Künstliche Beatmung – die Lizenz zum Gelddrucken

Sauerstoffgabe als Vorstufe künstlicher Beatmung (Foto:Imago/PhotoAlto)

Fehlanreize im Gesundheitswesen sorgen dafür, dass bestimmte Eingriffe und Behandlungen in Krankenhäusern häufiger und länger als nötig durchgeführt werden – zum Beispiel auch künstliche Beatmungen. Verdankt Deutschland sein mehr als glimpfliches Abschneiden in der Corona-Krise einem Systemfehler und der ökonomischen Gier der Kliniken?

Die intensivmedizinischen Kapazitäten deutscher Kliniken sind riesig – und sie sind bei weitem nicht ausgelastet. 13.000 Beatmungsbetten waren gestern landesweit frei – und das, obwohl die Politik unvermindert die Gefahr von Versorgungs- und Behandlungsengpässen an die Wand malt, sollte es auch nur kleinste Aufweichungen der Kontaktbeschränkungen geben.

Dass Deutschland mit 33,9 Intensivbetten pro 100.000 Einwohnern eine der besten Versorgungsquoten weltweit aufweist, ist allerdings nicht unbedingt eine Folge der besonderen Effizienz des hiesigen Gesundheitswesen oder ärztlicher Weitsichtigkeit – sondern mutmaßlich Folge frappierender Fehlanreize. Es geht, wie fast immer, um den schnöden Mammon.

Im gestrigen „Welt„-Interview erklärte der Gesundheitsökonom Jörg Wasem, dass sowohl die Menge an Beatmungsbetten (selbst in kleinen und mittelgroßen Kliniken) als auch der häufige Einsatz von Beatmungsgeräten auf die geltende Vergütungspraxis nach Fallpauschalen zurückzuführen sind. „Kliniken versuchen, Patienten möglichst lange zu beatmen“, so Wasem. Es ist ein ähnliches Phänomen wie in anderen Bereichen der Medizin: Aus denselben Gründen werden oft überflüssige Operationen durchgeführt und stationäre Aufenthalte künstlich in die Länge gedehnt.

Möglichst lange am Schlauch bringt Cash

Bei Beatmungsgeräten besonders ist der Zeitfaktor lukrativ: Je mehr Stunden der Patient am Schlauch hängt, umso mehr Geld gibt es; beträgt die Beatmung mindestens 95 Stunden, steigt die Vergütung sprunghaft. Mit fatalen Konsequenzen „Sie finden daher wenige Patienten, die 94 Stunden beatmet werden… Die Krankenhäuser denken ökonomisch und haben daher in den vergangenen Jahren verstärkt auf Intensivbetten gesetzt“, so der Experte.

Dieser medizinethisch an sich verwerfliche Umstand erwies sich nun als Glücksfall – weil Deutschland auf diese Weise weit besser für einen möglichen Covid-19-Patientenansturm gerüstet war und ist als jedes andere europäische Land (sogar als Österreich, das mit 28,9 Betten pro 100.000 Einwohnern ebenfalls gut aufgestellt ist). Da die Belastungsgrenzen des Gesundheitssystems nicht annähernd erreicht sind, kann sich Deutschland sogar seit Wochen erlauben, Patienten aus dem Ausland annehmen.

Da die Behandlungskosten der „solidarisch“ aus dem EU-Ausland aufgenommenen schweren Covid-19-Verlaufsfälle vom deutschen Steuerzahler aufgebracht werden und der Staat zudem für die in Erwartung der Pandemie vorsorglich freigehaltenen Bettenkapazitäten in deutschen Kliniken hohe Ausfallgelder zahlt (560 Euro pro Tag und Bett), drängt sich allerdings die Frage auf, ob durch die Corona-Krise nicht gleich die nächsten falschen Impulse gegeben werden – und die Kliniken von der gegenwärtigen Ausnahmesituation dergestalt profitieren, dass sie diese möglichst lange aufrechterhalten möchten.

Womöglich ist vielleicht auch gar nicht jeder Intubierte wirklich beatmungspflichtig? Darauf würde auch die Tatsache hindeuten, dass die Mehrzahl der als „Corona-Tote“ geführten Verstorbenen gar nicht an Lungenversagen starb. (DM)