Die Strategie der zwei Geschwindigkeiten – Wie Deutschland die Corona-Krise überwinden kann

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Spätestens in der Vor-Oster-Woche (um den 1. April herum) werden wir sehen, ob wir – wie eigentlich zu erwarten ist – mit den jetzigen Isolations-Maßnahmen die Exponential-Kurve der Neu-Infektionen verlassen können. Zu diesem Zeitpunkt muss dann eine national einheitliche Strategie für die kommenden 6 Monate konsentiert werden, die uns allen wieder Richtung und Hoffnung gibt. Die konsternierten Gesichter von Markus Söder und RKI-Chef Wieler sowie einen Maßnahmen-Wettbewerb der Länder können wir uns heute leisten, in 2 Wochen nicht mehr.

Von Peter Schoenfeldt

Die dann mögliche Strategie der zwei Geschwindigkeiten muss klar kommuniziert werden in ihren drei weitgehend gleichrangigen Zielen:

  1. Besonderer Schutz der Alten und Gefährdeten, insbesondere um die Zeit bis zur Verfügbarkeit einer Impfung bzw. wirksamer Therapeutika zu überbrücken,
  2. Erhalt des leistungsfähigen Gesundheitssystems, bei Minimierung vermeidbarer Todesfälle,
  3. Wiederaufbau des Wirtschaftslebens, mit gewissen Grundformen des Social Distancing, aber im Kern kontrollierter Erreichung einer Herdenimmunität in der jüngeren Bevölkerung.

Im Zentrum steht dabei der Punkt 1, der als Angebot und als Versprechen ausgestaltet werden muss: Alle Rentner und alle chronisch Kranken mit eigenem Haushalt dürfen, wenn sie es wünschen, den besonderen, staatlich garantierten „Corona-Schutz“ („whatever it takes“) in Anspruch nehmen, der insbesondere aus folgenden Teilen besteht:

  1. a) auf Wunsch aufsuchende Versorgung in der häuslichen Umgebung durch geschütztes Personal (Mundschutz, Desinfektionsmittel und Einmal-Handschuhe), im Wesentlichen durch Angehörige und Freiwilligendienste, aber organisiert z.B. über Wohlfahrtsverbände
  2. b) bei Wunsch auf eigenständige Versorgung: ausreichende Ausstattung mit z.B. Atemschutzmasken, Einmalhandschuhen und Desinfektionsmitteln über die Hausapotheke

Hoffnung durch Strategie!

Einen über Monate währenden „Shutdown“ des gesamten Wirtschaftslebens würde auch Deutschland nicht überstehen. Mehr als 10 Millionen Arbeitslose und die jetzt schon erkennbare Explosion von häuslicher Gewalt und Psychosen aller Art würde unser Land auf Jahre hinaus traumatisieren.

In dieser Situation brauchen wir erstens Strategie und Richtung sowie zweitens Hoffnung und Zuversicht! Wenn wir das (gerade auch parteiübergreifend) vermitteln können, werden wir eine ungeahnte Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft erzeugen. Wir haben insbesondere zur Vermittlung von Hoffnung und Zuversicht allen Grund. Wir stehen sowohl in der Exponentialkurve der Sterblichkeit als auch bei den Intensivkapazitäten im internationalen Vergleich noch relativ gut da.

Strategie der zwei Geschwindigkeiten

Wir wissen erstens, dass in Deutschland auch ohne Corona jeden Tag rund 2.500 Menschen sterben. Wir wissen zweitens, dass ein Großteil der an Corona Verstorbenen zu den Schwerkranken oder Hochbetagten gehört, die bis zum Ende des Jahres ohnehin aus anderen Gründen verstorben wären. Beides ist traurig, aber es zeigt, dass der Tod auch ohne Corona-Krise etwas völlig Normales darstellt, was wir leider zu sehr verdrängt haben. Wir müssen gerade in diesen Zeiten lernen, dass es nicht vermeidbare Todesfälle gibt.

Wir wissen allerdings drittens auch, dass bei überlasteten Intensivstationen selbst junge und gesunde Mitbürger an der schweren Pneumonie durch COVID-19 versterben können, ohne dass wir derzeit zu prognostizieren vermögen, wer von den Jungen und Gesunden gefährdet ist. Hier setzt die „Strategie der zwei Geschwindigkeiten“ an: Wenn es uns gelingt, in den Monaten bis zur Verfügbarkeit wirksamer Therapien oder Impfungen die Krankheitslast bei den Älteren durch entsprechende Angebote massiv zu reduzieren, können wir für die Erwerbsfähigen das Wirtschaftsleben allmählich wieder in Gang setzen. Denn dann stünden ausreichend Intensiv- und Beatmungsplätze für die (vergleichsweise wenigen) schwer Erkrankten aus diesem Teil der Bevölkerung zur Verfügung.

