Alarm, Alarm: Zahl der aktiven Infektionen sinkt „nur“ auf rund 16.970

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Es bleibt immer eine Frage des eigenen Standpunktes, wie man Fakten interpretiert. Hier einige aktuelle Zahlen, die man positiv aber auch negativ bewerten kann:

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus zieht in Deutschland wieder an. Laut Abfragen bei den Gesundheitsämtern der Städte und Landkreise, die täglich um 20 Uhr von der dts Nachrichtenagentur ausgewertet wird, wurden bis Sonntagabend innerhalb von 24 Stunden 1.007 Neuinfektionen gemeldet, bezogen auf die letzten 7 Tagen lag der Durchschnitt bei 960 und damit erstmals seit dem 22. April höher als am Vortag. Der Wert entspricht 8,1 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner, am Vortag lag er bei 7,6. Von der sogenannten „Obergrenze“ von 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner ist die Situation rechnerisch noch weit entfernt, allerdings war dieser Wert bislang bundesweit auch auf dem bisherigen Höhepunkt nicht erreicht worden.

Insgesamt wurden bis Sonntagabend in Deutschland 172.894 Infektionen registriert, die Zahl der aktiven Infektionen sank auf rund 16.970. Über 148.000 Menschen sind wieder gesundet, 7.661 starben mit der Infektion, davon allerdings nur 19 innerhalb der letzten 24 Stunden. Das ist der niedrigste Anstieg von Todesfallmeldungen seit dem 22. März. Auch die Zahl der mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten nahm weiter ab, auf 1.601. Dagegen waren 12.831 Intensivbetten in Deutschland am Sonntagabend frei.

Hier weitere Meldungen zu diesem Thema:

Politiker befürchten erneuten Anstieg der Infektionszahlen

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt hat vor einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland gewarnt. „Wir sind in einer kritischen Phase. Nach den ersten Lockerungen ist zu befürchten, dass einige wieder sorgloser und nachlässiger werden“, sagte Göring-Eckardt dem „Handelsblatt“ (Montagausgabe).

Dazu trage auch das unklarer gewordene Krisenmanagement von Bund und Ländern bei. „Das Vorpreschen von einigen Ministerpräsidenten und ihr uneinheitliches Vorgehen untergräbt das Vertrauen in die Notwendigkeit der Maßnahmen.“ Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte zuvor mitgeteilt, dass die Ansteckungsrate wieder über den kritischen Wert von 1 gestiegen ist.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kritisierte die in der vergangenen Woche von Bund und Ländern gegebene Öffnungsperspektive. „Diese Lockerungen haben das Signal gegeben, dass wir das Schlimmste hinter uns haben.“ Doch das stimme nicht.

„Dass der schlimmste Teil der Pandemie schon bewältigt wäre, davon kann keine Rede sein“, sagte er dem „Handelsblatt“. Wenn man das Verhalten der Menschen auf den öffentlichen Plätzen beobachte, „dann befürchte ich in den nächsten Wochen eine Rückkehr zum exponentiellen Wachstum der Fallzahlen“. Lauterbach fürchtet zudem eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft.

„Es ist tatsächlich so, dass die Zahl derer, die nicht mehr bereit sind, wesentliche Einschränkungen zu ertragen, sehr stark wächst in diesen Stunden.“ Diese Menschen könnten Widerstand leisten, sollte eine neuerliche Verschärfung der Maßnahmen geboten sein.

Hochschulverband fordert Corona-Bonus bei schlechtem Abiturergebnis

Der Deutsche Hochschulverband fordert einen Noten-Bonus für den Fall, dass das diesjährige Abitur schlechter ausfallen sollte als im Durchschnitt der letzten Jahre. „Für den Abiturjahrgang 2020 darf kein Nachteil entstehen“, sagte Verbandspräsident Bernhard Kempen den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Montagausgaben). Man müsse die besonderen Bedingungen, unter denen das Abitur in diesem Jahr stattfinde, berücksichtigen.

Corona dürfe nicht den Lebenslauf eines ganzen Jahrgangs abwerten. „Sollten die Leistungen der Schüler am Ende signifikant schlechter ausfallen als im Durchschnitt der letzten Jahre, dann erwarte ich einen Nachteilsausgleich. Alles andere wäre ungerecht“, sagte der Verbandspräsident.

