Corona-Krisenpolitik: Ab wo ein Strategiewechsel sinnvoll wird

Symbolbild:Imago/ZUMAWire
Ein Kommentar von Daniel Matissek
Die von den europäischen Regierungen verfolgte Politik des Containments und einer Verlangsamung leuchtet zwar ein, doch sie kommt viel zu spät. Wenn man bei einem vergleichsweise glimpflichen Virus – jedenfalls im Vergleich zu den großen historische Infektionskrankheiten – diesen Weg gehen will, hätte man ihn früher beschreiten müssen.
 
In China, das wird immer vergessen, wurden all die staatlichen Notfallinterventionen, die jetzt bei uns flächendeckend und praktisch kontinental etabliert werden, mit diktatorischer Rigidität – und vor allem: in einem viel früheren Stadium – ergriffen. Gerade dadurch wurde dort die landesweite Corona-Ausbreitung ja unterbunden. In Europa, wo sich das Virus dezentral, in immer neuen Clustern Bahn bricht, kommen die radikalen Maßnahmen viel zu spät und sind teilweise überhaupt nicht mehr wirksam – außer dass sie eine kollektive, zutiefst verstörende Weltuntergangsstimmung auslösen.
 
180-Grad-Wende binnen weniger Wochen
Weggeschaut wurde in der Tat zu lange. Vor wenigen Wochen noch verschenkte die Regierung Desinfektions- und Schutzgüter nach China, Jens Spahn sorgte sich vor allem um eine mögliche „Ausgrenzung“ Infizierter, und das Land empörte sich über die mögliche rassistische Diskriminierung möglicherweise ansteckender Asiaten. Deutschland, hieß es da seitens des Bundesgesundheitsministeriums, sei „bestens gerüstet“ und „sehr gut aufgestellt“ für eine Corona-Infektionswelle – ohne dass überhaupt präzisiert wurde, wofür genau eigentlich: Für steigende Neuinfektionen? Für eine Pandemie? Für ein Massensterben? Binnen weniger Wochen änderte sich die Gefahreneinschätzung dann drastisch, und eine Kanzlerin, die auch diesmal wieder – wie bei praktisch allen „Herausforderungen“ der letzten 15 Jahre – wie ein Blinder ohne Stock durch die Nacht tappt, schürt plötzlich Hysterie („60 bis 70 Prozent werden sich infizieren“,“vermeiden Sie Sozialkontakte“) – und versucht sich in Zweckoptimismus: Man werde die Krise bewältigen. Wenn diese Frau Zuversicht artikuliert – Stichwort „Wort schaffen das“ – ist größte Vorsicht angebracht, quod erat demonstrandum.
 
