8.Mai: Wer nur der Erlösten gedenkt, verhöhnt die Vernichteten

Foto: Imago

Zum 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation wird wieder der Vorschlag laut, den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ zum gesetzlichen Feiertag zu deklarieren, was er im fortschrittlicheren Deutschland bekanntlich längst war. Ich möchte keinem einzigen NS-Opfer zu nahe treten, aber allen anderen, die mit diesem erpresserischen Vorschlag daherkommen, desto mehr.

Von Michael Klonovsky für Acta diurna

Der 8. Mai ist ein durch und durch ambivalentes Datum; mit den Worten von Theodor Heuss war Deutschland damals „erlöst und vernichtet“ zugleich, und wer nur der Erlösten gedenkt, verhöhnt die Vernichteten. Nicht nur das mörderische NS-Regime fuhr zur Hölle, sondern Deutschland wurde sowohl als eigenständiger Staat als auch buchstäblich zerschlagen. Es gab Millionen Deutsche, die befreit, aber eben auch Millionen, die nicht befreit wurden.

Ich habe mehrfach darüber geschrieben (etwa hier oder hier) und halte die Idee, die Eroberung Osteuropas und Mitteldeutschlands durch Stalins Terrorsystem als „Befreiung“ zu feiern, für pervers. Hier tritt eine Mentalität zutage, die keinerlei Differenz mehr erträgt und eine Exkulpation des Kommunismus in den Kauf nimmt, um Deutschland geschichtspolitisch zu erledigen. Denn darauf läuft es hinaus: Mit der Nobilitierung des Sieges der Alliierten zum Nationalfeiertag würde praktisch jede Verbindung zum Deutschland vor Hitler durchtrennt. Man würde außerdem Abertausende vertriebene, ermordete, vergewaltigte und ausgebombte Zivilisten zur Quantité négligeable erklären und buchstäblich auf Gräbern von Kindern feiern. Jede Empathie gegenüber den Opfern der Sieger, sofern sie zum Einspruch gegen eine solche selektive Gedenklogik führte, würde aber als NS-„Relativierung“ (was immer das sein soll) und in nächster Stufe als NS-Sympathisantentum stigmatisiert und kriminalisiert. Es wäre der ultimative Triumph Kreons über Antigone bei gleichzeitiger Exkommunikationsdrohung gegen Sophokles. Es wäre eine Art historischer Selbstmord, eine Rückkehr in die DDR.

Im Übrigen kamen weder die Sowjets noch die Amerikaner oder die Briten seinerzeit auf den Gedanken, den Sieg über Deutschland als Befreiung zu betrachten. Die bekannte Direktive JCS 1067 der US-amerikanischen Generalstabschefs an den Kommandeur der US-Streitkräfte in Deutschland und Militärgouverneur über die amerikanische Besatzungszone vom April 1945 begann ganz unsentimental mit den Worten: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.“ Als man Churchill Fotos von zerbombten deutschen Städten zeigte, murmelte er nichts von Befreiern, sondern von Barbaren, womit er diesmal nicht die Krauts meinte. Aber wie Sir Winston ebenfalls und wahrscheinlich letztgültig feststellte, hat man diese Deutschen entweder an der Kehle, oder sie lecken einem die Stiefel.

Vor einigen Monaten schrieb mir ein Leser zu diesem Thema Folgendes:

„Es ist eine Überspitzung, aber man nähert sich vielleicht einer Wahrheit, wenn man sagt, dass die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945 zu weiten Teilen damit befasst ist, die Diktate der Sieger von 1918 und 1945 historisch zu legitimieren. Das genaue Ausmaß an Verschleierung und Tendenziosität kann ich (wiewohl – oder weil? – gelernter Historiker) auf Grund der wesentlichen Einstimmigkeit der meisten anerkannten historiografischen Darstellungen nur erahnen, aber selbst eine bloße Ahnung kann einem den Atem rauben.

Aber allemal kann man sich, zumindest für einen Augenblick, gleichsam mit Folgendem beruhigen: Mit der Tendenz zu oftmals schlecht begründeter historischer ‚Selbst‘-Anklage – richtiger und genauer: zu schlecht begründeter Anklage, Diffamierung der eigenen Ahnen aus der Zeit vor bestimmten Stichdaten – stehen ‚wir‘, zweimalige Verlierer von Weltkriegen, nicht allein da, sondern reihen uns vielmehr ein unter die westlichen Siegermächte. (Die allerdings andere Stichdaten und -wörter haben als ‚wir‘. ‚Kultureller Selbsthass des Abendlands‘ ist ein von konservativen Autoren gelegentlich verwendeter ‚umbrella term‘, der das Gemeinte wohl umfasst, aber ebenfalls nicht präzise genug ist.)

