Berlin-Demo: Die Reichsflagge und die Hysterie

Demonstrant mit Reichsflagge vor dem Reichstag, Berlin 29.08.2020 - Foto: Imago

Große Aufregung quer durch die Parteien- und Medienlandschaft. Demonstranten hatten am Samstag die Treppen vor dem Reichstagsgebäude „erstürmt“. Besonders schändlich dabei: Nicht wenige hatten Reichsflaggen dabei. Über die deutsche Erregungskultur.

von Max Erdinger

Schwarz-weiß-rot war die Flagge des deutschen Kaiserreichs von 1871 bis 1919. Vorher schon war sie von 1867 bis 1871 die Flagge auf Kriegs- und Handelsschiffen des Norddeutschen Bundes. In den Jahren 1933 – 1935 war sie dann erneut Flagge des Deutschen Reiches, ehe sie durch die Hakenkreuzfahne als alleiniger Nationalflagge ersetzt worden ist. Schwarz-rot-gold hingegen sind die Farben der Bundesrepublik Deutschland. Erstmals gezeigt wurden sie beim Hambacher Fest im Jahre 1832 unter Bezugnahme auf die Befreiungskriege von 1813 – 1815.

Am vergangenen Samstag gelang es einigen hundert Demonstranten, Absperrgitter vor dem Reichstagsgebäude beiseite zu räumen und sich auf die Treppen des Reichstagsgebäudes zu begeben. So weit bekannt, wurde am Reichstagsgebäude nichts beschädigt. Nach den Antifa-Protesten im Hamburger Schanzenviertel anno 2017 sah es anders aus. Ich habe auch noch keine Fotos gesehen, die Demonstranten bei dem Versuch gezeigt hätten, in das Gebäude hinein zu gelangen. Die bekannten Fotos zeigen allesamt Demonstranten, die dem Fotografen zugewandt sind. Mit dem Rücken zum Reichstagsgebäude stehend, sind sie auf den Treppen abgelichtet worden. Von einer Rückwärts-Erstürmung hat man aber noch nie etwas gelesen.

Trotzdem ist in der Mainstream-Presse von einer versuchten Erstürmung des Bundestags die Rede. Der wiederum befindet sich sinnigerweise im Reichstagsgebäude. Ein Bundestagsgebäude kennt kein Mensch. Wer hat sich also auf den Treppen des Reichstagsgebäudes versammelt? – Volk. Demonstrierendes Volk. – Warum? Vermutlich, weil es die Inschrift auf dem Reichstagsbäude für bare Münze genommen hatte, welche da lautet: „Dem deutschen Volke“. Da dachte das Volk vermutlich, das Reichstagsgebäude sei tatsächlich seines.

„Dem deutschen Volke“ – Foto: Imago

Im Linksstaat Deutschland ist es eigentlich fast egal, welche der beiden Flaggen man zeigt. Man ist auf jeden Fall „rechts“. Ein bißchen weniger „rechts“ vielleicht, wenn es die schwarz-rot-goldene Flagge ist, aber „rechts“. Man erinnere sich an die Fußballweltmeisterschaft und die belehrenden Hinweise jener Linksfaschos, die entsprechende Fähnchen beispielsweise von Autos entfernten. Beliebt waren damals auch die schwarz-rot-goldenen Rückspiegelpariser bei den „Rechten“. Aber schwarz-rot-weiß gilt den linken Volkspädagogen eben als noch extremistischer. Weswegen die Antifa ebenfalls schwarz-rot-weiß verwendet. Dort hat man die schwarz-weiß-rote Flagge lediglich zerschnitten und die Farbenfolge verändert.

Weiß-schwarz-rot ist des Volkes Tod – Foto: Screenshot

Die Empörung

Unser sehr verehrter Herr Bundespräsident sprach angesichts des völkischen Fotoshootings auf den Treppen des Reichstagsgebäudes von einem „Angriff auf das Herz unserer Demokratie“. Man sehe es ihm nach. Schon früher hat er merkwürdige Lageeinschätzungen abgeliefert, so daß ihn politisch interessierte und bestens informierte Deutsche ohnehin schon länger nicht mehr für voll nehmen. Man sagt, der Bundespräsident habe Schwierigkeiten, eine gewisse Kohärenz in die Gesamtheit seiner Lautäußerungen zu bekommen. Und daß er ohne Brille noch nicht einmal besonders klug aussieht. Das sagt man auch, und präsentiert zum Beweis jenes kürzlich entstandene Foto aus dem bundespräsidialen Urlaub in Südtirol, auf welchem er ohne „Alltagsmaske“ in inniger Nähe zu jenen Volksmusikanten abgelichtet worden ist, die ihm kurz zuvor wohl ein Ständchen dargebracht hatten. Gut denkbar ist, daß es auch Fotos dieser Art gewesen sein könnten, die viele der Demonstranten nach Berlin gelockt haben. Dennoch würde ich davor warnen, allein deswegen schon den Bundespräsidenten als einen Angriff auf das Herz unserer Demokratie zu bezeichnen. Einfach, weil es sich nicht gehört. Etikette ist schon wichtig.

Es gibt trotzdem nicht wenige Unanständige, die in Steinmeier, Merkel & Co. einen Angriff auf das „Herz unserer Demokratie“ erkennen. Unverschämterweise bezeichnen sich diese Leute auch noch als Realisten.

