Die Corona-Mutanten: Wird die Welt ab sofort bei jedem Schnupfen platt gemacht?

Stopp für Passagierflüge von Garoßbritannien nach Deutschland - und Tests bei Rückreisen (Foto:Imago/Blaulichtreport)

Auf welch unterirdischem Niveau wir in Deutschland inzwischen mit Informationen zu Corona versorgt werden, führt uns der mediale Umgang mit der nächsten „Pandemie in der Pandemie“ vor Augen – die neue Corona-Variante aus Südengland. Beklemmungen und Ängste werden geschürt, indem suggeriert wird, es handele sich um eine „hochgefährliche Mutation“. Deren „Gefährlichkeit“ liegt jedoch wohl nur in ihrer erhöhten Infektiosität – und eben nicht in ihren Folgen für die Infizierten. Und wieviel ansteckender die neue Variante wirklich ist, ist dabei noch gar nicht ausgemacht.

So äußerte sich gestern Carl Heneghan, Professor für evidenzbasierte Medizin am Nuffield Department of Primary Care der Universität Oxford, skeptisch über die von der britischen Regierung angestellte Behauptung, die Corona-Mutation sei 70 Mal ansteckender. Er fordert die Behörden auf, dafür Beweise vorzulegen: „Ich mache diesen Job seit 25 Jahren und ich kann Ihnen sagen, dass Sie in so kurzer Zeit keine quantifizierbare Zahl ermitteln können. Jeder Experte sagt Ihnen, es ist zu früh, um eine solche Schlussfolgerung zu ziehen.“ Heneghan erklärte, dass es diese Jahreszeit, die „Höhepunkt der Virensaison“ ist, schwierig für das Gesundheitssystem ist. Aber das Versäumnis, die Grundlage der Zahlen zu nennen, untergrabe das Vertrauen der Öffentlichkeit.

Er wolle lieber „sehr klare Beweise“ haben als Aussagen à la „wir denken, dass es übertragbarer ist“. Dieses Vorgehen habe massive Auswirkungen, es verursacht Angst und Panik – doch keinesfalls dürfe man sich in eine Lage begeben, in der „die Regierung Daten veröffentlicht, die nicht quantifizierbar sind.“ Die Daten würden den Hinweisen angepasst, nicht umgekehrt. „Sie sehen Fälle aufsteigen und suchen nach Beweisen, um dies zu erklären„, so der Professor laut der „Daily Mail„.  Allerdings ist das allerdings genau das Procedere der Politik mit allem, seit Beginn dieser Pandemie.

Was bislang bekannt ist, ist wenig spektakulär: Die neue Version namens VUI2020/12/01  verschafft sich offenkundig einen leichteren Zugang zu den Wirtszellen durch ein geänderes Spike-Protein, das die Anhaftung erleichtert – bei ansonsten gleicher Wirkung. Derartige Veränderungen des Virusgenoms mit fortschreitendem epidemischen Verlauf sind an sich eine Banalität, die Virologen bereits vor Monaten vorhersagten. Dennoch wird sie jetzt schamlos instrumentalisiert, um gleich die nächste Lockdown-Verschärfungsorgie einzuläuten.

Alles im Rahmen der Vorhersage

Im Juni hatte Christian Drosten höchstselbst in seinem Podcast prophezeit, wie das Coronavirus mutieren könnte und dass es sich abschwächt. Irgendwann, darauf könne man sich verlassen, werde das Virus mutieren. Auch Berufskollegen erklärten, perspektivisch werde aus Corona vielleicht irgendwann so etwas wie ein Schnupfen. Wesentliches Merkmal dieser Mutation nämlich die bessere Anpassung an den Wirt, sprich: an den menschlichen Organismus. Dass dazu auch die bessere Adaption der Oberflächenproteine an die Körperzellen gehört, ist im Prinzip nichts Neues. Die neue Variante scheint genau dies zu können – was zu einer rund 70prozentig erhöhten Ansteckungsgefahr führt. Die Eigenschaften des Virus selbst und seine relative Gefährlichkeit bleibt demnach unverändert, und auch – ganz wichtig für die Vertreter der politischen Impfobsession – der Schutzeffekt der bereits angelaufenen Impfungen sei davon nicht beeinträchtigt.

