„Welt“-Hofberichterstattung bizarr: Corona-Krise als Merkels Sternstunde

Merkel, Merkel über alles (Foto: Collage)

Die „Welt“ übertraf sich am Wochenende wieder selbst mit Elogen auf das famose Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung. In geradezu byzantinischer Ergebenheit feierte das Springer-Blatt für (Pseudo-)Intellektuelle Angela Merkels Kanzlerschaft, die in der Corona-Krise ihren „Helmut-Kohl-Moment“ gefunden habe.

Sinngemäß heißt es da: Merkel, die nach fast 15 Jahren Kanzlerschaft ihren Zenit lange überschritten hatte, sei durch die Pandemie gewissermaßen eine geschichtliche Chance beschert worden, in der sie ihre wahre Größe unter Beweis stellen könne – ganz so, wie die deutsche Einheit für Helmut Kohl zum geschichtsträchtigen Schicksalsmoment seiner Regierungszeit geworden sei. Die Wiedervereinigung (welche die Folge von Kohls Regierungskunst war) und die Pandemie (auf die Merkel wie alle politischen Führer allenfalls reagiert) als gleichermaßen historische Meilensteine? Bis auf die wohl ähnlich hohen Folgekosten hinkt der Vergleich in jeder Hinsicht.

Um diese aberwitzige These dennoch zu untermauern, behauptet die „Welt„, Kohl sei vor dem Mauerfall politisch am Ende gewesen: „Seit geraumer Zeit war es vorbei mit der Tatkraft des CDU-Vorsitzenden, der sieben Jahre zuvor mit dem Ziel ins Kanzleramt eingezogen war, die ‚geistig-moralische Wende‘ in die Tat umzusetzen… Kohl wirkte verbraucht, seine Regierung ideenarm, die Wirtschaft kränkelte, und die Arbeitslosenquote blieb hoch“. Eine völlig absurde Darstellung: Kohl war in seiner zweiten Amtszeit unangefochtene Führungsperson in Staat und auch in der Union; es gab weder Ermüdungserscheinungen noch Nachfolgedebatten wie bei Merkel.

Verklärung von Kohls historischer Berufung

Der Legendenbildung der „Welt“ tut dies keinen Abbruch: „Der 9. November 1989 änderte alles… Schien Kohl eben noch wie ein Kanzler auf Galgenfrist zu sein, wirkte der Fall der Mauer auf den Endfünfziger wie ein Lebenselixier.“ Genau das sei nun bei Angela Merkel durch die Corona-Krise eingetreten; die Kanzlerin habe eine neue Aufgabe gefunden – und so wie Kohl „voller Schwung“ und als Kanzler „wieder im Spiel“ gewesen sei,

Ganz so auch bei Merkel: „Die Corona-Krise änderte alles“, jubelt das Blatt, und fährt fort: „Seit Ausbruch der Pandemie ist die Kanzlerin zurück im Spiel. Mehr als das: Unangefochten steht sie im Mittelpunkt desselben. Ruhig, souverän, entschlossen führt sie nicht nur die Geschäfte, sondern bewegt die Dinge in die von ihr gewünschte Richtung, übt gleichsam auf leisen Sohlen Macht aus.“
Das also ist alles, was deutschen Journalisten über eine Regierungschefin einfällt, deren Krisenmanagement in Wahrheit an Fragwürdigkeit und Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten ist. Vergessen scheint, dass die Kanzlerin sich erst nach Wochen überhaupt mit einer Stellungnahme ans Volk wandte, nachdem sie zuvor untergetaucht war – und auch erst, nachdem sie von Politikern aller Parteien dazu förmlich gedrängt worden war. Bis zuletzt sträubte sich Merkel, die Grenzen zu schließen.
Kritiklose Speichelleckerei
Eine 2012 erstellte umfangreiche Pandemie-Risikoanlyse ließ ihre Regierung unbeachtet, stattdessen verschenkte ihr Außenminister kurz dem Ausbruch noch tonnenweise Atemmasken und Schutzausrüstung ins Ausland. Seit dem Shutdown widersprach sich die Kanzlerin bei den Zielkriterien, die angeblich den Ausschlag für teilweise Lockerungen geben sollten, ständig selbst – und setzte mit ihrem Unwort von „Öffnungs-Diskussions-Orgien“ noch einen drauf. Das Hin- und Her beim Maskenzwang, keine repräsentativen Erhebungen zum Infektionsgeschehen und das Debakel um eine Corona-App runden das Bild ab.

Als Fazit all dessen bleibt zu konstatieren: Wenn Deutschland im internationalen Vergleich in der Corona-Krise so gut dasteht, dann trotz und nicht wegen Merkel. Im Hause Springer, wo allenfalls in der „Bild“ unter Julian Reichelt gelegentliche kritische Schärfe durchkommt, scheint man die Entwicklung durch regierungstreue Scheuklappen zu verfolgen. Für die Reichweite der Zeitung scheint dieser redaktionelle Kurs eher kontraproduktiv: Die Auflage sinkt kontinuierlich, wie auch die der anderen sogenannten „seriösen“ Medien der linkslastigen Mainstreampresse, von „Spiegel“ über „Zeit“ bis „Stern“. Bei der „Welt“ ist die Tendenz besonders dramatisch: Nur noch 53.478 Abos und Einzelverkäufe verzeichnete das Blatt im ersten Quartal 2020 – ein Rückgang von extremen 23,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.

Die „Welt“, so der AfD-Europaabgeordnete Nicolaus Fest, „ist inzwischen das, was rumänische Medien zur Zeit des Diktators Ceuasces waren: Eine Spartakiade im Fremdschämen“; ihre bevorzugte Disziplin seien offenbar Lobgesänge auf die Kanzlerin. Fast jeden Tag macht die ‚Welt‘ den Stiefellecker“, so Fest, der über die Merkel-Berichterstattung resümiert: „Politisch klügere Journalisten hätten solch eine Politikerin längst zum Teufel gejagt!“. (DM)