Von wegen „alles nur zum Schutz der Alten“: Keine Rentenerhöhung wegen Corona?

Fällt die Rentenerhöhung pandemiebedingt ins Wasser? (Foto:Imago/Schneider)

Freiburg – Sorge um das Wohlergehen der Senioren im Land – demographisch die einzige Bevölkerungsgruppe mit starken Zuwachsraten – war der angebliche Hauptgrund für die massiven Corona-Beschränkungen: Als Hauptrisikogruppe galt ihnen die „Generationensolidarität“. Doch ausgerechnet die Folgen der Krise könnten jetzt dazu führen, dass die Alten Hauptleidtragende sind: Die Rentenerhöhung steht auf dem Spiel.

Zeigt sich jetzt auf bittere Weise, was die Senioren der Politik wirklich wert sind – einen feuchten Kehricht nämlich? Immer mehr namhafte Experten fordern von der Groko-Bundesregierung, die bereits beschlossene Rentenerhöhung auszusetzen – aufgrund der eben durch die hausgemachte Krise verursachten Finanz- und Wirtschaftskrise. Jetzt soll es den Alten also doch an den Kragen gehen – da Merkel doch alles nur Erdenkliche unternommen hat, um sie zu schützen.

Aktuell ist es der Freiburger Ökonomieprofessor Bernd Raffelhüschen – vor drei Jahren bundesweit bekannt geworden durch seine schonungslose Berechnung der realen Folgekosten der Flüchtlingskrise -, der es für zwingend notwendig hält, dass die für kommenden Juli beschlossene Rentenerhöhung wegen der Coronakrise einem Moratorium unterzogen wird. „Wir brauchen ein Rentenmoratorium bis Ende des Jahres“, sagte Raffelhüschen gestern gegenüber „Bild“.

Die Bundesregierung solle anschließend darüber entscheiden, ob die Rentenerhöhung dann doch noch kommt (und entsprechend rückwirkend veranlagt, also die Mehrbeträge nachgezahlt werden), oder ob sie halbiert werden muss. Vermutlich wird nämlich erst bis dahin absehbar sein, wie hart die öffentlichen Kassen tatsächlich durch Corona gebeutelt sind und wie exorbitant die reale Staatsverschuldung ausfallen wird.

Unklare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Eigentlich war bislang vorgesehen, dass die Renten zum 1. Juli im Westen um 3,45 Prozent und in den ostdeutschen Bundesländern um 4,2 Prozent steigen sollen. Würde dieses Vorhaben nun aber kurzfristig wegen Corona gestoppt, könnte die Rentenversicherung damit bis Ende des Jahres um drei bis vier Milliarden Euro entlastet werden, so der Ökonom laut „dts Nachrichtenagentur“. Erst dann sei klar, wie stark die Auswirkungen der Coronakrise auf den Arbeitsmarkt und folglich der Renteneinnahmen ausfallen. Andernfalls müssten nur die von Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und ausfallenden Lohnerhöhungen betroffenen Erwerbstätigen die Last der Coronakrise tragen.

Raffelhüschen sprach sich außerdem für eine grundlegende Rentenreform aus: Es sei „höchste Zeit, den schmerzhaften Wahrheiten ins Auge zu sehen“. Aufgrund des demografischen Wandels müssten langfristig die Beiträge steigen, die Renten sinken und das Renteneintrittsalter erhöht werden. „Bleibt das Rentenniveau, wie es ist, dann wird der Beitrag bis 2040 auf 26 bis 27 Prozent steigen – vorausgesetzt, der Bund finanziert den steigenden steuerfinanzierten Zuschuss ohne Probleme. Und was Corona zusätzlich macht, wissen wir erst in zwei bis drei Jahren“, so Raffelhüschen. Schwer verdauliche Nachrichten für die Alten im Land, die unter den Folgen von Kontaktbeschränkungen und Wirtschaftskrise ohnehin am stärksten leiden. (DM)