Milliardenschwere Corona-Schnelltests in der Kritik

Massentests allerorten (Foto:Imago/IndependentPhotoAgency)

Nach den PCR-Tests versprechen jetzt Antigen-Schnelltests weitere Milliarden-Gewinne im „Kampf gegen Corona“. Doch die ersten Gesundheitsexperten warnen: Die Tests seien nicht nur wenig aussagekräftig, darüberhinaus findet ein äußerst teures Experiment statt, bei dem Millionen Menschen als Laborratten benutzt werden.

Die Slowakei hat vor wenigen Wochen Millionen Bürger per Schnelltest durchleuchtet. Diejenigen, bei denen der Test negativ ausfiel, bekamen Grundfreiheiten wie das Betreten von Geschäften zurück. Von den knapp 5,5 Millionen Einwohnern wurden insgesamt 3.625.322 Slowaken über neun Jahren dem Antigen-Tupfertest unterzogen. 38.359 von ihnen sollen demnach positiv sein. Laut Premierminister Igor Matovič entspricht das 1.06 Prozent.

Österreich findet dieses Vorgehen großartig und so stehen umfangreiche Antigen-Schnelltestungen an. Dafür werden Apotheker mit einbezogen, die aber nur „symptomfreie Personen“ testen dürfen. Das Szenario gleicht dem im Nachbarland Schweiz. Dort werden seit dem 2. November die Apotheken angesichts steigender Positiv-Testungen in einer Hauruck-Aktion in die nationale Teststrategie einbezogen.

In der italienische Provinz Südtirol beschreitet man unter dem Motto „Südtirol testet“ nun den Weg der Massentests. In der kleinen Alpenprovinz können sich nun eine halbe Million Menschen in Teststationen kostenlos und freiwillig untersuchen lassen.

Die für die Massentestung eingesetzten Antigen-Schnelltests seien ein gutes Mittel zur Pandemiebekämpfung, glaubt das österreichische Gesundheitsministerium laut Spiegel. Die verwendeten Antigentests könnten hoch ansteckende Personen identifizieren, auch wenn diese Personen symptomlos seien.

Im Vereinigten Königreich werden unter anderem in Liverpool Massentests durchgeführt. Zielvorgabe sind insgesamt 10 Millionen Tests täglich. Auch auch einigen EU-Flughäfen heißt es: erst testen, dann einsteigen.

Ein wesentlicher Vorteil von Antigentests besteht darin, dass sie als billigere und schnellere Alternative zu PCR-Tests angesehen werden. Doch Experten des öffentlichen Gesundheitswesens warnen davor, dass die Tests nicht zuverlässig genug sind, um Menschen ohne Symptome zu erkennen – und dass Forscher strengere Studien benötigen, um zu verstehen, wie sie am besten eingesetzt werden können. Sie fürchten, die millionenfachen Tests könnten am Ende mehr schaden als nutzen und seien eher Werbung für die gegenwärtigen politisch verhängten Maßnahmen Politik und alles andere als wissenschaftlich fundiert. „Tests durchzuführen, um eine gute Schlagzeile zu erhalten, ohne sie zuvor bewertet zu haben, mit dem Risiko, dass tatsächlich mehr infektiöse Menschen fälschlicherweise als negativ eingestuft werden, ist unverantwortlich“, findet Angela Raffle, ehrenamtliche Dozentin an der Bristol Medical School Population Gesundheitswissenschaften, Universität Bristol.

Massentests scheinen ein logischer Ansatz zu sein, um Fälle zu identifizieren und die ausgerufenen Pandemie einzudämmen. Sie haben von oberster Stelle ein Gütesiegel verpasst bekommen – Gesundheitsminister, Ministerpräsidenten und sogar die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, lobten die Tests gelobt und kaufen sie in großen Mengen ein.

Doch wie genau sind die Tests? Der slowakische Premierminister Igor Matovič erklärte, dass einer der beiden verwendeten Schnelltests (RapiGEN und SD Biosensor) im Vergleich zu PCR-Tests über 96 Prozent der positiven Fälle nachweisen kann.

Die britische Regierung arbeitet mit  Innova-Antigen-Schnelltests, die laut klinischer Bewertung von Public Health England und der University of Oxford mehr als drei Viertel der Positiv-Betroffenen feststellen können.

Jon Deeks, Professor für Biostatistik an der Universität von Birmingham, hat sich jedoch mit den Daten befasst und glaubt, dass die wahre Zahl weitaus niedriger sein könnte: In den beiden Studien, die die reale Nutzung am besten reproduzieren, wurden zwischen 57 und 73 Prozent der Fälle erkannt.

Darüber hinaus hat eine US-amerikanische Studie gezeigt, dass diese Tests keine Fälle in den frühen Stadien der Krankheit erkennen. „Dieser Test ist also nicht gut genug, um Menschen im Beginn der Infektion zu finden, dann, wenn sie ansteckend sind“, erklärte Decks laut Politico. 

Jenny Harris, stellvertretende Chefarztin des Vereinigten Königreichs, bestätigte die unterschiedliche Genauigkeit aufgrund unterschiedlicher Einstellungen, versicherte den Gesetzgebern jedoch während eines parlamentarischen Ausschusses: „Sie werden während der Infektionsperiode sehr gut funktionieren.“

Es sind jedoch nicht nur die Tests selbst, die die Genauigkeit beeinflussen. Auch wie und von wem sie verwendet werden, hat möglicherweise einen Einfluss auf das Ergebnis.

Jon Deeks wies darauf hin, dass eine Studie des Innova-Schnelltests eine um 16 Prozentpunkte bessere Genauigkeit ergab, wenn sie von erfahrenen Krankenschwestern durchgeführt wurde, anstatt von Personen, die nur für Tupfertests geschult waren.

Ein Ziel des Massen-Screenings gesunder Populationen ist es, die Infektion bei denjenigen einzudämmen, die die Krankheit haben, ohne es zu wissen. Es ist jedoch nicht bekannt, welchen Beitrag asymptomatische Menschen zur Übertragung leisten, bemerkte Allyson Pollock, klinische Professorin für öffentliche Gesundheit an der Universität von Newcastle.

„Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass sie bei der Übertragung eine weitaus weniger wichtige Rolle spielen als Menschen mit Symptomen“, sagte sie. „Die Frage ist also, warum die Regierung Massentests oder Screenings an gesunden Menschen durchführt, wenn dazu keine Forschungsstudien nicht durchgeführt wurden.“

„Es ist schlechte Medizin und unethisch sowie eine enorme Verschwendung von Ressourcen, um an Menschen zu experimentieren“, ist die Ärztin überzeugt.

In Großbritannien könnten die bereitgestellten Gelder auf 100 Milliarden Pfund (mehr als 112 Milliarden Euro) steigen, um die angestrebten 10 Millionen Schnelltests pro Tag durchzuführen. Laut Pollock ist das Geld nicht gut angelegt. Die britische Regierung scheine alles zu tun, um die für Milliarden eingekauften Tests an den Mann zu bringen, glaubt Allyson Pollack. „Dies ist ein riesiges Experiment, bei dem die Öffentlichkeit als Meerschweinchen benutzt wird, ohne daß das Ganze durchdacht ist.“

Viele Fluggesellschaften haben die Einführung von Schnelltests begrüßt, um die Ergebnisse in wenigen Minuten zu erhalten – theoretisch perfekt für Kontrollen am Flughafen. Einige der verkehrsreichsten Flughäfen Europas, darunter Mailand, Rom, Frankfurt, London und Paris, planen oder verwenden bereits diese Tests. (MS)