Selbst-Stalinisierung deutscher Journalisten: „Spiegel“ und Restle bejubeln Entlassung von NYT-Ressortleiter

Innerredaktionelle Pressefreiheit: Für "Spiegel"-Leute ein No-Go (Foto:OnePhoto/Shutterstock)

Dass man beim Spiegel aus der Relotius-Affäre nichts gelernt hat, sondern Sinn und Zweck von Journalismus weiterhin darin sieht, als emotionaler Verstärker der richtigen, wahrhaftigen, moralisch unfehlbaren Weltsicht zu wirken, stellte das Kulturressort des Blattes, das einst als seriöses Nachrichtenmagazin galt, einem „Debattenbeitrag“ unter dem Rubrum „Gegenwart und Zukunft des Journalismus“ eindrucksvoll unter Beweis.

Dass James Bennet, Meinungs-Chef „New York Times“ (NYT) am Wochenende gefeuert worden war, nachdem er einen Gastbeitrag auf der von ihm dort betreuten „Op-Ed“-Seite gedruckt hatte, in dem der republikanische Senator Tom Cotton – ausdrücklich als „Opinion“ – Argumente für einen möglichen Einsatz des Militärs gegen die marodierenden Banden und Plünderer im Rahmen der sogenannten „Black Lives Matter“-Proteste vorgetragen hatte.

Was unter früheren, auch demokratischen Präsidenten gar nicht lange diskutiert, sondern möglicherweise längst angeordnet worden wäre – der Einsatz bewaffneter Truppen zur Niederschlagung von militanten Unruhen – wurde hier bereits zum Aufreger, als Donald Trump darüber nur laut gedacht hatte. Dass bei allen früheren Unruhen der jüngeren Geschichte – von Kraft Riots über die (als Auslöser der 1.-Mai-Bewegung geltenden) Haymarket-Arbeitsproteste, die Black Movement Bewegung über die Anti-Vietnam-Proteste bis hin zu Hurrikan Katrina: Der amtliche Warnhinweis „Plünderer werden erschossen“, das Patrouillieren von Nationalgardisten und, wo die Gouverneure diese nicht anforderten, auch regulärer Armeeeinheiten ist gängige Praxis, wann immer die Bundesregierung sich gezwungen sieht, die öffentliche Ordnung mangels Willen oder Vermögen der Einzelstaaten durchzusetzen.

Die Propaganda ist allerdings in die Köpfe deutscher Journalisten und eingefleischter Trump-Hasser soweit vorgedrungenen, dass sie sich und anderen ernsthaft weismachen wollen, die Mehrzahl der Proteste in diversen US-Städten hätten irgendetwas mit dem Kampf gegen „Rassismus“ zu tun. Lynchmobs, Brandstifter, Anarchisten, ferngesteuerte Linksradikale mit klarer politischer Agenda hatten die Unruhen bereits am Tag nach George Floyds Tod in Minneapolis gekapert und die Minderheit friedlicher Demonstranten längst zu Randerscheinungen gemacht.

Wegen Trump-Nähe weggesäubert

Und deshalb ist es natürlich aus Sicht deutscher Meinungsmacher wie dem Spiegel-Redakteur Philipp Oemcke, der den fraglichen „Debattenbeitrag“ schrieb, ein absolutes Ding der Unmöglichkeit, wenn eine andere, ordnungs- und sicherheitspolitische, objektive Sichtweise auf die Vorgänge in den USA in einer der renommierten Major-Tageszeitungen veröffentlicht wird – und nicht mehr als recht und billig, wenn der verantwortliche Ressortleiter dafür seinen Hut nehmen muss. Denn das Kardinalverbrechen Bennets bestand nicht nur darin, dass er – so Oemcke – einen „Gastbeitrag im Trump-Duktus veröffentlicht hat“, sondern weil er „einem überholten Ideal von neutralem Journalismus nachhing“.

Dass Bennet in seiner Verteidigung gegenüber der NYT-Chefetage (nach einem Shitstorm linker Trump-Gegner und Leser, die zum Boykott der NYT aufgerufen hatten) schrieb, es sei ihm lediglich darum gegangen, auch eine andere Meinung und Gegenargumente aufzuzeigen, „besonders wenn sie von Leuten kommen, die Politik gestalten“, lässt Oemcke sowenig gelten wie die auf strammem Linkskurs surfende Anti-Trump-Verlagsleitung in New York: „In Wirklichkeit“, schreibt der „Spiegel“-Mann, sei es „selbstgefällig und denkfaul“, dass sich Bennet damit herausrede – denn er sei „nicht gefeuert worden, weil er einen Beitrag mit menschenverachtendem und potenziell gefährlichem Inhalt zu verantworten hatte“, sondern weil er, so Oemcke, „als Leiter eines der wichtigsten Ressorts der vielleicht wichtigsten Zeitung der Welt offensichtlich den Journalismus nicht mehr versteht“.