Tübingens Palmer setzt auf Schweden 2.0: Risikogruppenschutz statt Shutdown für alle

Boris Palmer, OB von Tübingen (Foto:Imago/Eibner)

Zu den wenigen Politikern, die sich vom allgemeinen Katastrophengetöse nicht anstecken, sondern nach dauerhaft tragfähigen, nachhaltigen und lebenspraktischen Möglichkeiten suchen, mit Corona zu leben, gehört der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Ganz im Sinne seines schon im Sommer vorgeschlagenen Risikogruppen-Splittings will Palmer den Lockdown nutzen, um schon einmal Innovationen umzusetzen, die Senioren und Vorerkrankte in besonderem Maße schützen sollen.

Damit versucht der OB so etwas wie „Schweden in Schwaben“ zu verwirklichen, und in der Tat zeugt sein Konzept, das er in seinem „Tübinger Appell“ vorstellte, von einer weit größeren Weitsicht als alles, was die destruktive, unlogische, konzeptlose und vor allem grundrechtswidrige Politik der Bundesregierung in dieser seit nunmehr fast acht Monate währenden Krise hervorgebracht hat.

In seinem gestern veröffentlichen Appell rät Palmer Senioren davon ab, mit dem Bus zu fahren und fordert jüngere Bürger auf, morgens auf das Einkaufen zu verzichten. „Der Tübinger Appell setzt wie Schweden auf Eigenverantwortung und besonderen Schutz der Alten“, so Palmer laut „dts Nachrichtenagentur“. Schweden hatte als einziges Land in Europa auf den Lockdown verzichtet und stattdessen auf freiwillige Vorsichtsmaßnahmen gesetzt, die sich vor allem an ältere Bürger richteten.

Vernünftig, praktikabel, zielführend

Im Tübinger Appell fordert Palmer nun „alle Senioren“ auf, den Stadtbus „nicht mehr zu benutzen“ und „unabdingbare Fahrten“ mit einem Sammeltaxi zu unternehmen, wie die „Schwäbische Zeitung“ berichtet. „Wir bitten alle, die fit genug sind, nicht den Bus, sondern das Fahrrad zu nutzen, auch wenn es jetzt kälter wird“, heißt es im Appell. Zudem fordert Palmer jüngere Tübinger auf, zwischen 9:30 Uhr und elf Uhr nicht einkaufen zu gehen und diese Zeit für Senioren freizulassen. Besonders wichtig: Alle Tübinger über 65 Jahren sollen zudem kostenlos mit FFP2-Masken versorgt werden – die auch einen Aktivschutz für den Träger ermöglichen.

Diskriminiert oder ausgegrenzt wird durch diese Vorschläge somit niemand, es werden nur Freiräume und Zonen der Rücksichtnahme für eher Gefährdete geschaffen, die für den weniger vulnerablen Rest der Bevölkerung keine Einschränkungen (und schon gar keine wirtschaftlich verheerenden Nachteile bis hin zum Arbeitsplatzverlust oder Existenzvernichtungen infolge von wiederkehrenden Lockdowns) bedeuten. Und auch wenn Palmers Ideen zunächst reinen Empfehlungscharakter haben und auf die Eigenverantwortung der Bürger, nicht auf Zwang setzen: So sieht vernünftiges politisches Handeln aus. Dass es ausgerechnet ein Grüner ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – auch wenn sich Realpolitiker und Polit-Profi Palmer mutmaßlich nur in der Partei geirrt hat. (DM)