Coronakrise: Absturz vorprogrammiert?

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Wie es ausgeht mit der jetzigen Krise und erst recht mit der folgenden sozialen Krise, das weiß noch keiner. Gewiss ist jedoch: In den nächsten Jahren und Jahrzehnten können sich die heutigen hochentwickelten, komplexorganisierten, ökonomisch eng vernetzten, jedoch gerade deswegen verletzlichen Gesellschaften der Welt keine solche Krise mehr leisten, wenn es nicht einen Absturz ungeheuren Ausmaßes samt revolutionären Veränderungen geben soll.

Von Wolfgang Hübner

Ein solcher Absturz ist schon zum jetzigen Zeitpunkt keineswegs auszuschließen. In der Konsequenz dieser Erkenntnis ist es für die Befürworter der Aufrechterhaltung der real bestehenden Gesellschaftsordnungen, also vermutlich für die große Mehrheit der Menschen zumindest in den hochentwickelten Staaten, notwendig, zu diskutieren und zu bestimmen, welche Risiken und Opfer sie für die Weiterexistenz ihrer Risikogesellschaften auf sich nehmen wollen – und welche nicht.

Denn zweifellos existieren wir in Deutschland wie anderswo in vielfältigen, sogar extremen Risikogesellschaften: Wir leben mit Waffen, die sämtliches menschliches Leben auf dem Globus auslöschen können; wir gebrauchen Maschinen, deren Versagen uns auf den Straßen, den Schienen und in der Luft jederzeit in den Tod befördern kann; wir vertrauen einem Finanz- und Wirtschaftssystem, das mit zunehmend abenteuerlicheren Maßnahmen am Laufen gehalten wird, dessen kommenden Absturz aber selbst seine größten Profiteure nicht mit guten Argumenten bestreiten können. Und wir überfordern mit immer mehr Milliarden Menschen die naturhaften Grundlagen menschlichen Seins mit rücksichtsloser Maßlosigkeit.

Wenn all das sowie noch einiges mehr fortgesetzt und aufrechterhalten werden soll, dann darf es bei der nächsten Pandemie vom Ausmaß und Gefährdungsgrad der aktuellen Version keine wie die seit Wochen ergriffenen Maßnahmen mehr geben. Denn dann müssen die Risikogesellschaften auch das Risiko auf sich nehmen, ein oder zwei Prozent ihrer Bevölkerungen notfalls zu opfern, um nicht zu kollabieren. Soll aber dieses Opfer nicht riskiert und im Notfall auch gebracht werden, dann muss es sehr bald einen fundamentalen Umbau und Rückbau des weltweiten Risikosystems der Risikogesellschaften geben.

Kontrolle und Überwachung für das Weiterso

Um konkreter zu werden: Für Deutschland würde das einen Verzicht auf die extreme Exportorientierung seiner Ökonomie bedeuten, damit auch die Aufgabe seiner ökonomischen Dominanz in der EU. Was das für die EU und den Euro bedeuten würde, lässt sich leicht ausmalen. Und selbstverständlich hätte das auch einschneidende soziale Folgen in der deutschen Gesellschaft. Eine davon wäre die Beendigung der Einwanderung fremdkultureller Armut mit all ihren längst offensichtlichen Risiken. Auch das Konsumverhalten, vom Billigimport aus China oder Vietnam bis zu massenhaften Fernreisen mit Flugzeug oder Kreuzfahrtschiffen, müsste sich, wie vieles andere, radikal ändern.

Wenn in Deutschland, Italien oder Frankreich noch einmal so relativ wenige Menschen mit so einschneidenden Maßnahmen wie den jetzigen gerettet werden sollen, dann wäre es Lüge und Selbstbetrug, wollte man nach Beendigung der Virus-Krise einfach weitermachen wie bisher in der Hoffnung, nie wieder solchen Prüfungen ausgesetzt zu werden. Allerdings ist eine fundamentale Umkehr schon deshalb unwahrscheinlich, weil das Heil für die Fortsetzung der existierenden Gesellschaftssysteme nun in immer stärkerer technikbasierter Kontrolle und Überwachung der Menschen gesucht wird.

Als Preis für das Weiterso ist nämlich mit der massiven Einbuße an Freiheits- und Autonomierechten zu rechnen. Die meisten Menschen dürften diesen Preis bezahlen wollen, um weiter in Gesellschaften leben zu können, deren Risiken sie lieber nicht wahrnehmen möchten. Allerdings werden sie in einer trügerischen Sicherheit leben. Denn es muss nicht die nächste infektiöse Pandemie sein, die ihr Dasein erschüttern kann – es ist die Pandemie der extremen Risikogesellschaften selbst, die das jederzeit zu bewirken vermag.

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