Wer sich auf Spahn verlässt, ist verlassen: Nur 5-6 Millionen Impfungen im 1. Quartal 2021

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Zuverlässig kann die Bundesregierung darauf bauen, dass sie mit widersprüchlichen Ankündigungen, dreisten Falschbehauptungen und wissentlichen Unwahrheiten auch weiterhin durchkommt: Die ermattete Bevölkerung vergisst oder verdrängt offenbar alles, was ihr erzählt wird – und kritische Journalisten sind Mangelware, deren Job doch die Entlarvung all der Wortbrüche wäre. So wird auch niemand über den gestern von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgestellten Impf-Plan stutzig.

Zunächst erklärt der Minister darin die Priorisierung der für die Impfung zunächst vorgesehenen drei Gruppen: In der ersten sind die über 80-Jährigen, sehr alte und pflegebedürftige Menschen, desweiteren medizinisches Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, im Rettungsdienst sowie im ambulanten Pflegebereich. In der zweiten sind Personen ab 70 Jahren, Demenzkranke, Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten, Bewohner von Obdachlosen- oder Asylbewerberunterkünften und enge Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen. Die dritte Gruppe schließlich beinhaltet laut „Focus“ die über 60-Jährigen, chronisch Kranke, Menschen „in besonders relevanter Position in staatlichen Einrichtungen“ sowie Erzieher, Lehrer und Mitarbeiter im Einzelhandel.

So weit, so gut. Doch dann kommt Spahn auf die überhaupt verfügbaren Impfdosen des Biontech/Pfizer-Vakzins zu sprechen – und informiert mit nonchalanter Selbstverständlichkeit, es stünden für das ganze Land „im ersten Quartal 11 bis 13 Millionen Impfdosen insgesamt“ zur Verfügung – macht, weil jeder Impfling zwei Dosen braucht, also im Idealfall 6,5 Millionen effektive Corona-Schutzimpfungen – bis April. Eher weniger.

11 bis 13 Millionen Impfdosen – von einem Hersteller, der in Deutschland seinen Sitz hat, der dreistellige Millionenbeträge an Fördergeldern des deutschen Steuerzahlers einstrich (alleine im September 375 Millionen Euro vom Bund). Schaut Deutschland hier wieder einmal in die Röhre? Offensichtlich. Bei Spahns gestriger Pressekonferenz erinnerte den Minister niemanden daran, dass bislang doch eigentlich von 56 Millionen Dosen die Rede war, die Deutschland anteilig aus dem von der EU georderten Kontingent (300 Millionen Impfdosen) zustehen. Natürlich leuchtet ein, dass die Gesamttranche nicht auf einmal zur Verfügung steht und der Impfstoff erst produziert werden muss. Doch wenn im gesamten ersten Quartal, auf dem aktuellen Höhepunkt der Pandemie, nicht einmal 20 Prozent der zugesicherten Menge verfügbar sind, wie lange soll der Rest des Landes dann auf den Stoff warten? Bis 2023 oder später?

Deutschland stellt sich hinten an

„Die Europäische Union hat sich bis zu 300 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs der Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer gesichert. Auch die Versorgung für Deutschland ist gesichert – dank der Forschungsförderung“, jubelte Mitte November die „Deutsche Welle„. Was ist da „gesichert“? Zumal Biontech jetzt erst einmal im ganz ganz großen Stil das Ausland versorgt: Alleine die USA orderten 100 Millionen des Impfstoffs, Großbritannien 40 Millionen (von denen bis Jahresende bereits über eine Million verimpft sein wird).

Eine Herdenimmunität von 60 Prozent der Bevölkerung hat die Kanzlerin wiederholt als Zielvorgabe und Voraussetzung für eine weitgehende Aufhebung aller Beschränkungen genannt. Wie soll diese erreicht werden, wenn der bislang einzige überhaupt verfügbare und zugelassene Impfstoff, wohlgemerkt im eigenen Land entwickelt, nur für einen Bruchteil zur Verfügung steht? Die genannten bevorrechtigten Gruppen, die von ihm als erste profitieren sollen, leben oder arbeiten ausschließlich in schon vor dem Lockdown isolierten und separierten Einrichtungen und sind weitgehend immobil. Von diesen Personengruppen geht in der Gesamtbevölkerung praktisch kein Risiko aus. Für alle anderen Teile der Bevölkerung bedeutet dies: Das Virus kann unvermindert weiterwüten. Im Ergebnis bedeutet dies, dass die im ersten Quartal laut Spahns Plan vorgesehenen Impfungen überhaupt keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben dürfte, das uns nach Logik der Regierung den Lockdown beschwert hat.

Spahn ging auf diesen eklatanten Widerspruch nicht ein, sondern verstieg sich stattdessen auf wohlgefällige Versprechen: „Zug um Zug“ werde sich jeder impfen lassen können, der möchte. Es könne eben „einige Monate dauern“, bis allen, die „wollen“, ein „Impfangebot“ gemacht werden könne. Immerhin hat die Verzögerung ein Gutes: Wenn sich die im Hauruckverfahren beschleunigte Entwicklungs und Testphase bis dahin dann doch als übereilt erweisen sollte und die Impfung womöglich gravierendere Nebenwirkungen haben sollte als gedacht, dann handelt es sich um ein Angebot, das durchaus noch dankend abgelehnt werden kann. (DM)