Und die Sache hat auch, selbstverständlich, ihre Vernunft: Was den deutschen Fall betrifft, wird so nicht nur das Verhalten der Sieger legitimiert; die Pläne des darin webenden Geistes sind umfassender. Man suggeriert mit solcher historischer ‚Selbst‘-Anklage auch, wie viel besser man sei, nun man sich die Orientierungen der Sieger von einst zu Eigen gemacht hat; man arbeitet sich damit vor in Richtung auf das Recht, sich nun, nach glücklichem Vollzug des ‚Langen Wegs nach Westen‘ (Heinrich August Winkler), an ihre Seite zu stellen; damit insbesondere auf die Seite des seit Anfang der 1990er ganz ungehemmt triumphierenden Atlantismus.

Zuletzt verschmilzt der Sinn der deutschen ‚Selbst‘-Anklage mit dem der ‚Selbst‘-Anklagen der Freunde im Westen: Sie dienen nahezu unmittelbar der Stärkung des Glaubens, es sei, was als Neo-Imperialismus, als kalte Interessens- und Machtpolitik kapitalistischer Eliten erscheinen könnte, im Eigentlichen nichts als die Realisierung der endlich errungenen, wahrhaft universalen praktischen Wahrheit, der von aller schäbigen Affektion und Modifikation durch bloß partikulare Interessen endlich ganz und gar gereinigten Antwort auf die Frage ‚Was tun?‘ (Kant – und Lenin 1902!). Jener angeblich absoluten Wahrheit, m. a. W., die auch schon die Grundlage des Terreur der Jakobiner ausmachte.

Dabei setzt die ‚Selbst‘-Anklage zunächst darauf, als echte Selbstanklage aufgefasst zu werden: Wer die eigenen Ahnen so vernichtender Kritik aussetzt, rechnet heimlich auf Effekt gerade bei einem Publikum, bei dem noch Geltung hat, was etwa auch der Aufklärer Lessing noch seinen Nathan als sicheren gemeinsamen Untergrund aller, auch der fundamentalsten Kontroverse formulieren lässt (Nathan der Weise, „Ringparabel“, 3. Aufzug, 7. Auftritt, V. 1980–1986):

Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? […]
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –

Sieh, meine Wahrheit ist so ernst, das gibt ein solcher ‚Selbst‘-Kritiker zu verstehen, dass in ihrem Angesicht selbst so ein altehrwürdiger Grundsatz in den Staub sinkt! Meine Gerechtigkeit ist erhaben über die Bande des Blutes! Gerade wem diese Bande viel bedeuten, dem muss die ‚Objektivität‘ und Prinzipientreue desjenigen, der sogar seine Ahnen verdammt, Ehrfurcht abnötigen. Ein Kollektiv, das zu solchem Urteil über sein eigenes früheres Tun fähig ist, von dem, so muss ein traditionalistisches Publikum zu denken verführt sein, werden die angeprangerten Untaten dann ja fürderhin nicht mehr zu erwarten sein.

Selbstverständlich wird eine solche Reaktion in der Konfrontation mit dem realen (non-verbalen) Agieren des ‚Freien Westens‘ unweigerlich zu Enttäuschungen führen.

In Wahrheit ist aber die Erwartung, der ‚Freie Westen‘, der seine Vergangenheit doch in dermaßen kritischem Licht ausstellt, müsse aus den selbst eingestandenen Fehlern und Sünden gelernt haben, nicht einfach nur blauäugig, sondern greift v. a. am innersten Wesenskern der hinter den historischen ‚Selbst‘-Anklagen stehenden Ideologie vorbei: Ihrem tiefsten Sinn nach sind sie überhaupt keine reflexiven Urteile der Form ‚Wir haben damals das-und-das falsch gemacht‘, sondern bestehen in einem Rückzug aus dem angeklagten ‚Wir‘, ja letztlich in einer Problematisierung jedes ‚Wir‘ als solchen (Hervorhenung von mir – M.K.). Das Scheißen auf die eigenen Ahnen nährt einen Individualismus, durch den es schließlich überhaupt unmöglich wird, sich noch irgendeinem lebendigen, handlungsfähigem Kollektiv von einigem Gewicht zugehörig zu fühlen; einen Individualismus, der in der Konsequenz die Vernichtung nicht nur der durch ‚primordiale Bindungen‘ (Clifford Geertz) gestifteten Kollektive (Familie, Volk, die Religion, in die man „hineingeboren“ wurde) betreibt, sondern des Kollektiven überhaupt, als etwas das Individuelle wesensmäßig Übersteigendes; eine extreme revisionary metaphysics (Strawson), die einen Sturmangriff auf unser Kategoriensystem führt.

Was dieser Sturmangriff übriglassen will, ist bestenfalls eine zum Abstraktum degenerierte Menschheit. Eine hohle Phrase, die alles und nichts besagt, deren Antonym ‚Unmensch‘ mithin leicht an jeden Beliebigen zu heften ist, der Anstalten zu irgendeiner Form von partikularistisch-kollektivistischem Widerstand macht.“

Dieser Beitrag erschien zuerst hier