Bedford-Strohm (EKD) 2014: „Wir müssen auch die IS-Kämpfer lieben““

Wegen Nizza. Sechs Wochen nach seinem Amtsantritt als EKD-Ratsvorsitzender gab Heinrich Bedford-Strohm im Dezember 2014 RP-Online ein Interview. Ein kurzer Rückblick mit einer kurzen Analyse.

von Max Erdinger

Aus dem Teaser zu diesem Interview:Wenn ein Dschihadist getötet wird, ist das Grund zur Trauer, weil ein Mensch gestorben ist, sagt der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Über Krieg und Frieden, Leben und Tod und eine schöne Bescherung.“ – Wortwörtlich dann von Heinrich Bedford-Strohm: „Deswegen gilt das Gebot der Feindesliebe tatsächlich kategorisch. Wenn ein IS-Kämpfer von einer Granate zerfetzt wird, dann ist das Anlass zur Trauer, weil ein Mensch gestorben ist.

Weltweit sterben wahrscheinlich 123 oder 137 Menschen – wenn es nicht noch viel mehr sind – weil sie von und wegen irgendetwas zerfetzt, erschlagen, zerquetscht, getroffen, verschüttet oder verbrannt worden sind. Jeden Tag! Wie soll man da vor lauter Trauer jemals wieder glücklich werden? Es sind schließlich Menschen gestorben! Menschen! Sind wir jetzt traurig? Das können wir nicht wissen, weil wir uns erst überlegen müssen, ob es Anlaß ist. Oder Anlässe. Sind.

Einfach so spüren, ob man traurig ist, kann man nämlich nicht. Zuletzt würde man nichts spüren und dann käme man sich moralisch recht fragwürdig vor. Wer will das schon in Protestantistan? – Eben. Also brauchen wir einen Anlaß, von dem wir wissen, daß es sich um einen handelt. Oder mehrere. Was bietet sich da an? – Ein IS-Kämpfer, der von einer Granate zerfetzt worden ist. Das macht die anlaßvolle Trauer ganz besonders edel, weil der lebendige IS-Kämpfer schließlich ein liebenswerter Feind geblieben sein könnte, wenn es ihn nicht granatenmäßig zerrissen hätte. Zwei Anlässe zur Trauer hätten wir, wenn zwei Granaten zwei liebenswerte Feinde zerrissen hätten. Das wäre ein ganzer Anlaß mehr. Trauer-Increase by 100 Prozent.

Wenn es jetzt einen IS-Kämpfer – lobet den Herrn – nicht zerfetzt, so daß wir gar nicht traurig zu sein bräuchten, dann geht der in die nächste Kirche und bringt drei Christen um. So, wie in Nizza. Und krawumms: Schon sind wir wieder traurig, weil ein Mensch gestorben ist. Oder drei. Evangelisch zu sein, ist wirklich das geilste. Vorausgesetzt, daß ein Mensch gestorben ist. Wenn Trauerflaute ist, weil gerade mal kein Mensch gestorben ist, von dem man wüßte, daß er gestorben ist, obwohl man natürlich weiß, daß dauernd Menschen sterben und daß man es nicht jedesmal mitbekommt, dann kann man ja einmal daran denken, die Lebendigen zu lieben. Das sind diejenigen, die noch nicht umgebracht worden sind. Unter denen gibt es auch Feinde.

Wahrscheinlich ist es so: Protestantischer Anlaß zum Liebesentzug für die Feinde ist ausschließlich der eigene Tod. Der lebendige Protestant kennt keinen Liebesentzug für andere, weil ihm der Anlaß fehlt. Tot muß er schon sein, damit der Anlaß gegeben ist. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn ihm der liebenswerte Feind den Kopf minutenlang vom Hals gesäbelt hat. Liebe tot. Mausetot. Überall Blut. Kurz vorher ist das aber zugleich auch Anlaß zur Trauer, weil man – so viel steht fest – in ungefähr einer Minute – vergiß die Halsschmerzen – nicht mehr in der Lage sein wird, den Feind zu lieben, der einem gerade die Rübe abschneidet. Schreckliches Resultat: Der ganzen edlen Weltmenschenliebe wird jeden Moment ein Liebender fehlen. Daß da ein herber Verlust droht, läßt sich – vergiß die Halsschmerzen immer noch – absehen kurz vorm Exitus. Wie stirbt er also, der feindesliebende Protestant? – Traurig. Weil er gleich seinen Feind nicht mehr lieben können wird – und weil dem lieben Feind dadurch absolut etwas entgeht.

Daß es dem Halsabschneider völlig wurscht ist, ob ihn sein Opfer liebt – als Feind so – oder nicht, – was ist das? – Genau: Religionsfreiheit ist das. Soll doch jeder glauben, was er will. Hat er halt nicht drin in seiner Religion, der Mörder. Der ist ja nicht deswegen schon böse, weil er wegen seiner Religion von der Feindesliebe keine Ahnung hat. Und aus religiösen Gründen mordet er schließlich. Der kann da praktisch gar nichts dafür. Der glaubte eben, daß er das tun muß.

Die Polizisten, die ihn dann festnehmen oder vielleicht erschießen, können sich so eine protestantische Feindesliebe einfach nicht leisten. Die müssen aufpassen, daß sie ihr eigenes Leben schützen, weil mehr Polizei in Zeiten der Feindesliebe immer besser ist, als weniger Polizei. Man kann wirklich mit Fug und Recht behaupten, daß die protestantische Feindesliebe eine etwas dekadente Moral darstellt, weil sie sich darauf verläßt, daß irgendwelche anderen die Drecksarbeiten schon erledigen werden, die wegen der eigenen Moral so anfallen könnten. Aber das ist ja dann staatlich. Da steht man darüber.

Man stelle sich Bedford-Strohm vor, wie er den Opfern einer Massenenthauptung am Strand zuruft: „Ihr müßt eure Feinde nur lieben, dann geht´s schon mit den Halsschmerzen! Ehrlich!“ – Das ist die wahre Menschlichkeit. Anderen Mut machen und die Feinde lieben. Trauern, wenn sie sterben, weil: Ein Mensch ist gestorben.