Pervertierte Ethiker: Medizinische Versorgung nur noch für Linientreue und Impfwillige?

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Nach über neun Monaten Corona ist in Deutschland der moralische Kompass so dermaßen fehljustiert, dass inzwischen wieder Positionen gesellschaftsfähig werden, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen: Die von dem saarländischen Professor und Humangenetiker Wolfram Henn (der Mann ist allen Ernstes Mitglied des Ethik-Rats der Bundesregierung) angestoßene Diskussion, Impfverweigerer sollten im Krankheitsfall auf alle Notfallmaßnahmen verzichten und bei Beatmung und Triagierung nachrangig berücksichtigt werden, markiert den vorläufigen Höhepunkt des übelsten Corona-Populismus in diesem Land.

Lasst Euch impfen, oder verzichtet auf Beatmung„: Mit dieser scheinbar einleuchtenden These, von „Bild“ zur Schlagzeile erhoben, erhielt Henn Zuspruch vor allem von den linientreuen Stammtischbrüdern und „Coronazis“, die den ihnen seit Monaten eingetrichterten Hass auf die „Querdenker“, die „Rücksichtslosen“ und „Leugner“ hier in einer grimmigen, resoluten Pointe entladen sehen: Recht so! Das haben sie davon! Das ist nur „konsequent“! Schon die Medienberichte der letzten Tage über tatsächlich oder nur angeblich an Corona erkrankte Querdenker bzw. AfD’lern (siehe auch hier und hier) , bei denen (im Gegensatz zur Berichterstattung über die Corona-Infektion Emmanuel Macrons) voll Häme und gehässiger Hoffnung möglichst schwere Verläufe stets sublim herbeigewünscht werden (die Kommentarspalten unter manchen Panikmache-Artikeln sind nur noch alptraumhaft zu nennen), rufen einen menschenverachtenden Pöbel auf den Plan, der den Corona-„Verharmlosern“ kein Pardon zubilligen möchte.

Hier zeigt sich der Erfolg der Corona-Kanzlerin, deren Motto seit jeher „spalte und herrsche“ lautet, fulminant: Ebenso wie die Opposition gegen ihre Politik auch in allen anderen Bereichen von Migration bis Klima ausgegrenzt, stigmatisiert und kriminalisiert wird, so gilt inzwischen auch jede kritisch hinterfragende Stimme zu Corona, jeder Lockdown-Skeptiker als Rechtsradikaler, Extremist, Reichsbürger und rücksichtsloser Virustreiber. Als Brunnenvergifter – und damit „Volksschädling“. Solche haben dann natürlich keinen Anspruch mehr auf Behandlung.

Nicht nur der schäumende Zuspruch des aufgewiegelten Corona-Angstvolks zeigt, dass Henns Vorstoß in puncto Radikalität und ethischer Undifferenziertheit auf einer Ebene mit sonstigen populistischen Reflexrufen rangiert, wie etwa der nach Todesstrafe für Kinderschänder oder dem der Forderung nach Verstaatlichung von Konzernen, die ihre Steuern im Ausland zahlen. Leider, bedingt durch die fortschreitende Hysterie, schließen sich diesen Verirrungen auch gebildete Zeitgenossen an – selbst Juristen oder Gesundheitspolitiker. Was sie damit befürworten, sind letztlich – leider durchaus mehrheitsfähige – Auswüchse des ius talionis, Spielarten des „wie du mir, so ich dir“ also, die sich auf eine nur scheinbar simple und scheingerechte Logik berufen: Das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit, wonach jeder die Konsequenzen seines eigenen Fehlverhaltens zu tragen hat.

Gefährliche Irrwege

In Wahrheit bedeutet es das Ende der Freiheit und der Solidarität. Denn zu Ende gedacht meint das, was Henn hier propagiert (und wofür er erschreckenden Zuspruch nicht nur einer geifernden verhetzten Angstmeute aus Corona-Hysterikern und nach der erlösenden Impfung lechzenden Lemmingen, sondern auch aus akademischen und bildungsbürgerlichen Kreisen erhält!) nämlich nichts anderes als das Ende der Solidargemeinschaft – und damit des Sozialstaats.