Jetzt kann es auf einmal gar nicht radikal genug sein: Von einer radikalen Grenzschließung wollte man noch Ende Februar ebenso wenig wissen wie 2015 in der Flüchtlingskrise – obwohl sich da die Katastrophe in Italien bereits abzeichnete. Und erstaunlicherweise klappt jetzt, wo es um mögliche Infizierte statt nachweisliche Illegale an der Grenze geht, auch ein rigoroser Grenzschutz. In panischem Aktionismus wird Schritt für Schritt ein Notfallplan in Gang gesetzt, der den Anschein erweckt, als würde man Brems- und Gaspedal gleichzeitig durchtreten. Deutschland folgt mit verzagtem Nachlauf der Entwicklung seiner Nachbarländer: Man kann annehmen, dass in der kommenden Woche auch bei uns Geschäfte und Gastronomiebetriebe nicht mehr oder nur reduziert öffnen werden, dass Städte zu Geisterstädten zu werden. Und all das bei bisher gerade einmal ein paar tausend Infizierten. Bloß: Die Zahlen werden sich, trotz aller noch so drastischen Schritte, verzehn-, verhundert- oder vertausendfachen. Und dann?
Besser geplante „Durchseuchung“?
Dass diese Durchseuchung kommt, dass die Virusausbreitung einem ähnlich natürlichen Muster folgt wie die Influenzawellen, zumindest bis es eine verfügbare Massenimpfung geben wird, scheint inzwischen ausgemachte Sache zu sein. Selbst der zwischenzeitlich erwartete saisonale Rückgang über den Sommer scheint wohl doch nicht einzutreffen. Also kann es ja bei allen jetzt getroffenen Maßnahmen nur darum gehen, eine Überforderung des Gesundheitssystems – oder gar seinen Zusammenbruch, so wie in Teilen Italiens bereits geschehen ist – zu verhindern. Die absolute Zahl an Fällen wird dadurch aber nicht oder nicht wesentlich verringert, nur die Zeitachse wird gedehnt; viele intensivmedizinische Fälle müssen dann nicht alle auf einmal bewältigt werden. Es geht bei alldem, was wir jetzt erleben und was uns auf unabsehbare Zeit massiv einschränken wird, nur um die Zahl kritischer Fälle, die es infolge eines schnelleren Pandemieverlaufs und damit einhergehenden geballten Ansturms auf die vorhandenen medizinischen Kapazitäten zusätzlich zu den ohnehin zu erwarteten kritischen Fällen gäbe.
 
Diese Schadensbegrenzung, so spät sie kommt, ist natürlich Aufgabe aller Regierungen, Ärzte und Wissenschaftler – und sie ist aller Ehren Wert. Doch hier gibt es einen Grenznutzen: Ab einem bestimmten Punkt ist der volkswirtschaftliche Gesamtschaden so hoch, dass er die potentiellen Schäden einer schnelleren „Durchseuchung“ übersteigt; jedenfalls bei einer Viruserkrankung, die – bei allen diesbezüglichen Unwägbarkeiten – in der überwiegenden Zahl der Fälle moderat verläuft. Fakt ist: Monate- oder gar jahrelang kann ein auch ein nach wie vor wohlstandsgesättigter, substanzstarker Staat wie Deutschland die bereits nur jetzt beschlossenen Maßnahmen nicht durchhalten. Wenn aber die Wirtschaft kollabiert und irgendwann auch die Sozialsysteme nicht mehr aufrechtzuerhalten sind, ist die „Mortalität“ noch größer – dann sterben Menschen, und zwar nicht mehr nur durch Lungenversagen. Wer hat diese Konsequenzen, diese eigentliche „secondary attack rate“ (auch wenn der Begriff etwas anderes meint), eigentlich auf dem Schirm?
Schutz der Hochrisikogruppen statt der Gesamtbevölkerung
 
Mit hat als Laie bisher noch niemand eine Frage beantworten können: Wäre angesichts der Umstände, in Anbetracht der wohl viel zu spät eingeleiteten Gegenmaßnahmen vor allem im „offenen“, nach innen wie außen permeablen Europa, ein anderer Ansatz nicht viel sinnvoller: Die staatlichen Anstrengungen zu bündeln, und zwar ausschließlich auf den Schutz besonders gefährdeter Gruppen – während der weniger anfällige Rest der Bevölkerung der Gefahr gewissermaßen „ausgesetzt“ wird?
In diesem Zusammenhang ist zunächst entscheidend zu betrachten, wer die Hauptrisikogruppen sind. Viel Desinformation zirkuliert hier; schon was die Letalität der Krankheit Covid-19 und die Demographie der Verstorbenen anlangt, erfährt niemand Genaues. Die teilweise um mehr als den Faktor 30 voneinander abweichenden Mortalitätsraten von Land zu Land (in Deutschland aktuell 7 Tote bei knapp 2800 Infektionen, in Italien 1100 Tote bei über 15.000 Infektionen) erklären sich wohl aus dem anhaltenden und von den Medien fahrlässigerweise nicht aufgeklärten Missverständnis, die Mortalität sei der schiere Quotient aus der bekannten Zahl getesteter oder evidenter Infektionen und der bekannten Sterbefälle. Tatsächlich besagt dieses Verhältnis gar nichts – denn die Dunkelziffer nicht erfasster Infektionen variiert massiv und ist wohl vor allem in Italien vermutlich riesig. Wo sich weniger Menschen testen lassen, gibt es weniger Corona-Positive.
 
