Ethiker auf Abwegen: Der Angst- und Schuldkult um Corona

Ethisches Impfen - Foto: Imago

Die von dem saarländischen Professor Wolfram Henn angestoßene Scheindiskussion um Nichtbeatmung von „Impfverweigerern“ war mehr als die geistige Verirrung eines Einzelnen auf das gefährliche und geschichtlich vorbelastete Terrain einer „Volksgesundheit“, die nur erwünschten und systemkonformistischen Subjekten medizinische Segnungen zuteil werden lässt. Der Mann ist Mitglied des Ethikrats – und unter den dort vertretenen Experten sind solche kruden Gedankenspiele leider kein Einzelfall.

Auf moralische Geisterfahrt begab sich dieser Tage neben Henn nämlich noch eine weitere Angehörige dieses Gremiums: Dr. Kerstin Schlögl-Flierl, Moraltheologin an der Universität Augsburg, sinnierte in einem von „Focus“ veröffentlichten Interview mit dem katholischen „Domradio“ über die Schuldfrage zu Weihnachten. Ihre Einlassungen sponnen die bereits von Angela Merkel im Bundestag zur Legitimierung des Killer-Lockdowns bemühten, perversen Narrative von den rücksichtslos getöteten Altvorderen weiter, die an zuviel weihnachtlicher Familiennähe krepieren werden. Der Fragesteller konfrontierte Schlögl-Flierl mit folgendem „Gedankenexperiment“: „Ein Sohn besucht seine alten Eltern – kurz darauf stirbt der Vater an Covid-19, danach noch die Mutter und auch noch der Nachbar. Der Sohn kämpft dann nicht nur selbst gegen die Krankheit, sondern auch noch gegen schlimme Schuldgefühle. Zu Recht? Wenn er sich doch an die Hygiene-Regeln gehalten hat, dann muss er sich doch eigentlich keine Vorwürfe machen, oder?“

Sogleich wechselt die Moraltheologin mit ihrer Antwort auf diese Suggestivfrage in die Corona-zeitgeistkonforme Schuldattitüde: „Das ist damit nicht gesagt! Dass man sich an die Hygiene-Regeln hält, ist das Minimum.“ Allerdings sei zu beachten: „Man braucht also gute – ich würde fast schon sagen, schwerwiegende – Gründe momentan, um jemanden von Angesicht zu Angesicht in einem Raum zu besuchen, gerade ältere Menschen.“ So etwas äußert eine Theologin, die abermals das Leitmotiv christlicher Nächstenliebe einem durchgeknallten, überzogenen Infektionsschutz opfert, der all das verbietet, was das Leben gerade für die Alten überhaupt noch lebenswert macht. Das Statement liegen auf einem Niveau mit den „großen Worten“ einer weiteren Theologin, der Ex-EKD-Bischöfin Margot Käßmann – die sich pünktlich mit Beginn der Adventszeit zu der Aussage verstiegen hatte, es gäbe „kein Recht auf Weihnachten„.

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Wenn solche Exponenten wie Henn und Schlögl-Flierl im Ethik-Beratungsgremium der Bundesregierung sitzen, braucht man sich über die empathielosen, widersprüchlichen und leichtsinnigen Entscheidungen der Politik in dieser Pandemie nicht mehr im Geringsten zu wundern; einer Politik, die mit ihrem Tun immer öfter das genaue Gegenteil dessen bewirkt, was sie angeblich verabsolutieren will: Die „Rettung“ von Leben. Ein fatales Beispiel für diese permanente, dem Motto „Operation gelungen, Patient tot“ folgende Flickschusterei der Maßnahmen ist der aktuelle Engpass in Heimen und Kliniken an Pflegefachpersonal: In den Pflege- und Altenheimen sterben Menschen wie am Fließband, weil die Mitarbeiter reihenweise in Quarantäne geschickt werden. Aber Hauptsache, Infektionsketten werden „unterbrochen“ – auch wenn dies unmittelbar Menschenleben kostet. In vielen Kliniken führt erst der hohe Quarantäne-Fehlstand zu der Kapazitätsverringerung, die dann – bei in etwa gleichbleibenden Belegungszahlen – zwangsläufig eine weitere Verknappung freier Betten suggeriert. Diese wird uns dann wiederum, zu politisch opportunen Hysterisierungszwecken, als ein „Vollaufen der Intensivstationen“ verklickert.

Rachegelüste gegen die Verweigerer

Aber nochmals zurück zu Henn: Dieser ruderte aufgrund des gewaltigen Backlashs an Empörung und Gegenstimmen mittlerweile zurück und versucht seine Aussagen zu relativieren: Er sei falsch zitiert worden, denn ihm sei es ja nur um die Aufforderung der freiwilligen Unterzeichnung einer fiktiven „Patientenverfügung“ durch Impfgegner gegangen, welche quasi die notwendige Konsequenz ihres (von Henn für „unsolidarisch“ erklärten) Verweigerungsverhalten sein müsse. Dies sei etwas völlig anderes als ein aktiver Ausschluss von Behandlung, Beatmung oder Benachteiligung bei Triagierung.

