Will Witzfigur Böhmermann etwa als „Staatstrojaner“ Telegram aufmischen?

Die große Stunde der Corona-Showgrößen (Foto: Imago)

Der Vorteil bei System-Witzfigur Jan Böhmermann ist seine Berechenbarkeit –  selbst in der inszenierten Unberechenbarkeit: Seine Provokationen und Aktionen der Vergangenheit, die ihm Schlagzeilen bescherten, erlauben ziemlich zuverlässige Prognosen für den weiteren Ablauf jeweils neuer Aktionen, wann immer er sich mit der nächsten „Sensation“ an seine Fanbase wendet. Böhmermanns Schwachpunkt: Er hält sein Publikum für noch blöder als sich selbst.

So wittert auch die taubste Spürnase bei der jüngsten Meldung von der angeblichen Löschung aller Social-Media-Kanäle Böhmermanns (Facebook, Twitter, YouTube) automatisch den nächsten Coup, den dieser wohl penetranteste aller öffentlich-rechtlich gepamperten Staatskomiker bereits vorbereitet: Seine Ankündigung, sich nun auf Telegram einzurichten, soll offenkundig nur den Anschein erwecken, hier sei einer auf der Flucht vor der „Zensur“, weil er hinter eine höhere Wahrheit gekommen sei und jetzt auch zu den Renegaten des „Systems“ gehöre.

Es ist der nur allzu durchschaubare Versuch, Follower zu generieren – durch vage Anspielungen, die genau die „verschwörungsaffine“ Klientel ansprechen sollen. Mit scheinbar besorgter, bedenkenreicher Stimme meldete sich Böhmermann am frühen Freitagmorgen auf seinem neuem Telegram-Kanal zu Wort: „Leute„, fängt er an, „hier spricht Jan Böhmermann„. Er könne noch nichts Näheres sagen, „nach dem, was in den letzten Stunden passiert ist„. Telegram sei „ab sofort bis auf weiteres der einzige Kanal, bis die Dinge geklärt sind„. Er warnte vor „Fake-Gruppen, die so tun als ob ich das wäre“ (das sagt ausgerechnet einer, der im Zweifel immer der größte Fake war und auch diesmal ist) – und auch wenn er nicht konkreter werden könne, müsse er schonmal soviel loswerden: „Es geht um eine Sache, die die gesamte Erde und die gesamte Menschheit betrifft, über die ich mit euch reden muss.

An wen oder was erinnert dieser bizarre ganze Auftritt? Na? Richtig: An Michael Wendlers „Outing“ als Corono-Kritiker bei dessen Kanalgründung auf Telegram vor rund drei Wochen. Doch während der Wendler, dem zunächst ebenfalls eine PR-Masche unterstellt wurde, schnell sehr konkret wurde und sagte, was ihn umtreibe, dass er kein Vertrauen mehr in den Staat und die Pandemiemaßnahmen hätte usw., und er folglich somit keinerlei Hehl aus seiner Fundamentalopposition machte: Da merkt bei Böhmermann jeder, der Eins und Eins zusammenzählen kann, dass es sich hier nur um eine klassische „Honigfalle“ handeln kann. Ganz offensichtlich versucht hier einer, sich als „V-Mann“ (V in diesem Fal für Verschwörung) in der Szene Credibility zu verschaffen und Follower zu generieren.

Die klassische Honigfalle

Und dies dann über vage, viel- und zugleich nichtssagende Andeutungen, die bei dem einen oder anderen der auf Telegram tatsächlich reihenweise vertretenen Verrannten und Paranoiden vermutlich durchaus auf fruchtbaren Boden fällt. Geschickte Nutzung von typischen Formulierung führen dazu, dass sich mancheiner – wie von Böhmermann beabsichtigt – den Rest schnell zusammenspinnt und dann ernsthaft glaubt, ausgerechnet dieser angepasstesten Blockflöte des Staatsfernsehens seien nun auch die Augen aufgegangen, und er Böhmermann wäre jetzt einer von ihnen.

