Etliche sind längst immun: Corona viel weiter verbreitet als gedacht?

Covid-Impfung - ein unsicherheitsbehaftetes Unterfangen (Symbolbild:Imago/FutureImage)

Äußerst aufschlussreiche Corona-Testergebnisse erbringen flächendeckende Untersuchungen bislang immer da, wo sie schon durchgeführt wurden. Während in Deutschland repräsentative Erhebungen zur wahren Verbreitung des Virus (und bereits erfolgten Immunisierung der Bevölkerung) noch immer fehlen, zeigen Massentests im Ausland, dass die Corona-Verbreitung viel weiter fortgeschritten ist als bisher bekannt – und damit die Gefährlichkeit von Covid-19 womöglich maßlos überschätzt wird.

In Deutschland wurde die Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck, der von rund 15 Prozent Immunisierung der Bevölkerung und einer subsequenten Sterblichkeit von 0,37 Prozent ausging, noch als unwissenschaftlich oder fehlerbehaftet zerpflückt, da ging eine andere hochinteressante Meldung im Medientheater beinahe unter: In der baden-württembergischen Erstaufnahmeeinrichtung Ellwangen wurden – nachdem einige wenige Flüchtlinge über Symptome klagten – alle 580 Insassen getestet; und siehe da: die Hälfte von ihnen war Corona-positiv – ohne irgendetwas davon bemerkt zu haben. Es war der erste vergleichbare Flächentest dieser Art.

Gestern überraschte sodann die Meldung, dass im Silicon Valley – einer bislang eher weniger stark von Covid-19 betroffenen Region Kaliforniens – im Rahmen einer von der Universität Stanford durchgeführten Kohortenuntersuchung von 3.300 Freiwilligen bereits jetzt zwischen 2,5 und 4,1 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen Sars-CoV2 im Blut hatten. Die reale „Durchseuchung“ lag damit 50- bis 85-mal über der Zahl der offiziell registrierten Fälle – und weit höher als erwartet. Wie das Schweizer Portal „nau.ch“ berichtet, legen die Daten nahe, dass bereits am 1. April im County Santa Clara „zwischen 48.000 und 81.000 Menschen eine Infektion mit dem Virus durchgemacht“ haben müssen. Gemeldet waren zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 956 Fälle.

Nun gibt es ähnlich spektakuläre Resultate aus Südtirol: Dort wurden alle Einwohner im Ort St. Ulrich flächendeckend auf Antikörper getestet. Bei annähernd 49 Prozent der getesteten 456 Personen wurden solche gegen Covid-19 nachgewiesen – die Hälfte der Bevölkerung, von denen die meisten von einer Infektion gar nichts wussten, weist somit bereits eine „längerfristige Immunität“ auf. Auch hier entsprechen die Testresultate nahezu dem 50-fachen der Zahlen in den offiziellen Sanitätsbetriebsstatistiken, schreibt „Südtirol Online„.

Frühzeitiger Ausbruch sorgte für Immunisierung

Der an der Studie beteiligte St. Ulricher Gemeindearzt Dr. Simon Kostner erklärte laut dem Online-Magazin: „Das ist, auf die Bevölkerung hochgerechnet, das 40- bis 50-Fache der offiziell 53 Infizierten. Für mich ist das nicht so überraschend, denn in Gröden sind die Infektionen bereits ausgebrochen, als in Terlan der erste Covid-19-Infizierte festgestellt wurde. Unsere Grippewelle war eine Coronawelle. Ich gehe davon aus, wenn man in Wolkenstein testen würde, wäre der Anteil noch höher. Das Erfreuliche ist, dass wir schon eine gewisse Herdenimmunität haben. Bei 80 Prozent Infizierten rottet sich das Virus selbst aus, weil es keine Ansteckungsmöglichkeiten mehr findet“.

Die Studienleiter folgern aus den Zahlen, dass eine „baldmögliche Öffnung“ erfolgen müsse, um die Herdenimmunität der Bevölkerung zu beschleunigen – bei effizientem Schutz für Risikogruppen. Allerdings muss auch ein wichtiges Fazit betont werden: Die tatsächliche Mortalität von Covid-19 – das zeigt auch die Südtiroler Untersuchung – ist angesichts der um ein Vielfaches größeren Zahl an Menschen, die davon bereits betroffen waren, deutlich niedriger als bisher angenommen. (DM)