Eine andere Unsicherheit besteht, was die eher untypischen schweren Fälle jüngerer oder mittelalter Erwachsener anlangt: Zum einen werden wegen der mutmaßlich weit höher als bekannt liegenden tatsächlichen Zahl an Infektionen auch in den jüngeren Altersgruppen vorerkrankte Personen betroffen; zum sind die bekanntgewordenen Fälle kritisch betroffener Kinder und Jugendlicher gerade in Italien wohl auch eine Folge des bereits eingetretenen Kollaps des Gesundheitssystems, wo wegen der Vielzahl intensivmedizinischer Betroffener Coronafälle (vor allem Alte und Vorerkrankte) – ab einem bestimmten Punkt dann eben auch für jüngere keine adäquate Behandlung mehr möglich ist.
 
Aber weil die meisten kritischen Fälle nun einmal gesundheitlich Vorbelastete und Hochbetagte sind, und da Senioren ab 65 Jahren ein deutlich erhöhtes Risiko schwerer Verläufe zeigen: Wäre da nicht eine völlig andere Schwerpunktsetzung bei der Prävention sinnvoll? Eben alles für deren Schutz und Abschirmung zu tun – statt mit Notstandsmaßnahmen quer durch die Gesellschaft eine Abschottungs- und Abriegelungspolitik zu verfolgen, die auch (und sogar vor allem) auf Altersgruppen zielt, die mit dem Virus offenbar deutlich besser zurechtkommen? Alle gegenwärtigen drastischen Maßnahmen betreffen Schüler, Studenten, Arbeitnehmer, aktive Teilnehmer von Sport- und Freizeitveranstaltungen. Doch in gerade diesen Bevölkerungsgruppen verläuft die Viruserkrankung mild bis sehr mild. Diese alle in Quarantäne zu nehmen dient weniger ihrem eigene Schutz als der Vermeidung einer weiteren Ausbreitung: Sie sollen die Risikopatienten nicht anstecken. Doch ließe sich dieser Schutz nicht umgekehrt durch Fokussierung auf die Abschirmung der Risikopatienten besser bewerkstelligen?
Abwägung der volkswirtschaftlichen Gesamtschäden
 
Viele der jetzt – von der Kita bis zum Audimax, von der Stadion- bis zur Restaurantschließung – durchgesetzten Maßnahmen sind bei den alten oder hochaltrigen Risikogruppen ohnehin entbehrlich: Die betroffenen Personen nehmen am öffentlichen Leben kaum oder gar nicht mehr teil; weder stehen sie noch im Berufsleben, noch haben sie weitläufige Sozial- oder Intimkontakte. Sie besuchen weder Diskotheken noch Großveranstaltungen, und ihre Berührungspunkte mit den jüngeren Generationen sind – selbst innerhalb der Familien – zwangsläufig begrenzt. Die oft beklagte Einsamkeit und Vernachlässigung der Alten, ihr oft kritisiertes Außenseiter- und Stiefmütterdasein in dieser jugendwahnfixierten, hochindividualistischen bundesdeutschen Gesellschaft, in der die Großfamilie lange ausgedient hat: Hier könnten sie sich als Segen erweisen.
 
