Wie in der DDR: Tapferes Anstehen für den erlösenden Schnelltest

Corona-Testschlange (Foto:Imago/Halisch)

Die Zustände, die den real-existierenden Sozialismus einst so „unwiderstehlich“ machten, sind 31 Jahre nach Ende der DDR wieder Realität in Deutschland: Graue Straßen, graue Menschen. Argwöhnische Blicke, Sorge um die Einhaltung totalitärer Regeln, die wie zu allen Zeiten mit der Notwendigkeit des Bevölkerungsschutzes vor einem unsichtbaren Feind begründet werden. Dazu noch der Lockdown, der die letzten Reste von wirtschaftlicher und zwischenmenschlicher Normalität zerstört. Dafür kommt das „Gemeinschaftserlebnis“ des Schlangestehens wieder in Mode – mit Abstand, versteht sich.

Warteschlangen vor Bäckereien, vor überfüllten Supermärkten, vor den Ausgabestellen von Elektromärkten (zur Abholung online bestellter Waren). Schlangen vor der Post, an Bus- und S-Bahnhöfen. Und, gerade in den letzten Tagen vor Weihnachten rapide zunehmend: Schlangen vor den Test-Centern, um dort einen „Freifahrschein“ für das unbeschwerte weihnachtliche Beisammensein in Form eines Negativ-Schnelltests zu ergattern. Die Covid-Testschlangen vor allem in den Großstädten kreieren die gespenstischsten Szenen des kollektiven Wahnsinns, in den sich die ganze Welt und allen voran Deutschland begeben hat. Dagegen waren die Warteschlangen vor den für Ausreiseanträge zuständige DDR-Behörden ein Kindergeburtstag.

Die „Berliner Morgenpost“ berichtet über die aktuellen „Hotspots“ der kilometerlangen Menschenreihen für die fixen Testabstriche (oder auch Gurgeltests), die nun nicht mehr nur in Flughafenterminals das Bild prägen, sondern auch die Innenstädte. Vor allem in der Hauptstadt – hier etwa in Berlin-Mitte vor dem KitKat-Club-Club,l oder auf dem Gelände des  Flughafens BER. Stundenlang stehen die Leute im Freien, vereinzelt, schweigend, tippen auf ihren Smartphones herum, telefonieren – all das für einen Schnelltest von (dank hoher Falschpositivquote) noch fragwürdigerem Aussagegehalt als die Labor-PCR-Test. Dabei frieren sie sich bei nasskalter Witterung die nächste Erkältung an, deren Symptome dann praktischerweise gleich den Vorwand für die künftigen PCR-Tests abgeben. Dieses System ist zum Selbstläufer geworden, Corona erhält sich von alleine.

Weihnachten ohne Schuldkomplex

Und jeder harrt seiner hoffentlich negativen Testergebnisse, die weihnachtliches Reisen innerhalb Deutschlands und die unbeschwerte „Familienzusammenführung“ für zumindest ein paar heilige Tage ohne Schuldkomplex ermöglichen sollen. Mit medizinischer Zweckmäßigkeit hat die Aktion schon deshalb wenig zu tun, weil selbst bei hypothetischer hundertprozentiger Testgenauigkeit keine Garantie besteht, dass sich der Getestete nicht bereits im nächsten Moment, etwa beim Verlassen des Testcenters, trotzdem anstecken könnte. „Die Unsicherheit in diesen Tagen wird die Reisenden begleiten„, schreibt die Zeitung, und ergänzt: „Die Inkubationszeit der Infektion bringt mit sich, dass es keine wirkliche Sicherheit geben kann und sich erst Tage nach dem Fest zeigt, ob es eine gute Idee war zusammenzukommen.

Wie wirksam die politische Massenverschüchterung gewirkt hat, beweist nicht nur die masochistische Opferbereitschaft für einen Freibrief mit dem erlösenden Urteil „negativ“, sondern auch der Umstand, dass die Leute dafür auch noch bereitwillig tief in die Tasche greifen, um ihre von den Kassen nicht übernommenen vorweihnachtlichen „Passierscheine“ zu bezahlen: Mindestens 25 Euro, an manchen Testcentern gut und gerne auch das Doppelte oder noch mehr kosten die Schnellabstriche. Der Drill aktiviert das Belohnungszentrum im Hirn: Der positive Kick der Erleichterung, frei vom Virus zu sein, gibt zwar nur trügerische Sicherheit – doch er trägt zur politisch gewünschten Abrichtung des Volkes bei, dass künftig in diesem Land ohne „Unbedenklichkeitsnachweises“ nichts mehr laufen wird. Kein Weihnachten ohne negativen Schnelltest – und in Zukunft keine Normalität mehr ohne Immunitätsnachweis. (DM)