einer Armada anzurücken, um ganze Länder zu besetzen. Cyberkriege sind in diesem neuen Zeitalter eines, aber eins der gefährlichsten und im Westen offenbar am meisten unterschätzten Mittel. Laut Thiele wird die aktuelle Bedrohung durch Cyberattacken von Firmen und Staaten schroff unterschätzt, was sich erst langsam ändert. Und der Aufbau von Verteidigungsringen beginnt zögerlich. Das Grundproblem bestehe darin, dass sich die Attackierten bemühen, ihren Gesamtbestand an Infrastruktur, Daten und Netzen zu schützen, während sich die Angreifer wie bei einem Menü einzelne Teile, sprich die Lücken heraussuchen. Um wirkungsvoll zu verteidigen, brauche man Verantwortliche, die den Gesamtzusammenhang verstehen. Aber an „dieser Stelle sind wir noch nicht“. Das Interview ist ein Rundgang durch die wichtigen Aspekte der neuen Kriegsführung und der Schwächen des Westens.

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