Wäre es deshalb nicht sinnvoller, so drastisch es klingt, sehr alte Menschen oder Kranke – so wie aktuell bereits die Pflegheiminsassen – vorübergehend, für die Dauer der Krise von allen nicht unbedingt notwendigen Sozialkontakten abzuschirmen, sie unter eine Art häusliche Langzeitquarantäne zu stellen (sofern sie nicht ohnehin schon in Kliniken und Heimen untergebracht sind), sie nur von mit ihren nächsten Angehörigen und nachweislich Corona-negativen oder geschützten Personen interagieren zu lassen – und das Virus dann über den Rest der Bevölkerung kommen zu lassen? Letzteres natürlich nicht vorsätzlich oder gar proaktiv-beschleunigend (also nicht durch fahrlässige Ansteckung oder gar „Corona-Parties“!); strikte Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen sollten dennoch gelten und jegliche vermeidbaren Übertragungsherde minimiert werden. Doch dann eben ohne Stillegung des öffentlichen Lebens und ohne die katastrophalen Auswirkungen auf die Volkswirtschaft.
 
Im Ergebnis würde sich dann auch nichts anderes ereignen als alles, was sich momentan in künstlich erzeugter Zeitlupe abspielt – doch der Spuk wäre deutlich schneller vorbei, und vor allem würden der Arbeitswelt nicht all jene entzogen, die jetzt auf unbestimmte Zeit unter Quarantäne gestellt werden müssen oder die trotz Infektion nur leicht oder gar nicht beeinträchtigt sind. Natürlich wird es auch dann eine Vielzahl Härtefälle und schwerer Verläufe geben, sogar Tote (vielleicht, wenn irgendwann der Peak erreicht ist und mehrere Millionen gleichzeitig infiziert sind, sogar Tausende) – doch es wären, so bedrohlich die statistischen Zahlen auch anmuten, in den dann betroffenen Bevölkerungsgrippen auch nicht wesentlich mehr als bei mehreren aufeinanderfolgenden sehr heftigen Influenzawellen oder als bei sonstigen temporären Herausforderungen, etwa saisonalen Hitze- oder Kältewellen. Jedenfalls sollte das Ausmaß der klinisch relevanten Fälle – aufgrund des dann ja robusteren Profils der Infizierten – das Gesundheitssystem nicht stärker belasten als die gegenwärtig in Kauf genommenen, trotz Verlangsamungsmaßnahmen zu bewältigenden Krisenpatienten. Kein Arzt jedenfalls, mit dem ich bisher über dieses denkbare Szenario sprach, hat Gegenteiliges behauptet.
Ziel: Baldige Rückkehr zum „Normalbetrieb“, doch wie?
 
Entscheidender Unterschied wäre: Wenn dann auch jede Menge junge und mittelalte Menschen krank werden – das Leben würde im Normalbetrieb weiterlaufen, ohne dass Ökonomie, Arbeits- und Berufsleben, die Märkte, Sport-, Freizeit- und Kulturbetrieb in existentielle Krisen gerieten. Und mit einem Bruchteil der Mittel, die die Regierung nun verzweifelt in die Rettung der Wirtschaft pumpen wird (ohne dass es vermutlich noch etwas retten wird) – Altmeier und Scholz sprachen heute von 500 Milliarden Euro – könnten zusätzliche medizinische Kapazitäten geschaffen werden.
 
Wie gesagt, ich bin Laie, weder Mediziner noch Epidemiologe und schon gar kein Seuchen- oder Katastrophenschutzexperte. Doch mir erschiene es sinnvoller, alles zu tun, die echten Risikogruppen aktiv zu isolieren, Alte, Vorbelastete und Kranke als Hauptgefährdete vom gesamten Infektionsgeschehen fernzuhalten. Solange jedenfalls, bis die Erkrankung einmal durchlaufen und eine Herdenimmunität realisiert ist – statt wegen Corona einen permanenten, monate- oder jahrelangen, kriegsähnlichen Ausnahmezustand zu etablieren, an dessen Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, und „Leben“ dann wirklich zum Überleben wird. Das wäre nämlich der klassische Fall von „Operation gelungen, Patient tot.“