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Unter Berufung auf britische Virologen, die die neue Mutation als erste festgestellt hatten, erklärte Premierminister Boris Johnson: „Es gibt keine Beweise, dass die neue Variante mehr oder schwerere Krankheitsverläufe auslöst“. Auch eine höhere Sterblichkeit sei durch VUI2020/12/01 bisher nicht festgestellt worden.Doch deutsche Medien sind spezialisiert darauf, Experten zu Kronzeugen ihrer vorgefassten Schlagzeilen zu machen; Medien zitieren den Virologen Rolf Kaiser mit der nichts- und vielsagenden Aussage: „Pauschal kann man nicht sagen, ob die neue Variante des Virus aggressiver oder tödlicher ist„. Was übersetzt soviel heißt wie: Dazu gibt es keinerlei Erkenntnisse.

Eigentlich wäre all dies somit keine Katastrophenmeldung wert – doch die Medien posaunen sie als genau das hinaus und schüren unverantwortliche Existenzängste ihrer Leser, wie vor allem beim „Spiegel“ die Reaktionen der panikverhetzten Leser zeigen. Wie damals, als Corona uns Deutschen immer näher kam und das punktuelle Auftreten in Italien, Schweiz, Österreich und schließlich auch in Deutschland (außerhalb der damals nur in Bayern isolierten Erstfälle) auftrat, wird auch jetzt eine Heidenangst geschürt vor der „Mutation“, die um uns herum bereits überall aufpoppt und bald auch uns erreichten wird. In Deutschland, beschwichtigt das RKI, gäbe es bisher „keine Anzeichen dafür, dass das Coronavirus bereits entsprechend mutiert“ sei.

Überhaupt kein Grund zur Sorge bei Schwere der Verläufe, dennoch Hysterie

Und wenn es sie bereits gibt bzw. in den nächsten Tagen mit Sicherheit geben wird – was sich angesichts unserer sperrangelweit Grenzen, des nach wie vor regen Reiseverkehrs und der immer weiterlaufenden Asylimmigration wohl überhaupt nicht verhindern lassen wird: Was wäre dann eigentlich so besorgniserregend? Eigentlich doch gar nichts, aus Sicht der Politik: Die bisher geltenden Kontaktbeschränkungen, die gesamten Lockdownmaßnahmen behandeln das Virus ja schon jetzt so, als sei jede Unterschreitung des Mindestabstands, jede Verletzung der Kontaktobergrenzen zwingend gleichbedeutend mit einer 100%igen Infektionswahrscheinlichkeit. Anders formuliert: Würde der Lockdown irgendetwas bringen, dann wäre er auch gegen die neue Mutation wirksam.

Da dies aber nicht der Fall ist und Corona sich bereits in seiner bisherigen Variante – trotz Geisterstädten, Maskendauerzwang, Isolation und Hygieneregeln – weiter und steigend ausbreitet, wäre zu fragen, woran sich das neue Virus dann eigentlich bemerkbar machen sollte? Schon jetzt ist die Dunkelziffer riesig, läuft ein Großteil der Infektionen wohl unbemerkt durchs Land. Hätte der Lockdown die Phantasie-Inzidenzgrenzwerte der Politik gebrochen und wäre das Infektionsgeschehen im Griff, dann wäre die Sorge ja nachvollziehbar – doch die Maßnahmen brachten ja nicht einmal bei der „klassischen“ Variante messbare Erfolge.

Trotzdem soll die Mutation nun die letzten offenen Vektoren unterbrechen, die bisher trotz Lockdown bestanden: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet fordert einen schnellen Stopp des Reiseverkehrs aus Großbritannien; Belgien und die Niederlande hatten zuvor bereits den Flug- und Zugverkehr eingestellt. Laschet geht noch weiter: Er will, um „Ausweichreisen über Deutschland“ zu verhindern, „ein schnelles Einreiseverbot,am besten europäisch„, fügte er hinzu. Auch sein gleichgesinnter Kollege Markus Söder war gleich mit von der Partie – und verlangt, dass Deutschland die Einreise und Landung aus Großbritannien und Südafrika (wo eine ähnliche Mutation des Coronavirus entdeckt wurde) vorübergehend aussetzen sollte. „Sicherheit geht vor„, so Söder.