Im Ergebnis würde der überwiegend jüngere Teil der Bevölkerung die für das Auslaufen der Pandemie erforderliche Herdenimmunität von 60-70% der Bürger schneller erwerben als der überwiegend ältere Teil. Wenn man den Weg dahin überwiegend mit Angeboten und weniger mit Verboten gestaltet, könnte man weitgehend alle Deutschen auf diesen Weg einschwören und gleichzeitig die verfassungsrechtlichen Probleme minimieren.

Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel

Eine Anmerkung zu Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln für die Bevölkerung: Deren Effekt wurde und wird massiv unterschätzt. Er ist sowohl präventiv als auch psychologisch insbesondere für die Gruppe der Älteren von eminenter Bedeutung. So sehr man Verständnis dafür hatte, dass ihr Effekt für gesunde Nicht-Gesundheitsmitarbeiter zunächst abgewertet wurde, um den Bedarf in Arztpraxen und Krankenhäusern nicht zu gefährden, so sehr müssen sich Bundes- und Landesregierungen jetzt um eine entsprechende Überschwemmung des Marktes kümmern. Diese Kosten sind gegenüber den Kosten des Nicht-Handelns absolut vernachlässigbar.

Emmanuel Macron hat richtiger Weise vom „Krieg gegen Corona“ gesprochen. Wir können unsere Mitbürger nicht in diesen Krieg schicken mit der Botschaft, es reiche aus, Abstand zu halten, sich oft und lange die Hände zu waschen und den Jahrmillionen alten Primaten-Reflex der unwillkürlichen Gesichtsberührung einfach abzustellen. Die entsprechenden Empfehlungen der Regierungsparteien in der historisch schlechten Bundestagsdebatte vom 4. März hörten sich verdächtig nach Volkssturm-Gefasel an.

Während der gesamten Debatte fassten sich permanent irgendwelche Abgeordnete und Mitarbeiter an Mund und Augen, selbst der Gesundheitsminister tat dies während der Regierungserklärung. Ganz zu schweigen von der Dame neben dem Bundestagspräsidenten, die dies minutenlang im Vollbild des Fernsehens machte. Was soll die Bevölkerung davon halten?

Nein! Die Bürger wollen auch ganz persönlich „Waffen“ für diesen Krieg, gerade auch aus psychologischen Gründen. Und wenn sie keine solchen Waffen bekommen, plündern sie eben ersatzweise in den USA die Waffenläden, in Frankreich die Weinhandlungen und in Deutschland die Klopapierbestände. Atemschutz und viruzides Handgel sind dagegen praktisch und psychologisch geeignete Waffen. Die ganzen Experten-Empfehlungen machen die Leute eher wütend und wahnsinnig: Wo kann ich mir in der Straßenbahn oder bei ALDI und LIDL 20 Sekunden lang die Hände mit Seife waschen oder 2 m Abstand halten? Wir werden es sehen: wenn in einigen Jahren SARS-CoV-3 auftaucht, hat jeder Deutsche zu Hause Lagerbestände an Atemschutzmasken und viruzidem Handgel!

Jetzt handeln! Später aufarbeiten!

Wir erinnern uns: am 20. Januar kam das Virus mit Patientin 0 (erwartungsgemäß) auch nach Deutschland. Am 28. Januar, also vor 8 Wochen (!), wurde der deutsche Patient 1 bestätigt. Doch noch heute improvisieren die an der Front stehenden Hausärzte mit selbstgestrickten Atemschutzmasken! Von den fehlenden Schutzausrüstungen für die hochgefährdeten Mitarbeiter auf den Intensivstationen ganz zu schweigen.

Da sind gravierende Dinge schief gelaufen, die nach Überwinden der Krise sorgfältig aufgearbeitet werden müssen, um eine Wiederholung dieser Fehler für die Zukunft auszuschließen. Jetzt müssen wir alle daran arbeiten, die sinnlos vertrödelte Zeit aufzuholen. Die USA haben in ihrem ersten Kriegsjahr 1942 die Panzerproduktion aus dem Nichts von 900 auf 27.000 geschraubt. Da muss Deutschland mit Produktionsgiganten wie BAYER und BASF doch 2020 in der Lage sein, Schutzkleidung für unsere Arzte und Pfleger sowie Atemschutz und Desinfektionsmittel insbesondere für unsere Alten zu beschaffen.