Richtig wütend

„Richtig wütend“ sei sie geworden, hat die Reichsver … Bundesverteidigungsministerin, Frau Annegret Kramp-Karrenbauer via Hofberichterstattung kolportieren lassen. Warum? – Weil sie glaubt, daß ihr eine solche Meldung gut steht? Ausschließen kann man das nicht angesichts aller jener Mißstände bei der Bundeswehr, derentwegen sie noch nicht einmal „normal wütend“ geworden ist. Überraschend ist das andererseits aber auch nicht. Bundesdeutsche Politiker*Innen werden bekanntlich immer dann „richtig wütend“, wenn sie glauben, daß ihnen eine solche Behauptung nützt.

Auch die geniale SPD-Vorsitzende, Frau Saskia Esken, scheint es für angeraten gehalten zu haben, ihren berüchtigten Senf zu dem Sachverhalt abzugeben, daß Volk sich auf den Treppen vor seinem eigenen Reichstagsgebäude hat ablichten lassen. Daß auf den Fotos außer der Reichsflagge auch noch eine polnische Flagge, eine Regenbogenflagge und eine US-amerikanische Flagge zu sehen gewesen waren, scheint sie in ihrer Urteilskraft überfordert zu haben.  Die Hofberichterstattung läßt sie dennoch recht unvorteilhaft zu Wort kommen. – „Unser Dank gilt den Polizistinnen und Polizisten, die für unsere Demokratie den Kopf hinhalten und so das Schlimmste verhindern“, sagte Esken der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. „Demokratie und Rechtsstaat sind wehrhaft.“ Das umfangreiche Bild- und Tonmaterial müsse jetzt zur lückenlosen Ermittlung und Strafverfolgung genutzt werden, forderte Esken. „Wer diese Demonstration, ihre Organisatoren und ihre Treiber stattdessen als ,Corona-Skeptiker‘ bezeichnet, wer die Reichstags-Stürmer als ,kindisch schreiende Chaoten‘ verharmlost, der hat nicht verstanden oder will nicht sehen, welche Gefahr von dieser Querfront ausgeht.“ – Das soll Frau Esken tatsächlich gesagt haben. Jedenfalls steht es so in der Frankfurter Allgemeinen Hofberichterstattung.  Da kann mal sehen, daß die geniale Frau Esken noch nicht einmal auf dem Laufenden ist, wenn es um die Wehrhaftigkeit von Demokratie und Rechtsstaat geht. Der sehr beliebte Herr Markus Söder kennt sich da besser aus. Bereits im September des vergangenen Jahres schlug er Alarm. Die Bundeswehr habe Munition für genau einen Tag, hieß es damals im Handelsblatt unter Berufung auf das politische Chamäleon aus Bayern.

Da kann man eigentlich nur hoffen, daß die Verteidigung von Demokratie & Rechtsstaat erfolgreich per Blitzkrieg zu schaffen ist. Wenn die Verteidigung nämlich nicht gleich am ersten Tag erfolgreich ist, dann war es das mit Demokratie & Rechtsstaatlichkeit. Schon am zweiten Tag wäre beides perdu, und die politische Klasse zu Berlin könnte wieder einen General vorschicken, der männchenmachend die Kapitulation unterzeichnet.

Keine Panik

Aber man muß jetzt nicht gleich in Panik verfallen. Es reicht ja schon, wenn man wegen der Virenhaftigkeit dieser schnöden Welt panisch geworden ist. Es könnte ja sein, daß dann, wenn diese überaus merkwürdige Demokratie samt ihrer Rechtsstaatlichkeit nicht lange genug zu verteidigen gewesen wäre, endlich – analog zu Frau Kramp-Karrenbauers „richtiger Wut“ – eine „richtige Demokratie“ samt einer „richtigen Rechtsstaatlichkeit“ Einzug halten würde. Als aufrichtiger Deutscher kann man schier gar nicht anders, als allem den Sieg zu wünschen, was richtig ist.

Drei Helden

Dem Vernehmen nach sollen beim jüngsten Versuch des Volks, per Foto auf den Treppen vor dem Reichstagsgebäude das Herz von Demokratie & Rechtsstaatlichkeit zu durchbohren, drei wackere deutsche Polizisten ausgereicht haben, um den perfiden Mord zu verhindern. Mit der Antifa hätten die drei nicht so leichtes Spiel gehabt. Wahrscheinlich liegt es an der traditionellen Gutmütigkeit des deutschen Volks, und weniger an der Kampfeskunst der drei Polizisten. Schon der olle Napoleon hatte diesbezüglich von seinen Erfahrungen berichtet.

Auf alle Fälle kann ich den deutschen Flaggenfreunden einen wertvollen Tip geben. Wer in Deutschland Flagge zeigen will, der nimmt am besten nicht die schwarz-weiß-rote oder die schwarz-rot-goldene, sondern er malt sich selber eine. Eine Solidaritätsflagge mit dem Bundesgesundheitsminister ist zum Beispiel eine sehr gute Idee. Das wäre dann eine „richtig bunte“, stilisierte Villa in den Farben des Regenbogens. In der Mitte der Flagge einen Kreis freilassen für zwei gekreuzte Pimmel. Damit darf man sich auch auf den Treppen vor dem Reichstagsgebäude sehen lassen – und das Beste: Drei Polizisten bekommen vermutlich sogar Anweisung, die Absperrgitter zur Seite zu räumen und ein freundliches Gesicht dabei zu machen. Schwarz-weiß-rot geht jedenfalls gar nicht. Das sorgt nur für Aufregung.