75 Jahre Kriegsende: Steinmeiers Nationalmasochismus

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich des 75. Gedenkens der Bombardierung Dresdens am 13.2.2020 (Foto:Imago/FutureImage)

Ein Kommentar von Daniel Matissek

 

Für reichlich Kopfschütteln sorgte die gestrige Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik in Berlin anlässlich des 75. Jahrestages der Kapitulation. Im Mittelpunkt stand einmal mehr die zur fast schon musealen Phraseologie verkleisterte Beschwörung der ewigen NS-Hypothek.

Auch wenn es gut gemeint war – die manische Fixierung der politischen Rückschau auf die Schreckensjahre des Dritten Reichs auch ein Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende trägt inzwischen krampfhafte, um nicht zu sagen pathologische Züge. Ein Bekenntnis zu einem Land, das sich zu historischer Schuld und seinen Verbrechen bekennt und dennoch liebenswert und groß sein kann – bis heute wartet man darauf aus dem Mund der Regierenden vergebens. Steinmeier ist 1956 geboren, doch er redet gram wie ein geläuterter Hauptkriegsverbrecher. Diese Art von Masochismus, historisch längst bezugslos geworden, ist zum hohlen Ritual mutiert.

Was Steinmeier unter einem „selbstkritischen und geschichtsbewussten Patriotismus“ versteht, zu dem er seine Landsleute aufrief, präzisierte er bereits im einschränkenden Folgesatz: „Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben“. Welches Land, muss hier eingeworfen werden, könnte von seinen Bürgern dann je reinen Herzens geliebt werden? Keine Nation gibt es auf Erden, die nicht in ihrer Geschichte schauderhafte Schuld auf sich geladen hat; graduell mag diese bei den Deutschen – zumal die Abgründe noch keine drei Generationen zurückliegen – weit gravierender als bei allen anderen Völkern ausfallen. Doch für das Bekenntnis der Nachgeborenen zu ihrer Heimat, für deren Liebe zum Vaterland von heute ist es ohne Belang, ob sie 50, 75 oder 200 Jahre von den Greueln ihrer Ahnen trennen.

Steinmeier fuhr fort: „Die deutsche Geschichte ist eine gebrochene Geschichte – mit der Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid“, und er ergänzte: „Das bricht uns das Herz.“ Ja, es ist wahr: Die unfassbaren Verbrechen zwischen 1933 und 1945 lassen jeden, der sich ihrer besinnt, verzweifeln. „Verantwortung“ allerdings kann sich in diesem Zusammenhang – von den wenigen noch lebenden Tätern abgesehen – allein auf die Kultivierung der Erinnerung, auf das Nichtvergessen beziehen, doch nicht auf die Taten selbst. Und wenn uns, den Deutschen von 2020, etwas das Herz bricht, dann die Einsicht, zu welchen Untaten Menschen – und nicht allein Deutsche – fähig sind.

Verantwortung für Nichtvergessen, nicht für die Taten

Steinmeiers moralinsaure Ansprache provozierte denn auch entschiedenen Widerspruch von Politikern der konservativen Opposition. Besonders deutliche Kritik fand die AfD-Abgeordnete Nicole Höchst, die folgende – hier von jouwatch im Wortlaut dokumentierte – Entgegnung abgab:

„Man kann Deutschland also nur mit gebrochenem Herzen lieben?
Was für ein unwürdiges, moralinsaures Dekret von unserem Bundespräsidenten. Widerspruch, Herr Präsident! Mein Herz schlägt für dieses wundervolle Land. Für diese geduldigen, vertrauensseligen, gastfreundlichen, starken, intelligenten, kreativen, fleissigen, optimistischen, charakterstarken (…) Menschen. Ungebrochen, ungestüm, ungezähmt. Erbe meiner Vorfahren, Heimat meiner Kinder. Wir leben mit dem Erbe. Mit der Schuld der Vergangenheit. Wir müssen Sorge dafür tragen, dass wir nie wieder eine derartige Schuld auf uns laden.
Ungebrochen, aufrecht und voller Liebe blicken wir in den Spiegel der Vergangenheit und sagen mit fester Stimme:
„Nie wieder Diktatur. Nie wieder. Auch keine globale ökosozialistische. Denn wir stehen für den Rechtsstaat in Freiheit und Demokratie. Wenn Sie Ihr Land nicht lieben können, Herr Steinmeier, dann treten Sie zurück.
Die Schuld der Vergangenheit vermögen wir niemals zu tilgen. Das ist längst irreparabel vorbei. Dieser und den kommenden Generationen obliegt es, nie wieder solche Schuld auf sich zu laden. Das ist unser moralischer Imperativ. Ein schweres Erbe. Schluß mit der Fragmentierung unserer Herzen und unserer Seelen! Wir benötigen beides intakt um unser Land zu lieben und zu bewahren!“