Auf die an ihn gerichtete Zuschrift einer Jouwatch-Leserin, die uns diese weiterleitete, führte Henn in rabulistischen Windungen aus: „Lassen Sie mich klarstellen: Ich habe mich selbstverständlich NICHT (!!!) für irgendeine Form von Behandlungsausschlüssen gegenüber wem auch immer ausgesprochen und würde mich auch jedem entgegenstellen, der so etwas fordern würde! Der Anspruch auf medizinische Behandlung ist seinem Wesen nach voraussetzungslos, auch wenn die Krankheit durch anderes Verhalten (z. B. Tabakverzicht, aber auch Geimpftwerden) vermeidbar gewesen wäre. Das steht doch völlig außer Frage. Es geht mir in meiner persönlichen Zuspitzung der Ethikrats-Formulierung einer „moralischen Impfpflicht“ um die Aufforderung an Menschen, die sich ohne tragfähige individuelle Gründe der Solidarität in der Überwindung der Pandemie entziehen wollen, diesen Gedanken auch in selbstkritischer ethischer Reflexion konsequent zuende zu führen.

Hier irrt Henn: Ein freiwilliger Verzicht auf intensivmedizinische Behandlung wäre eben gerade NICHT die logische Konsequenz einer skeptischen Haltung gegenüber der Corona-Impfung. Im Gegenteil: Sofern deren Ablehnung nicht aus einer esoterisch-fundamentalistischen Abneigung gegen Impfungen generell resultierte (was allenfalls bei einer verschwindenden Minderheit der Fall ist), sondern – wie bei der übergroßen Mehrheit der Kritiker – auf nur allzu angebrachten Zweifeln gegenüber einem im Eilverfahren durchgeboxten Experimentalimpfstoff beruht, kann eben keine moralische Dichotomie von „Solidarität“ einerseits und „Verantwortungslosigkeit“ andererseits postuliert werden. Tatsächlich nämlich könnten sich bald schon Bedenken gegen die Impfung sogar als noch „rücksichtsvoller“ erweisen als deren blinde Gutheißung.

Hilfsweiser Impfzwang durch Schuldkonditionierung

Was Henn, im Hauptberuf Humangenetiker, mit seiner Aussage bezweckte, steht außer Frage: Die Impfbereitschaft zu steigern – und dies wiederum über die bewährten Kategorien von Schuld und Angst. Ein „Impfappell“ also – obwohl seine brachial geschwungene Moralkeule die von der Politik stets beschworene „freie Entscheidung“ (samt kategorischem Ausschluss eines Impfzwangs) ad absurdum führt: Die auch nur angedeutete Drohung einer Aufkündigung des Solidarprinzips für Abtrünnige und Verweigerer erzeugt einen höheren Zwang, als es jede Gesetzesvorschrift je vermochte.

Insofern hatte die Mehrheit jener, die sich hinter Henn stellten, seine Äußerung genau so verstanden, wie sie – allen nunmehrigen sprachlichen Relativierungen zum Trotz – wohl auch gemeint war: als subtile Befürwortung grimmiger Ausgrenzung und „gerechter Strafen“ für unbotmäßiges Gefährder-Verhalten jener, die von den Medien seit Monaten als Querdenker, Covidioten, „Leugner“ oder „Grundrechtsdemonstranten“ halb dämonisiert, halb lächerlich gemacht werden – um damit die Impfbereitschaft und -disziplin zu steigern. Bei vielen rannte Henn damit offene Türen ein: Seit vielen Monaten wünscht sich eine große Zahl der „Corona-Rechtschaffenen“, die an die Weisheit der Spahn-/Merkel’schen Politik glauben (und an deren unerschütterliche Absicht, uns so schnell wie irgend möglich aus dieser alptraumhaft-surrealen Zeitschleife zu befreien), der Blitz möge jene treffen, die den Ernst der Lage kleinredeten und zuviele kritische Frage stellen. Pass-Out bei Triaden, keine Intensivstation oder Intubation für die „Verharmloser“, „Verschwörungstheoretiker“ und sonstigen Brunnenvergifter –  auf dass sie endlich mit der von ihnen angeblich verharmlosten Realität konfrontiert werden undfür ihre Ignoranz büßen! Als Lust an der „Todesstrafe light“ beschrieb Henryk M. Broder in einem luziden Gastbeitrag für die „Welt“ diese affektiven Denkmuster. Sie sind verbreiteter als man denkt: Liest man die Leserkommentaren unter praktisch sämtlichen Mainstream-Veröffentlichungen zu Henns Vorstoß, zeigt sich, wie der mediale Lynchmob der Corona-Konformisten tickt: Für sie haben die „Skeptiker“ jedes Lebensrecht verwirkt.

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Und während Henn für seine – angebliche falsch wiedergegebene – Position vom Pöbel bis hin zu führenden Köpfen der Wissenschaftselite Zuspruch gezollt wird – gestern dann sogar von Christian Drosten persönlich, der Henn verteidigte -, scheint überhaupt Keinem der logische Bruch in Henns Gedankenspiel aufzufallen, der diese Debatte bereits im Ansatz ad absurdum führen müsste: Wenn „Impfgegner“ – etwa in der Beatmung – bei Versorgungsengpässen künftig zurückstehen sollen, wer soll dann eigentlich künftig überhaupt noch beatmet werden… die Geimpften? Diese bedürfen nach Überzeugung der Impfbefürworter doch überhaupt keiner intensivmedizinischen Versorgung mehr, da sie doch immun oder zumindest gegen schwere Verlaufsformen gefeit sind. Somit dürfte es also auch keine Versorgungsengpässe mehr geben. Doch gerade Letzteres nimmt unser so tiefschürfender Ethiker ja an: Intensivbetten sollen den Geimpften vorbehalten bleiben, während Impfmuffel auf die Beatmung verzichten sollen. Wer diesen Widerspruch nicht erkennt, dem hat das Virus sogar ohne Infektion den Verstand vernebelt. (DM)