Lassen wir einmal beiseite, dass der im Eilverfahren durchgedrückte mRNA-Experimentalimpfstoff seiner aufgrund zwangsläufig unzulänglichen Testerfahrungen und erheblicher potenzieller Nebenwirkungen mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und somit als „Ei des Kolumbus“ noch gar nicht erwiesen ist. Vergessen wir für einen Moment, dass die Vorbehalte gegen eine Impfung, anders als es die veröffentliche Meinung pausenlos suggeriert (die borniert nur zwischen den Extremen „Impfgegnern“ und „Impfwilligen“ unterscheidet , überhaupt nichts mit fundamentalistischer Obstruktion oder Uneinsichtigkeit zu tun hat, sondern durchaus auch von Impfbefürwortern geteilt wird. Sondern gehen wir ruhig davon aus, der Corona-Impfstoff sei tatsächlich ein unbedenkliches und geeignetes Mittel zur Überwindung dieser Pandemie, was ja etliche glauben wollen.

Selbst dann muss es unbedingt – und das ist das Entscheidende – immer eine freiwillige Entscheidung für oder geben diese Impfung geben dürfen. Und schon gar nicht darf die Ablehnung moralisch oder gar juristisch dahingehend sanktioniert werden, dass jene aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen werden, die sich aus welchen Gründen auch immer dagegen entscheiden. Der Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen kann in einem freiheitlichen Rechtsstaat niemals von sozial erwünschtem Wohlverhalten abhängig gemacht werden. Alles andere wäre eine Absage an jegliche Rechtsgleichheit und Diskriminierung.

Diskriminierung wird beklatscht

Was Henn und seine Beifallsklatscher hier gutheißen, erinnert an einer älteren Debatte: Die Frage, ob diejenigen von Organ- oder auch nur Blutspenden profitieren dürfen, die selbst keine Spender sind. Abgesehen davon, dass es im Einzelfall gute Gründe geben mag, selbst gar nicht dem Spenderkreis anzugehören (von medizinischen Kontraindikationen bis zu religiösen Tabus), die dann in jedem Einzelfall als Ausnahmetatbestand vorgebracht werden müssten: Weder die medizinische Ethik noch die demokratischen Wertvorstellungen erlauben es, hier einen Unterschied zu machen. Aus diesem Grund stand es bei der gesetzlichen Reform der Organspende, weder bei der Widerspruchs- noch Zustimmungsregel, je ernstlich zur Debatte, denjenigen Privilegien zu gewähren, die selbst Spender sind.

Die daraus nämlich resultierende Ungleichbehandlung wäre eine eklatante Verletzung des hippokratischen Eides, wonach Leben grundsätzlich zu heilen und zu retten ist ohne jede Vorbedingung. Schon deshalb kommt für ethnisch orientierte Mediziner dieser Gedanke überhaupt nicht in Frage – und so ist es auch im Umgang mit „Impfverweigerern“: Wer ihnen eine zweitklassige oder nur eingeschränkte Behandlung zuteil werden lassen möchte (oder von ihnen – im Ergebnis dasselbe –  zynisch den „konsequenten“ Verzicht auf intensivmedizinische Versorgung fordert), der könnte dann morgen mit derselben Begründung auch verlangen, dass an Lungenkrebs erkrankte Raucher nicht mehr behandelt werden, dass Raser keine notfallmedizinische Versorgung mehr erhalten, oder Übergewichtige mit ungesunder Ernährung keinen Anspruch auf Kassenbehandlung zu Lasten der gesünder lebenden Beitragszahler haben.

Zur Freiheit gehört, dass Menschen unterschiedliche Risiken eingehen. Das Solidarprinzip deckt diese unterschiedlichen Verhaltensweisen und Gewohnheiten allesamt ab – über einen Median der Lastenverteilung bei prinzipiell gleichen Ansprüchen für alle. Wer an diese Grundfesten die Axt legt, begibt sich auf vermintes Gelände. Alleine die Identifizierung und Bestrafung von Gesundheits- und damit „gemeinschädlichem“ Verhalten ist dermaßen willkürlich und dem herrschenden Zeitgeist unterworfen, dass sich damit alles rechtfertigen lässt – man denke nur an die Eliminierung „unnützer Esser“ bis zur Ausmerzung von „Volksschädlingen“ im Dritten Reich.

