Neue Geschichten aus Schilda – ein Märchen

Mitten im Land lag eine Stadt, die Schilda hieß. Ihre Bewohner nannte man daher Schildbürger und es waren seltsame Leute. Egal, was sie taten, sie machten alles falsch. Wenn jemand zu ihnen sagte: „Ihr habt nicht mehr alle Tassen im Schrank!“, dann gingen sie in die Küche und zählten erstaunt ihre Tassen nach. Und wenn jemand zu ihnen sagte: „Ihr tickt doch nicht mehr richtig!“, dann prüften sie ihre Uhren, ob diese noch gingen. Schnell wurde Schildas Dummheit überall bekannt und auf der ganzen Welt wurde herzhaft gelacht, wenn jemand über Schilda sprach. Rund um den Globus lachte die Welt über die Dummheit der Schildbürger.

Vor langer Zeit waren die Schildbürger gar nicht dumm, sondern fleißig, pünktlich und klug. Damals kamen die Menschen von überall angereist, um sich in Schilda Rat zu holen, selbst Kaiser und Könige suchten die Weisheit in Schilda. Bei jedem Besuch wurde gebeten, dass ein Schildbürger mit ihnen zurück in die Heimat reiste und dort den Menschen half. So kam es, dass immer mehr kluge Schildbürger die Stadt verliessen, bis niemand mehr übrig war, der schlau war.

Die Schildbürger ahnten nicht, in welcher Misere sie steckten, noch waren die Vorratslager und die Kassen der Stadt gut gefüllt. Dies änderte sich langsam, als eine Brücke gebaut werden sollte. Die Pläne dazu waren fix parat. Der Fluss vor der Stadt sollte überquert werden und obwohl die Schildbürger nicht die hellsten Köpfe waren, gelang der Bau im Nu.

Noch am selben Tag, als der letzte Spatenstich getan und der Brückenbau beendet war, ließ der gewichtigste aller Minister verkünden, dass die Brücke am nächsten Tag eingeweiht werden sollte. Der Einladung folgte die ganze Stadt und am nächsten Morgen versammtelten sich die Schildbürger um die Brücke herum, über die der Zug aus Schilda hinaus in die Welt fahren sollte.

Als die Königin voller Eifer mit ihrem Gefolge erschien, schritt sie stolz den Zug ab und setzte an, einzusteigen. Der große und dünnste Minister mit der großen Brille hielt sie jedoch zurück. „Was habt ihr vor, Majestät?“, fragte er.
Die rundliche Königin blieb ruhig: „Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Die Bürger sollen etwas zu sehen bekommen. Ich fahre mit allen Ministern gemeinsam in dem Zug über die Brücke.“

Die Augen des großen, dünnen Ministers weiteten sich vor Schreck. Er fing an zu stammeln. „Aber dafür ist der Zug nicht gedacht. Der Zug kann über die Brücke fahren, aber mit unser aller Gewicht würde das die Brücke zum Einsturz bringen. Das ist zu riskant.“
Der kleinste Minister eilte herbei, nahm Maß und studierte die Zahlen. „Es stimmt Majestät, die Brücke hält den Zug, aber kein Gramm mehr.“

Die Fahrt des Zuges fand an diesem Tag statt, jedoch anders als es sich die Königin vorgestellt hatte. Unter dem Jubel und Applaus der Schildbürger verließ der Zug die Stadt, fuhr über die Brücke, verschwand hinter einem Bergkamm und wurde seit dem nicht mehr gesehen.

Hatten sich die Schildbürger an dem Abend noch täuschen lassen, kamen nach kurzer Zeit erste Zweifel auf, die in den Stadtmauern als Gerüchte die Runde machten. Schließlich wurden spöttische Witze gemacht, wenn die Königin und ihre Minister in der Öffentlichkeit auftraten oder zu sehen waren.

Um dem ein Ende zu setzen, musste etwas passieren, befand die Königin und entschied, dass nur ein Bahnhof Abhilfe schaffen konnte. Das große Projekt bedurfte Planung, doch als es daran ging, den Bahnhof zu bauen, verzögerten sich erst die Pläne, dann die Bauarbeiten und irgendwie ging es einfach nicht voran. Die Kosten schnellten indes in unerwartete Höhe. Täglich erschien der kleinste Minister, nahm Maß und ging dann ratslos wieder davon.

Während der Bahnhof vor sich hingeplant blieb, lenkte die Königin die Aufmerksamkeit der Schildbürger indes auf ein neues Projekt. Diesmal sollte ein Flughafen her, der Schilda mit der Welt verbinden sollte. Sie erhofften sich, Besuche von überall her und malten sich aus, wie zahlreiche Touristen in der Innenstadt flanierten. Der Flughafen stellte sich schnell als weiteres Problem heraus. Wieder waren die Pläne der Architekten nicht umsetzbar, da die Schildbürger sie schlichtweg nicht verstanden. Während immer noch Geld in den Bau des Bahnhofs floss, verschlang auch der Flughafen jetzt Unsummen, ohne dass Resulate näher rückten.

Es vergingen Wochen und sogar Monate, ehe die Schildbürger auch dieses Projekt einfach laufen ließen, sie finanzierten Neuplanungen und steckten immer weiter Geld in Berater, die nichts taugten und in Baustellen, bei denen noch nicht einmal der erste Spatenstich gesetzt war.

Obwohl noch nicht beendet, schickte die Königin Einladungen in die ganze Welt hinaus und lud jeden ein, nach Schilda zu kommen. Sie plante bereits die Zeremonien zur Eröffnung des Bahnhofs und des Flughafens und vergass vor Freude über die Vorbereitungen der Feierlichkeiten die Projekte selbst.