Reiseverbote als Rache für den Brexit

Das gilt natürlich nur und vor allem für den innereuropäischen Reiseverkehr, vor allem aus und von der Insel, die mancheiner hier wohl für den Brexit insgeheim ausgrenzen und abstrafen will (etwa Gesundheitsminister Jens Spahn oder der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese, die laut „dts Nachrichtenagentur“ bereits davor warnten, dass sich die neue Covid-19-Variante von England ausgehend auf dem Kontinent schnell verbreite) – aber nicht, na logisch, für Asylbewerber, Flüchtlinge und Migranten. Gerade erst hatte fast ein Drittel der deutschen Abgeordneten in einer Art „Weihnachtsappell“ für die weitere Aufnahme von Moria-Flüchtlingen geworben. Hier spielt offenbar Corona keine Rolle – weder in seiner klassischen Variante noch in seinem brandneuen „Update“  VUI2020/12/01.

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Ganz heiß ist schon wieder Karl Lauterbach, der strikte Reiseforderungen fordert: Wenn die neue Mutation jetzt käme, „wo wir mitten in der zweiten Welle sind, wo wir so hohe Fallzahlen haben, wäre das eine Katastrophe. Das ist so ähnlich, als wenn ich ein Feuer habe und gieße noch einmal Benzin nach.“ Gemeinsam mit Drosten zeigte sich Lauterbach „besorgt über die Mutation“. Ist der Mann, seines Zeichens Epidemiologie, jetzt auch schon eine virologische Kapazität? Bei Lauterbach hat seit März ja ausnahmslos alles das Zeug zur großen Katastrophe, auch wenn sie wieder und wieder ausbleibt.

Er würde „mindestens von Wochen, wenn nicht von Monaten ausgehen„, in denen der Flugverkehr ruhen müsse – und „auch nach einer Aufhebung der Einreisesperren sollte weiter jeder getestet werden, der aus den Regionen kommt„. Eine irre Forderung, die die bereits angelaufene wirtschaftliche Totalzerstörung des Kontinents erstrecht perfektionieren würde. Interessant: Die Impfung, auf deren Wirkung die neue Mutation ja keinen Einfluss hat, scheint in Lauterbachs Berechnungen schon gar keine Rolle mehr zu spielen – dabei ist sie doch der angebliche Schlüssel zur Überwindung zur Pandemie. Rechnet man etwa mit deren Erfolg selbst nicht mehr?

Wieso der Wirbel, wenn doch die Impfung winkt?

Und so verwundet es nicht weiter, dass Lauterbach die Mutation auch sogleich erregt zum Anlass nimmt, die Deutschen auf einen noch härteren und unbefristeten Lockdown einzustimmen: Diesen müsse man „rigoros durchführen„, bis die Fallzahlen „deutlich unter 50, oder besser unter 25 Neuinfektionen je Woche und 100.000 Einwohner liegen„. (Ein Fernziel, das auch ohne „hochansteckende Mutation“ illusorisch und womöglich nie erreichbar ist). Dann erst, meint Lauterbach könne man „selbst wenn die neue Mutation da ist, „jedes neue Cluster sofort entdecken und beenden und kommt wieder vor die Welle„.

Vor der Welle, in der Welle, vor der nächsten Welle – soviel aus Lauterbachs Wohlfühl-Blase des ewigen Ausnahmezustands. Und dank immer neuer Mutationen, später dann sicher auch dank völlig neuer Viren, erhält dieser Panik-Hohepriester permanent neues Futter für seinen offenkundigen neuen Lebensinhalt als Zuchthauswärter der Nation.

Was aber eigentlich, wenn es sich bei der Briten-Mutation tatsächlich um ein erstes Indiz für eine „Verallgegenwärtigung“ von Corona handeln sollte, die dann irgendwann die erstrebte Herdenimmunität einleitet? Dann wäre diese neue Variante eher eine gute Nachricht – und vielleicht sogar eher mit einem Schnupfen zu vergleichen. Auch dieser breitet sich hochansteckend seit jeher rasend schnell aus – nur dass daran noch nie der Weltuntergang festgemacht wurde, auch wenn „die normale Grippe“ in schweren Verläufen und durch Folgeerkrankungen seit jeher Tote und Schwerkranke forderte. Vor allem bei den Hochbetagten, die bei Corona zu den statistisch relevanten Hauptbetroffenen zählen. Wichtig wäre in dem Fall umso mehr, dass die Risikogruppen selektiv geschützt werden vor diesem Schnupfen – während er für die Gesamtbevölkerung keine signifikante Gefahr bedeutet. Es sei denn, man will in Zukunft dann bei jedem Schnupfen die ganze Welt anhalten. Viele scheinen genau davon zu träumen.