Impfen als Bürgerpflicht, Impfverzicht als Verbrechen

Die zunehmende Ideologisierung der Corona-Politik macht aus der Impfung eine hochmoralische, heroische Bürgerpflicht – und aus denen, die ihr aus welchen Gründen auch immer Skepsis entgegenbringen, asoziale Elemente und Gefährder. Weit ist es von da nicht mehr zu einer Tyrannei, in der wieder eine herrschende Elite definiert, was zum Wohle aller unabdingbar ist. Im Dritten Reich gab es den Ariernachweis. In der DDR war privilegierter Hochschulzugang von der Parteizugehörigeit abhängig. Sozialer Druck und die totalitäre Festlegung, was gerade „erwünscht“ ist, etablieren zu allen Zeiten Systeme von Bestrafung und Belohnung.

Wohin dies im digitalen Zeitalter führen kann, demonstriert uns bereits die Praxis des Social Scorings in China: Konformistisches, erstrebenswertes oder schädliches Sozial- und Alltagsverhalten wird anhand unsichtbarer Totalüberwachung pausenlos beurteilt und in einem Punktesystem validiert – das dann schließlich über Bevorzugung oder Benachteiligung entscheidet: Staatliche Privilegien, Zugang zu bestimmten Jobs, bessere Kreditwürdigkeit, Bonuszahlungen für die in der Spur laufenden braven Regelbefolger. Nachteile bei der Wohnungszuteilung, längere Wartezeiten bei ärztlichen Behandlungsterminen, weniger Urlaubstage für Widerspenstige.

Und in genau dieselbe Richtung zielen alle Bestrebungen, den Zugang zu bestimmten Gesundheitsleistungen vom „korrekten“, für „rücksichtsvoll“ oder „verantwortlich“ erklärter Verhalten der Individuen abhängig zu machen – etwa durch Zustimmung zu einer Impfung, der blind vertraut werden soll.

Der Zorn der Eiferer

Henns gefährliche Gedankenspiele sind insofern schon völlig hypothetisch, als – zum Glück – der Fall ja bis auf extrem unwahrscheinliche Solitäre so gut wie nicht eintritt, dass „Corona-Gegner“ oder „-Leugner“ überhaupt in die Verlegenheit einer Beatmung mit notwendiger Triagierung kommen werden. Diesen Gefallen wollten den alarmistischen Eiferern weder Brasiliens Jair Bolsonaro, Englands Boris Johnson noch US-Präsident Donald Trump tun – weil, entgegen der medialen Darstellung, die allermeisten Verläufe glimpflich sind. Unter den von intensivmedizinischen Engpässen (möglicherweise irgendwann, wenn überhaupt) bedrohten Bevölkerungsgruppen der hochbetagten und urerkrankten Pflegeheimbewohnern sind  bisher keine Querdenker bekannt.

Doch einmal unterstellt, dem wäre so: Wie praxisuntauglich Henns unsägliche Priorisierungsphantasien sind, wird an folgendem Gedankenexperiment sichtbar: Wie soll beispielsweise der entscheidende Stationsarzt bei einem sterbenskranken Patienten im Koma wissen, ob es sich um einen Impf-Skeptiker handelt, dessen Intubierung er folglich zurückzustellen hat? Muss bei Einlieferung ins Krankenhaus fortan ein Dossier des Verfassungsschutzes oder des BKA mitgeführt werden? Angeblich wissen, laut RKI, die Krankenhäuser ja nicht einmal, welche ihrer Covid-Patienten gegen Grippe geimpft sind.

Wenn Menschen in diesem Land kritisch ihren Verstand gebrauchen und, gerade in Krisenzeiten, für ergebnisoffen Debatte eintreten – was ebenso die Frage nach der realen Gefährlichkeit eines Virus einschließt wie die der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen -, und sich frei gegen eine Impfung entscheiden, dann haben sie jedes Recht dazu – ohne Sanktionen, medizinische Diskriminierung und Drohungen fürchten zu müssen. Nicht sie müssen in die Schranken gewiesen werden – sondern jene, die im Namen einer politischen Hypermoral und pervertierten „Ethik“ unsere Freiheit und Selbstbestimmung immer weiter beschneiden wollen. (DM)