Querfront gegen Corona-Diktatur? In Berlin rebelliert ein bunter Haufen

Verhaftung eines Lockdown-Gegners. Foto: Paul Klemm

Hippies, Patrioten, Linke – gegen den staatlich verordneten Lockdown hat sich eine Allianz gebildet, die Menschen aus völlig verschiedenen Lagern umfasst. Am Samstag sind trotz Demonstrationsverbot über 1000 Menschen auf die Straße gegangen. Der Staat reagierte mit brachialer Gewalt. 

von Paul Klemm

Um 14.30 Uhr treffe ich auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte ein. Der Himmel ist wolkenlos, Spatzen tschilpen, auf dem Rasen vor der Volksbühne liegen Menschen und sonnen sich. Ein hübsches großstädtisches Idyll – wenn da nicht dutzende von Polizeiwagen wären, die auf dem Platz und auf allen Zufahrtsstraßen stehen und das Treiben der Freizeitler penibel überwachen. Auffällig sind auch die vielen Banner, die aus den Theatergebäuden und aus der linken Parteizentrale im Karl-Liebknecht-Haus hängen. „Wir sind nicht eure Kulisse. Bleibt zu Hause!“ steht darauf geschrieben. Ein Einsatzwagen fährt vor, aus seiner Lautsprecheranlage dröhnt die Stimme eines Polizisten: „Diese Ansammlung wird heute hier nicht stattfinden!“ und „Personenansammlungen von mehr als zwei Personen sind nicht zulässig.“ Ein Mann, der mit verschränkten Beinen auf seiner Picknickdecke sitzt, muss lachen: „Die Ansammlung findet doch schon längst statt.“ Er hat Recht: im Grunde genommen ist die Demonstration schon in vollem Gange. Sie besteht darin, dass sich die Bürger einfach nicht an die staatlich festgelegten Corona-Maßnahmen halten. Dass sie hier im Schein der Frühlingssonne liegen oder in kleinen Grüppchen zusammenstehen und sich unterhalten. Allein die Tatsache, dass keiner von ihnen einen Mundschutz trägt, ist für den Staat die reinste Provokation. 

Polizei: „Bleiben Sie zu Hause!“. Foto: Paul Klemm

Wenig später klingelt mein Telefon. Ein Reporterkollege sagt mir, dass er von den Einsatzkräften nicht mehr zum Platz durchgelassen werde. In den Zufahrtsstraßen seien Absperrungen errichtet worden, keiner käme mehr durch. Ich bemerke, wie die Polizisten sich grüppchenweise aufteilen und zwischen den Leuten patroullieren. Wenn sie feststellen, dass jemand die anderthalb Meter Abstand nicht einhält oder mit mehr als einem Mitmenschen zusammensitzt, wird er zum Gehen aufgefordert. Auf einer am Lautsprecherwagen befestigten Neonreklame, erscheint mantrahaft die Botschaft „Bleiben Sie zu Hause!“ Blechern tönt es dazu aus den Lautsprechern: „Die Ansammlung wird heute hier nicht stattfinden!“ Gegen diese Beschallung erhebt sich auf einmal eine zarte Frauenstimme. Sie singt das Lied „Die Gedanken sind frei“ – und alle auf der Wiese stimmen spontan in den Gesang ein. Ein Gefühl von Zusammenhalt und friedlichem Widerstand wallt unter den Versammelten auf. In den von Mundschützen verdeckten Gesichtern der Polizeibeamten jedoch regt sich keine Miene. Maschinenhaft befolgen sie die Weisungen der Einsatzleitung. Dann gibt es die erste Festnahme. Ein älterer Mann wird abgeführt. „Was hat er gemacht?“, will ein Journalist wissen. Er bekommt keine Antwort. 