Sollten zum Beispiel die Abiturnoten 2020 im Schnitt 0,4 oder 0,5 Punkte schlechter sein, müssten die Schüler einen Bonus bekommen. Dazu sei es nicht nötig, die Abitur-Zeugnisse zu ändern. „Denkbar wäre zum Beispiel, dass die Hochschulen bei den zulassungsbeschränkten Fächern einen angemessenen Bonus gewähren“, so Kempen.

Dazu müssten sich die Länder und die Hochschulrektoren auf eine bundesweit einheitliche Regelung einigen. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, sieht weniger beim aktuellen, dafür aber beim kommenden Abiturjahrgang 2021 dringenden Handlungsbedarf: „Für die Schüler, die in einem Jahr ihr Abitur machen wollen, ändert sich gerade sehr viel“, sagte Alt den Funke-Zeitungen. Ein Schulsystem, „das von heute auf morgen größtenteils in den digitalen Betrieb umschaltet, kann man nicht einfach mit dem herkömmlichen System vergleichen“.

Von den jetzigen Oberstufenschülern werde ein Maß an Selbstorganisation gefordert, das gerade den Jüngeren einiges abverlange. „Das muss man in Rechnung stellen, wenn man die Leistungen dieser Schüler am Ende bewertet“, forderte Alt. Es sei möglich, dass die durchschnittlichen Ergebnisse schlechter ausfielen als in den vergangenen Jahren, wenn die Schulen erst 2021 wieder zum flächendeckenden Präsenzunterricht kommen würden. Sollte das geschehen, „müsste man über einen Ausgleich nachdenken, um die Chancengleichheit zu wahren“. Wenn man also überhaupt von einem „Corona-Jahrgang“ spreche, „dann ist es der Abiturjahrgang 2021“.

Kommunen sehen Schwierigkeiten beim Kita- und Schulbetrieb

Der Städte- und Gemeindebund warnt vor massiven Schwierigkeiten beim Hochfahren des Kita- und Schulbetriebs in den kommenden Wochen und vor einem drastischen Einbruch der Kommunalfinanzen infolge der Coronakrise. „Wir müssen einen Schichtbetrieb organisieren, damit nie zu viele Kinder gleichzeitig im Schulgebäude sind. Wir müssen die Taktzeiten der Busse anpassen, damit alle Schüler an die Schulen kommen“, sagte Verbandspräsident Uwe Brandl (CSU) der „Welt“ (Montagausgabe).

Im ländlichen Raum müsste man dafür eigene Buslinien organisieren. Nach den bisherigen Vorgaben müsse ein Ausschreibungsverfahren durchgeführt werden, um den günstigsten Unternehmer zu finden. „Wenn wir das weiter so handhaben, werden wir einen Busdienst erst im Oktober etablieren können. Wir brauchen schnelle Entscheidungen.“ Darunter auch solche, die unter Umständen jenseits der bisherigen Vergabepraxis stattfänden. Große Probleme sieht Brandl auch bei der Öffnung der Kitas: „In Bayern dürfen aktuell fünf Kinder von zwei Erzieherinnen in einem Gruppenraum betreut werden. Mit solch einem Konzept werden wir sehr schnell an räumliche und personelle Grenzen stoßen.“ Das werde „unsere Ressourcen komplett sprengen“, so Brandl. Die Politik müsse hier nachjustieren und zulassen, „dass wir mehr Kinder betreuen können, selbst wenn das mit einem höheren Risiko verbunden ist“.

Brandl rechnet mit dramatischen Einnahmeausfällen in den Kassen von Städten und Gemeinden: „Momentan können wir noch nicht abschätzen, wie sehr die Rezession der Wirtschaft die kommunalen Kassen betreffen wird. Ich rechne mit Einbrüchen von 30 bis 40 Prozent im laufenden Jahr.“ Dramatischer sei die mittelfristige Perspektive, so der CSU-Politiker. Es stelle sich die Frage, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen könnten. „Für die Jahre 2020 und 2021 rechnen wir damit, dass den kommunalen Kassen zweistellige Milliardenbeträge im hohen Bereich fehlen.“ Man habe die Finanzkrise gemeistert, indem die öffentliche Hand massiv investiert habe. „Das muss uns wieder gelingen. Deswegen fordern wir einen Rettungsschirm und ein stringentes Vorgehen von Bund und Ländern.“