Böhmermann als Twitter-Bolschewik: Follower werden nach „Reizworten“ geblockt

Die große Stunde der Corona-Showgrößen (Foto: Imago)

Jan Böhmermann ist der Paradetyp eines öffentlich-rechtlich kompatiblen System-Entertainers, der seine mediale Präsenz ausschließlich seiner mehrheitsfähigen Gesinnung verdankt. Was ihm Esprit, Niveau und Wortwitz abgeht, versucht er durch billige Tabubrüche und kalkulierte Provokationen wettzumachen. Die gänzliche Talentfreiheit hat ihm immerhin den Zuspruch des Mittelmaßes beschert – und mittlerweile rund 2,1 Millionen Follower auf Twitter. Wenn es schon nicht physisch geht – aber zumindest dort nach Herzenslust Andersdenkende, Meinungsverbrecher und Kritiker auszusondern und zu eliminieren, dies scheint einen wesentlichen Teil von Böhmermanns Tageszeit einzunehmen.

Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) gefiel sich der gewohnt eitle Fatzke darin zu schildern, wie er „seit Dezember 2015 ausgiebig“ Twitter-Accounts blockiere. Das Datum ist nicht zufällig gewählt – es war die Zeit, da sich der von Merkel geschickt geplante Riss durch die deutsche Gesellschaft entlang der Kontroverse um die sogenannten „Flüchtlingspolitik“ zog. Böhmermann gehörte, wie fast alle staatsergebenen „Kulturschaffenden“, von Beginn zu den hetzerischsten Trommlern für die sogenannte „Willkommenskultur“ und ließ Gegenmeinungen nicht zu. Kaum jemand schwang die Nazikeule so behende wie er. Damals, so Böhmermann zur SZ, sei für ihn „die Idee zusammengebrochen, dass das Internet ein Ort sei, wo alle miteinander kommunizieren“. Kommunizieren heisst, nach typisch bolschewistischem Toleranzverständnis: Ich habe nichts gegen andere Meinungen, solange sie mit meiner deckungsgleich sind; sinngemäß: Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir die Fresse ein.“

Anders als die realen Bolschewisten kann der ZDF-Nervtöter („Neo Magazin Royale“ bzw. „ZDF Magazin Royale) seine Feinde ja leider nicht ins echte Gulag sperren – also sperrt er sie auf Twitter. 14.000, so verkündet er stolz, habe er bereits geblockt. Gefragt, nach welchen Kriterien er hier vorgehe, antwortet Böhmerman ernsthaft, er entscheide in jedem Einzelfall, anhand von bestimmten Reizwörtern: „Bevor ich jemanden blockiere, schaue ich immer genau, was die posten.“

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Eine unabhängige, intelligenzbefähigte Interviewführung hätte an diesem Punkt entweder Kontra gegeben – oder das Interview abgebrochen, denn jeden Stuss muss sich sogar eine unverbesserliche linke Tageszeitung wie die SZ nicht auftischen lassen… sollte man zumindest meinen. Erstaunlicherweise aber geschah nichts dergleichen. So blieb die interessante Frage ebenso umgestellt wie unbeanwortet, wie Böhmermann 2,1 Millionen Twitter-Accounts auf „Reizwörte“ oder Triggerbegriffe (was ja für sich betrachtet schon eine reichlich oberflächliche Selektionsmethode darstellen würde) durchgesehen haben will.

Mathematisch unmöglicher Stuss

Selbst wenn man unterstellt, es sei möglich, einen Twitteraccount in nur 3 Minuten durchzusehen (realistisch sind eher eine Stunde), dann wären dies bei 2,1 Millionen Followern 6,3 Millionen Minuten, entsprechend 105.000 Stunden oder knapp dreizehnenhalb Jahre – wohlgemerkt rund um die Uhr; also hätte Böhmermann, ein Schlafminimum eingerechnet, 30 Jahre gebraucht, um seine Follower zu background-checken – sofern er ohne Urlaub in Vollzeit nichts anderes getan hätte. Was für ein Unsinn. Und diesen Unsinn verbreitet Böhmermann außer in der SZ auch in seinem an diesem Donnerstag erscheinenden Buch „Gefolgt von niemandem, dem du folgst: Twitter-Tagebuch. 2009–2020“.

Ausführlich antwortet er immerhin auf die Frage, welche „Reizworte“ das sein sollen, anhand derer er über Verbleib oder Sperrung seiner Follower-Accounts richtet: „Als Indikator dienen mir oft durchgesickerte Begriffe“, erklärt er. Solche sind für ihn dann schon: „Gutmensch“, „Links-grün-versifft“ – oder, man höre und staune, das Wort „Zwangsgebühr“. Begriffe wie diese sind es, an denen er „…eine Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und ihrer Institutionen durch Sprache“ festmachen will. Zum Mitschreiben, Logik Böhmermann: Wer also Zwangsgebühren als das benennt, was sie sind – nämlich Zwangsgebühren -, lehnt die freiheitlich-demokratische Grundordnung ab. Welche Pillen werden da beim ZDF mittlerweile eingeworfen?

Es ist wie im Archiv: Anhand von Kennwörtern lässt sich alles und jeder bequem in Schubladen ablegen – und genau das entspricht dem Denkmuster und Verständnis von Meinungs- und Redefreiheit dieses pseudounangepasst-angepassten Hofnarren beim zwangsgebührenfinanzierten Staatsfunks. Geschmacklos war auch der selige Christoph Schlingensief zuweilen – doch jener war ein intellektueller und geistiger Hochkaräter, ein listiger Falstaff des politischen Vexierspiels. Böhmermann dagegen ist nur primitiv. Das ist der Unterschied. Mehr als „Reizbegriffe“, anhand derer er Etiketten verteilt, kennt wer vermutlich gar nicht – weil er selbst nicht mehr zur politischen Debatte in diesem Land beiträgt als genau das: Das Ausstoßen von Reiz-Worten. (DM)