Coronavirus: Zahlen aus Italien

Abstrich-Röhrchen mit positivem Covid-19-Befund - Symbolfoto: Imago

Zum Coronavirus gibt es inzwischen die widersprüchlichsten Meldungen. Wo kommt er her? Warum kommt er jetzt? Warum spricht die WHO nicht von einer Pandemie? Wie gefährlich ist er wirklich? Soll er von etwas anderem ablenken? Ist er Mittel zum Zweck? Der Medienkonsument findet auf alles eine Antwort, sogar das Wort „Lungenpest“ findet er statt „Corona“. Keiner weiß Bescheid, jeder hat eine Meinung. Was hilft? Ein paar Zahlen helfen vielleicht.

von Max Erdinger

Der „Merkur“ meldet am 10.03.2020:

Update, 19.10 Uhr: Die italienischen Behörden veröffentlichten am Dienstag neue Zahlen zum Coronavirus. Demzufolge wurden weitere 168 Todesfälle offiziell vermeldet, die Gesamtzahl stieg auf 631 Todesopfer. Die Zahl der Infizierten erreichte ebenfalls neue Ausmaße, mehr als 10.100 Personen sollen sich innerhalb der vergangenen zwei Wochen infiziert haben.

Eine Einordnung ist schwierig, weil nicht angegeben ist, über welchen Zeitraum es die 168 Todesfälle gegeben hat und auf welchem Zeitraum sich die 631 Todesopfer insgesamt beziehen. Unterstellt, daß die Informationen zur dreifach höheren Mortalitätsrate beim Coronavirus gegenüber den bisher bekannten Grippewellen stimmen, was allerdings bspw. das Robert-Koch-Institut insofern bestreitet, als daß es von dort heißt, Berechnungen für die Sterberate von Sars-CoV-2 seien mit Unsicherheiten behaftet, wäre es womöglich sinnvoll, die Zahl der Coronatoten in ein Verhältnis zu den üblichen Mortalitätsraten aus epidemiefreien Zeiten zu stellen, um sich ein einigermaßen realistisches Bild vom Ausmaß der Gefahr zu machen.

In Italien stirbt jedes Jahr etwa 1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das waren 2018 genau 633.133 Todesfälle, pro Tag also 1.734. Unterstellt, die Information stimmt, daß es an einem einzigen Tag in Italien 150 Coronatote gegeben hat, wären es dann 1.884. Unbekannt ist dabei die Zahl derer, die wegen schwerer Vorerkrankungen auch ohne Corona demnächst das Zeitliche gesegnet hätten und vom Coronavirus lediglich geringfügig vorzeitig dahingerafft wurden. Das muß also unberücksichtigt bleiben.

Die Steigerung von 1.734 auf 1.884 könnte man dann tagesaktuell als prozentuale Steigerungsrate mit der Steigerungsrate bei der allgemeinen Panikbereitschaft vergleichen und sich so ein ungefähres Bild davon machen, ob die öffentliche Berichterstattung in einem realistischen Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr steht. Alles Pi mal Daumen, sozusagen. Es geht hier ausdrücklich nicht um eine Gefährlichkeitseinschätzung von Covid-19, sondern um einen Abgleich zwischen dem, was dazu veröffentlicht wird und welche Auswirkungen Covid-19 bisher relativ zur „Normalität“ hatte unter der Voraussetzung, daß man gelegentliche Epidemien und Pandemien nicht der menschheitsgeschichtlichen Normalität zurechnen will. Außerdem kann man sich ein ungefähres Bild davon machen, ob die allgemeine Panik, die ja auf Medienberichten fußt, eher eine ist, die sich aus der Gefährlichkeit von Covid-19 generell speist, oder ob es eine ist, die im Wissen um die heute mehr denn je vorhandene Angst vor dem eigenen Tod installiert wird.

Selbst wenn stimmt, daß Covid-19-Epidemie eine dreifach höhere Mortalitätsrate als die üblichen Grippewellen mit sich bringt, wäre es verfehlt, sich von dem „dreifach“ verrückt machen zu lassen, weil eine dreifach höhere Grippemortalität bezogen auf die allgemeinen Todesrisiken im menschlichen Leben zwar bedauerlich, aber noch immer nicht dramatisch wäre. Die je individuelle Angst vor dem eigenen Tod könnte also durchaus das Vehikel sein, auf dem die allgemeine Medienberichterstattung einherreitet. Man muß bedenken: Das Fahrradhelmchen ist menschheitsgeschichtlich betrachtet ein Produkt, das zeitgleich mit dem Verschwinden des allgemeinen Glaubens an ein ewiges Leben nach dem Tod in die Welt gekommen ist. Und ein Mensch, der sich vor nichts so sehr fürchtet, wie davor, auf einmal nicht mehr da zu sein, ist nicht nur für die Infektion mit dem Coronavirus anfällig, sondern er ist auch besonders anfällig für alles, von dem er glaubt, daß es ihn umbringen wird. Das läßt sich ausnützen.

Prinzipiell dürfte es in diesen Tagen sinnvoll sein, sich nicht verrückt machen zu lassen, dabei aber nicht zu vergessen, daß eine Infektion mit Covid-19 möglich ist und daß es Verhaltensweisen gibt, die das Risiko minimieren. Besonders für ältere Männer gilt aufgrund ihres im Gegensatz zum weiblichen Körper schwächeren Immunsystems – und da wieder ganz besonders für Raucher mit ohnehin schon vorhandenen Beeinträchtigungen der Sauerstoffversorgung des Blutes: Hände waschen, so oft es geht, sich nicht im Gesicht herumfingern, nicht in der Nase bohren, nicht die Augen reiben, nicht an seinen Lippen herumzupfen – vor allem: keinen Mundschutz benutzen, solange man selbst noch nicht infiziert ist, weil gerade am Mundschutz häufig herumgezupft wird – Menschenansammlungen meiden, keine Türklinken in öffentlichen Gebäuden anfassen, keine Geländer und keine Haltestangen – oder Schlaufen. So kann man einigermaßen sicherstellen, daß man auch nächste Woche noch dazu in der Lage sein wird, sich Gedanken über ein eventuelles Mißverhältnis zwischen Medienberichterstattung und tatsächlicher Gefahr zu machen. So richtig sicher vor einer Infektion sind allerdings nur die Toten. Das sollte einem klar sein, ebenso, wie die Tatsache, daß die allermeisten Covid-19-Infizierten die Infektion überleben. Keine Panik!