Zehn Wochen Corona-App: Aktuelle Probleme und Kostenüberblick

Pleiten, Pech und Pannen: Wirbel um die Corona-App (Foto:Imago/Schicke)

Eine Zwischenbilanz aus technischer Sicht / von Alexander Baetz

Das Jahr 2020 wird seit Beginn an von der Corona-Krise dominiert. Um das Virus effektiv zu bekämpfen, entwickelten die Telekom und SAP im Auftrag der Bundesregierung die Corona-Warn-App. Seit sie im Juni veröffentlicht wurde, haben 16,6 Millionen Menschen die App heruntergeladen. Das sind etwas mehr als 20 Prozent der Bevölkerung.

Was auf den ersten Blick wie ein großer Erfolg wirkt, hat in letzten Wochen einige Risse bekommen. Schon im Juli wurde bekannt, dass es seit längerem Probleme mit der Funktion der App gab. Viele Menschen fragen sich nun, ob die App überhaupt etwas bringt und ob die enorm hohen Kosten für die Entwicklung gerechtfertigt sind.

Gravierende Probleme

Die Corona-Warn-App wurde zunächst als großer Meilenstein im Kampf gegen Corona gefeiert. Ende Juli kam dann aber heraus, dass die so bejubelte App gravierende Probleme aufweist.

Besonders betroffen waren Nutzer mit dem Betriebssystem iOS von Apple. Die App tauscht anonyme Codes mit anderen Nutzern aus, die sich in der Nähe befinden. Bemerkt einer von beiden in nächster Zeit, dass er mit dem Corona Virus infiziert ist, bekommen alle registrierten Kontakte eine Warnung.

Genau das funktionierte bei iOS aber nicht richtig. Die Warnung erschien nur, wenn die App geöffnet war. Lief sie nur im Hintergrund mit, bekam der Nutzer nicht sofort die so wichtige Warnung. Dieses Problem trat anscheinend auch bei Geräten von Samsung und Huawei auf.

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Als Grund dafür wurde der Energiesparmodus ausgemacht. Dieser schränkt bei vielen Geräten nämlich die Hintergrundaktualisierungen ein. Wenige Tage nach Bekanntwerden dieses Problems, gab sowohl für Android- als auch für iOS-Nutzer ein Update zur Behebung.

Installations- und Downloadpannen

Schon weit vor dem Bekanntwerden dieses Problems beklagten sich einige Nutzer, weil sie die App nicht installieren konnten. Denn auf älteren Geräten kann die Corona-Warn-App nicht genutzt werden. Das liegt meistens an der nicht ausreichenden Bluetooth-Funktion. Wer also kein neues Smartphone besitzt, schaut nach wie vor in die Röhre.

Gerade bei Geräten des chinesischen Herstellers Huawei gab es anfangs auch Probleme beim Download. Ein weiteres Problem, an das bei der Entwicklung anscheinend keiner gedacht hat, ist die Sprache. Die App stand anfangs nur auf Deutsch zur Verfügung. Wer die Sprache nur wenig oder gar nicht beherrscht, hatte also ein Problem. Inzwischen gibt es die App auch auf Englisch und Türkisch – weitere Sprachen sind geplant.

Nachdem das Corona Virus Deutschland erreicht hatte, wurden die Rufe nach einer Warn-App immer lauter. Was viele dabei nicht bedacht haben: Die Entwicklung einer solchen App in so kurzer Zeit verursacht hohe Kosten. Zumindest in Deutschland.

Sind die hohen Kosten für die Entwicklung gerechtfertigt?

Für die Corona-Warn-App sind Entwicklungskosten von 20 Millionen Euro von der Bundesregierung an die Telekom und SAP geflossen. Und die Kosten werden weiter steigen. Man rechnet mit 60 Millionen Euro. Die Behebung von Problemen, die technische Weiterentwicklung und das Hinzufügen neuer Sprachen lassen sich die Entwickler erneut bezahlen.

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Ein Blick in die anderen Länder Europas liefert interessante Informationen: In Österreich, Norwegen und der Schweiz waren die Ausgaben für die Corona-App zehnmal niedriger als in Deutschland. In Island und Italien haben Unternehmen und freie Entwickler sich zusammengetan: Sie haben die App kostenfrei für Land und Leute programmiert.

Da kommt natürlich die Frage auf: Wieso waren die Kosten in Deutschland so hoch? Und lohnt sich diese Investition überhaupt? Fest steht: Die Kosten werden sich bis Ende 2021 mindestens auf 52,7 Millionen Euro belaufen. Denn der Betrieb, die Server und die Hotlines lässt sich die Telekom in Höhe von 32,7 Millionen Euro teuer bezahlen.

Astronomische Kosten

Rechenbeispiele von App-Entwicklern zeigen: Die Kosten für die Entwicklung sind viel zu hoch. Selbst mit Höchstsätzen können sich Experten den enorm hohen Preis nicht erklären. Die Telekom und SAP äußern sich zu diesem Thema nicht.

So viel zu den Kosten. Seitdem über eine Corona-Warn-App diskutiert wurde, steht eine zentrale Frage im Raum: Bringt die App überhaupt etwas? Kann sie wirklich effektiv helfen, die Ausbreitung des Corona Virus zu verlangsamen?

Eine Frage, die bislang nicht beantwortet wurde. So viel steht fest: Es haben bereits einige Nutzer eine Corona Infektion über die App gemeldet und ihre Kontakte damit gewarnt. Genau hier liegt die Stärke der App: Infektionsketten können leichter verfolgt werden. Risikokontakte werden mit wenigen Klicks informiert, bevor sie das Virus weiter verbreiten.

Sie ist aber nur ein Baustein im Kampf gegen Corona. Die Möglichkeiten der App sind nun mal begrenzt. Sie kann zum Beispiel nicht feststellen, ob sich zwischen zwei Kontakten eine Scheibe befindet. Kritiker sagen, dass das Bluetooth-Tracking zu ungenau ist, um zuverlässig alle Kontakte zu erfassen.

Auch wenn die Corona-Warn-App nicht die Lösung im Kampf gegen das Coronavirus ist, trägt sie einen Teil dazu bei, die Ausbreitung zu verhindern. In Sachen Datenschutz und Privatsphäre macht sie einen guten Eindruck. Unserer Ansicht nach, braucht man also keinen VPN oder ähnliche Privatsphäre-Tools, um die App ruhigen Gewissens zu benutzen.

 

 

Zum Autor:

Alexander Baetz ist ein 23 Jahre junger, leidenschaftlicher Weltenbummler und arbeitet in einem Start-up. Seitdem er 2018 seinen Bachelor in Wirtschaftsinformatik abgeschlossen hat, beschäftigt er sich mit der Privatsphäre im Internet. Was er dabei gelernt hat, zeigen er und seine Freundin Lena auf PrivacyTutor. Für JouWatch wird er in loser Folge Gastbeiträge zur Themengruppe Datensicherheit, Internet und Digitalisierung schreiben. 

Alexander Baetz (Foto:privat)