Die Einladung der Königin ging indes in die Welt hinaus und Menschen von überall her machten sich auf den Weg nach Schilda. Einige planten einen kurzen Urlaub in der Stadt, andere hingegen waren von der Königin Schildas so angetan, dass sie für immer in Schilda bleiben wollten.

So kam es, dass eines Tages ein Schlauer in die Stadt kam, der sogleich von den gescheiterten Bauvorhaben der Stadt hörte. Er hatte aus der Vergangenheit gute Erinnerungen an Schilda und entschloss sich, zu helfen. Er bat um eine Audienz bei der Königin, die ihn noch am selben Tag empfing. Er bot seine Hilfe an und fragte neugierig, warum es bisher nicht geklappt hatte, weder Bahnhof noch Flughafen zu bauen. Als der kluge Mann die Pläne erhielt, mit denen die Schildbürger versucht hatten, den Bau mit dem Dach zu beginnen, hielt er einen Moment ungläubig inne, dann lachte er schallend und voller Inbrunst.

Die Königin war außer sich. Sie rief die Palastwache, die den schlauen Mann kurzerhand aus der Stadt hinauswarf. Sein Lachen war zu hören, bis er vor den Toren der Stadt stand und erheitert seiner Wege ging.

Der Hofstaat bemühte sich indes, die Königin zu beruhigen, was nicht einfach war und erst gelang, als der kleinste Minister auf einem Hocker stehend verkündete, dass der lachende Fremde des Landes verwiesen worden war.

Am nächsten Morgen war die Königin gut gelaunt. Sie wünschte sich jetzt einen Wassergraben um den Palast, damit nicht wieder so ein schlauer Mann daher kam und sie auslachte. Der Hofstaat war erleichtert. Die Königin hatte ein neues Projekt und ein Wassergraben sollte nicht so schwierig werden wie ein Bahnhof oder ein Flughafen.

Der erste Plan für den Bau des Wassergrabens gefiel der Königin von Schilda gar nicht. Der Graben sollte tiefer sein, zudem bestand sie auf angespitzte Bambuspfähle, Krokodile, Haie und Pyranhas. Mit dem überarbeiteten Plan und mit einem Fanfahrenstoß wurden alle Schildbürger gerufen. Jeder erhielt eine Schaufel und ehe man sich versah, entstand ein Graben um den Palast der Königin. Mit der ganzen Stadt ging die Arbeit zügig voran. Indes waren die Tore nach Schilda weit geöffnet und ungeschützt, da jeder mit dem Graben beschäftigt war.

So kam es, dass erst ein Fremder neugierig durch eins der Tore in die Stadt kam. Niemand hielt ihn auf und auf der Straße sah er keinen Menschen. Er ging in das erste Haus, in dem ein Bett stand, legte sich nieder und entschied, von nun an hier zu wohnen. Ihm folgten weitere Fremde, die schon lange davon geträumt hatten, in einem richtigen Haus zu wohnen und in einem eigenen Bett schlafen zu können. Während die Schildbürger damit zugange waren, den Wassergraben um den Palast der Königin zu graben, verlor einer nach dem anderen ohne sein Wissen das traute Heim.

Als es Abend war und der Graben schon eine ordentliche Tiefe erreicht hatte, beendete der rundlichste Minister den arbeitsreichen Tag mit einem Pfiff. Er dankte den Schildbürgern für ihren Einsatz und schickte sie alle zur Nachtruhe.

Folglich erschrak ein Schildbürger nach dem anderen, als sie daheim angekommen vor verschlossenen Türen standen. Einer klopfte so lange an der hölzernen Tür, bis ein Fremder sie von innen öffnete. „Das ist mein Haus! Ich wohne hier!“, erklärte der Schildbürger verärgert, doch der Fremde blickte ihn unbeirrt an. „Als ich kam, waren die Tore zur Stadt weit geöffnet, niemand war da, um mich aufzuhalten. Ich habe mir genommen, was mir gefiel.“

Ehe der Schildbürger noch etwas erwidern konnte, zog der Fremde die Tür von innen zu und ließ ihn unbeachtet stehen.
Es fing an zu regnen, erst tröpfelte es leicht, dann ein wenig mehr und schließlich schüttete es wie aus Eimern. Außer sich vor Wut und Entsetzen wurde der Schildbürger gewahr, dass er Stimmen hörte. Es waren bekannte Stimmen von Nachbarn, die ebenso wie er vor verschlossenen Türer ihrer einstigen Häuser standen. Die Fremden waren überall, in jedem Haus. Die Schildbürger standen ratlos herum. Dann schlug einer vor, sich auf den Weg zum Palast zu machen, um die Königin um Hilfe anzuflehen. Dort angekommen sahen sie jedoch, dass die hölzerne Brücke, die über den Wassergraben reichte, eingezogen war.

Und so kam es, dass die Schildbürger plötzlich keine Bürger Schildas mehr waren. (BH)

  • Bahn vergisst Passagiere bei Kalkulation
  • Stuttgart 21 : Das Projekt wurde 1994 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Bauarbeiten begannen am 2. Februar 2010. Die zunächst für Dezember 2019 geplante Fertigstellung des Projekts wurde mehrfach verschoben. Inzwischen soll die Eröffnung des Hauptbahnhofs im Dezember 2025 erfolgen, andere Projektteile später.
  • BER
  • Ingenieure ziehen fort