Offensichtlich allein dazu dient Böhmermanns Geraune ohne jeden konkreten Inhalt. „Es reicht!„, schreibt er einmal, und in einer der an seine neue Community abgespulten Sprachnachrichten sagt er: „Es gibt nur eine Welt und sie gehört nicht allen“, und dann immer wieder: „Mehr kann ich noch nicht verraten“ sowie die andauernde Hinauszögerung seiner großen angeblichen Enthüllung: „Morgen oder übermorgen fange ich an!“ Doch er fängt nicht an. Kunststück, womit auch? Bei immerhin über 27.000 Followern seines Kanals „REAL JAN BÖHMERMANN“ hat er mit diesem Nepp jedoch bislang Erfolg.

(Screenshot:Telegram)

Unglaubwürdig ist alleine schon das Pre-Setting dieses neuesten Böhmermann’schen Pranks: Dass gerade ihm die sozialen Kanäle abgestellt worden seien – wodurch er sich praktischerweise als scheinbarer Leidensgenosse der „Rechten“ und „Verschwörungstheoretiker“ darstellen kann, auf die er vor allem abzielt – ist ein Witz in Tüten: Facebook bzw. Instagram, Twitter und YouTube löschen niemals konzertiert und gleichzeitig Accounts, es sei denn auf richterliche Anordnung – und niemals würden sie die Kanäle eines so widerlich linientreuen, „haltungsfesten“ Kulturschaffenden des Linksstaats wegzensieren, zumal Böhmermann dazu noch nie einen einzigen Grund geboten hat.

Im Gegenteil: Wer zu Spenden für „Seenotretter“ aufruft, wer die „FAZ“ wegen einer Einladung Alexander Gaulands zu ihrem Geburtstag mit „Stürmer“-Methoden in den Dreck zieht, wer die notwendige Auseinandersetzung mit der Erdogan-Türkei über primitive „Ziegenficker“-Gedichte diskreditiert, wer auch ansonsten als lupenreiner Hassprediger virtuos die Dauer-Nazi-Keule schwingt und zuletzt gar Horst Seehofer angriff, als sich dieser gegen die Generalverdächtigung der Polizei als rassistisch verwahrte („Fick Dich, Opa“) –  der hat in Zeiten des NetzDG nichts zu befürchten. Diese Art Hetze wird nämlich nie gelöscht.

Wahrscheinlicher ist es daher allemal, dass Böhmermann selbst es war, der hier – mutmaßlich zur Glaubwürdigmachung der nächsten False-Flag-Scheißhausaktion – seine Social-Media-Kanäle löschte oder deaktivierte, um so den „Aufnahmetest“ bei der zu infiltrierenden Telegram-Zielcommunity zu bestehen. Übrigens berichteten die übrigens Medien selbst unisono nur davon, dass Böhmermann selbst seine Accounts gelöscht habe – und dies gerade nicht ohne sein Wissen oder gegen sein Willen durch die Provider erfolgt sei. Beweise für diese nur von ihm selbst vorgetragene Behauptung legte er bezeichnenderweise nicht vor.

„Embedded Vollspacko“ zur Unterwanderung der Neuen Rechten?

Wenn man also von der naheliegenden Vermutung einer Honigfalle ausgeht, fragt sich nur, was Böhmermann am Ende bezweckt. Will er einen neuen Bestseller schreiben, in dem er – wie in seinem letzten Werk über seine Twitter-Erfahrungen – die Abgründe der Telegram-„Halbwelt“ beleuchtet, als „embedded Vollspacko“ der dumpfen, identitär-NWO-gegnerischen Szene?

Auf Telegram wird in diversen Gruppen (also dort, wo er seine neuen Follower rekrutieren gedenkt), bereits heftig vor Böhmermann gewarnt, etwa von Attila Hildmann („Teilen und Warnen vor dem Faker!“). Doch auch seriöse Blogger und Netzoppositionelle sehen die realistische Gefahr, dass Böhmermann – der als übler Denunziant bekannt ist – hier Beweise sammeln, womöglich eine Antisemitismus-Falle aufstellen und am Ende die „Aluhüte“, wie er sie sich vorstellt, lächerlich zu machen.

Vielleicht geht es auch nur darum, Telegram als letzten verbliebenen Freiraum anzugreifen, auf dem der Staat zwar in manchen Gruppen mitlesen, bislang aber nicht zugreifen kann.
Böhmermann als U-Boot? Es würde nicht überraschen. Am Ende gibt’s dafür dann vermutlich wieder den Grimme-Preis oder Medienauszeichnungen für „zivilgesellschaftliches Engagament“… (DM)