Das bange Hoffen auf die Lockerungen – wenig Anlass für Euphorie

Fünf vor Zwölf (Symbolbild:Imago/Kraft)

Morgen wird sich die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder beraten, wie es mit den Corona-Beschränkungen weitergeht. Die meisten Deutschen erhoffen sich baldige Lockerungen und ein Ende des Shutdowns. Man sollte sich allerdings keinen Illusionen hingeben: Höchstwahrscheinlich wird Merkel alles daransetzen, auch diesmal am Status Quo festzuhalten.

Die Tatsache, dass die Nationalakademie Leopoldina in ihrer Expertise zu den Corona-Maßnahmen zu schrittweisen Öffnungen rät und dass Merkel zuvor orakelt hatte, deren Einschätzung komme bei den weiteren Entscheidungen besonderes Gewicht zu, besagt überhaupt nichts. Regierung und Robert-Koch-Institut hatten zuvor die Ausdehnung des Zeitintervalls der Verdoppelung von Infektions-Fallzahlen als Kriterium für etwaige Lockerungen gemacht: Als diese bei 10 Tagen stand, kündigte Merkel an, Ziel seien zuerst 12 und dann 14 Tage. Vor Ostern stand Deutschland bereits bei 18,5 Tagen – doch nichts geschah.

So willkürlich und unwissenschaftlich die Erhebung der Fallzahlen – bundesweite repräsentative Tests werden nach wie vor nicht durchgeführt – und die Zählung der angeblichen Corona-Toten erfolgt, so unlogisch ist die Eindämmungspolitik insgesamt: Einerseits wird ein Rückgang der Neuinfektionen vermeldet und die Zahl der offiziell als „geheilt“ Geltenden übersteigt mehr als die Hälfte der Gesamtinfizierten seit Ausbruch der Epidemie.

Von diesen positiven Entwicklungen ist natürlich nicht die Rede, wenn die großen Bremser unter den Union-Länderchefs – Saarlands Tobias Hans und Bayerns Markus Söder – ihre Warnungen und Bedenken äußern, um sich als Hardliner des Shutdowns zu profilieren. Söder sagte laut „Spiegel“ dasselbe, was er seit Wochen deklamiert: „Ich kann nicht versprechen, dass sich alles so schnell normalisieren wird, wie sich das manche wünschen.“

Es fehlt jede Strategie und Logik

Andererseits wird nach wie vor von einer bevorstehenden Belastungsprobe für die Kliniken gesprochen, Stichwort „das Schlimmste steht uns noch bevor“, und die „Reproduktionszahl“ mit einer noch immer zu hohen Rate von „zwischen 1 und 1,1“ angegeben. Überdies fehlt jede Langfriststrategie: Wenn es zu der – von der Leopoldina angeratenen – schrittweisen Öffnung von Schulen, Behörden und Geschäften kommt, ist ein mittelfristiger Wiederanstieg der Infektionszahlen unvermeidlich.

Dieser muss dann auch mutig ausgehalten werden. Die Regierung sollte gleich sagen, dass sie einen Wiederanstieg der Fallzahlen zu akzeptieren bereit ist – und nicht bei den ersten Kassandrarufen des RKI überreagiert und den womöglich zweiten, dann letalen Lockdown einleitet.

Und sie muss, parallel zu den Lockerungen, endlich eine verlässliche Datenbasis schaffen – durch einheitliche und wiederkehrende Tests in demoskopisch ausgewählten Stichproben der Gesamtbevölkerung, anstelle der ausschließlichen Testung von Verdachtsfällen. (DM)