Patrouillen der Corona-Polizei. Foto: Paul Klemm

Währenddessen haben sich auf der Rosa-Luxemburg-Straße hunderte vor der polizeilichen Absperrung versammelt. Sie fordern, hindurchgelassen zu werden – schließlich war für 15.30 Uhr der Demonstrationsbeginn geplant. Dicht an dicht drängen sich die Menschen in der engen Häuserschlucht. Mit ihrem Vorgehen irritiert die Polizei. Warum hält sie die Menschen auf? Auf dem weiten Platz gäbe es doch ein sehr viel geringeres Ansteckungsrisiko als auf der mit Autos geparkten und mit Bäumen bepflanzten Straße. Die Stimmung heizt sich immer weiter auf. Menschen bepöbeln die Polizei, die droht mit „Identitätsfestellungen und Freiheitsbeschränkungen“.

Massives Polizeiaufgebot in der Rosa-Luxemburg-Straße. Foto: Paul Klemm

Als die Einsatztkräfte dann ihre Helme aufsetzen, die Gurte zuziehen und nochmal den Sitz ihrer Atemschutzmasken prüfen, erstarre ich regelrecht in Spannung. Auf einem Fahrradständer habe ich mir eine Art Hochsitz gesichert, von wo aus ich die Lage gut überlblicken und Fotos schießen kann. „Das wird unschöne Bilder geben“, höre ich noch einen Polizisten sagen, bevor das Absperrgitter aufgedrückt wird und die Stoßtrupps vorrücken. Unter Pfiffen und Schreien entsteht vor meinen Augen ein wildes Handgemenge, in dem man nur schwer etwas erkennen kann. Dann kehren die ersten Polizisten zurück, in ihrem Griff zappeln und zucken festgenommene Demonstranten. Auch ältere Menschen sind dabei, denen gnadenlos die Arme auf den Rücken gebogen werden. Eine Frau beteuert verzweifelt, dass sie sich nur die Schuhe hätte zubinden wollen und gar nicht zur Demonstration gehöre. Auch sie landet in Gewahrsam.

Als Mumie verkleideter Demonstrant wird festgenommen. Foto: Paul Klemm

Einer nach dem anderen wird an mir vorrübergetragen, bald schon leert sich die Rosa-Luxemburg-Straße wieder. Gleiches widerfährt den Versammelten auf anderen Zufahrtsstraßen, über 100 Festnahmen wird es an diesem Tag geben. Die DDR-Oppositionelle und Biologin Angelika Barbe, die sich als prominentes Gesicht auf der Demonstration eingefunden hat, kann die polizeiliche Härte nicht nachvollziehen. „Das Verfassungsgericht hat ja vorige Woche zur Stuttgarter Demo geurteilt, dass natürlich Demonstrationen gestattet werden müssen und das man, wenn man die Regeln hier einhält, selbstverständlich für seine Grundrechte streiten darf“, erklärt sie. (Ein ausführliches Statement von Angelika Barbe und einige Videoaufnahmen vom Geschehen sehen Sie im unten verlinkten Video.) 

DDR-Bürgerrechtlerin Angelika Barbe. Foto: Paul Klemm

Binnen zweier Stunden gelingt es der Polizei, alle umliegenden Straßen und schließlich auch den Platz selbst von Protestlern freizumachen. Damit haben die Einsatzkräfte eine Versammlung zerschlagen, die bunter und unangepasster nicht hätte sein können. Im Kampf für die Wiederherstellung der grundgesetzlich garantierten Freiheiten sehen sich plötzlich Menschen aus unterschiedlichsten Lagern Seite an Seite auf der Straße stehen. Darunter Hippies, AfDler, Kommunisten, christliche Gläubige oder Bürgerrechtler wie Angelika Barbe. Rastafari spazieren da neben Opas mit Deutschland-Shirts, esoterikversessene Veganer treffen auf tätowierte Rockmusiker. Sie mag vieles trennen. Doch in einem sind sie sich einig: die Corona-Bestimmungen sind Unrecht. Und Unrecht muss bekämpft werden. Auch für nächste Woche ist wieder eine Demonstration geplant.