Neue Geschichten aus Schilda – ein Märchen – Teil 2

Neue Geschichten aus Schilda – Die Fortsetzung. (Teil 1 finden Sie hier.)

Die Königin von Schilda bekam von alledem nichts mit. Sie gönnte sich am Abend eine fette Gans und nächtigte in ihrer Residenz, ohne zu merken, was in Schilda vor sich ging. Auch ihrem Gefolge entging, dass in Schilda plötzlich neue Bürger wohnten. Einem von der Garde fiel am nächsten Morgen auf, dass sich etwas in der Stadt verändert hatte. Die Menschen waren plötzlich alle viel dunkler und er sah auch kaum bekannte Gesichter. Eigentlich kam morgens der Bäcker und brachte frisches Brot, doch der Bäcker war an diesem Morgen nicht erschienen. Ebenso kam kein Metzger, kein Gemüsehändler und niemand, der sonst täglich die Königin und ihren Hofstaat belieferte. Der Mann von der Garde war akkurat und grübelte, dann entschied er sich zu berichten, was er bemerkt hatte.

In einem prächtigen Saal traf er die Königin und ihre Minister. Er begann vorsichtig und erwähnte, dass es beinahe aussah, als wohnten plötzlich andere Leute in Schilda. Ein Raunen ging durch den Raum. Der kleinste Minister schob sich vor und machte sich wichtig. „Das kann nicht stimmen!“, rief er erzürnt. „Hinfort mit ihm!“
Ehe sich der Mann von der Garde versah, wurde er seines Postens enthoben und war von nun an nicht mehr für die Sicherheit von Schilda verantwortlich.

Betrübt und mit hängendem Kopf wollte sich der ehemalige Gardist auf den Weg in die Stadt machen, doch er hatte den Palast über die Zugbrücke kaum verlassen, als er erkannte, dass die Schildbürger jetzt noch dunkler waren als am Tag zuvor. Er sah kein einziges vertrautes Gesicht und kehrte entschlossen um. Diesmal war es der rundlichste aller Minister, der sich in die Tür stellte und dem Gardist füllig den Zutritt zum Palast verwehrte, so dass dieser schließlich doch das Weite suchte und die Stadt verließ.

Es dauerte nicht lange, bis der Königin von Schilda und ihrem Gefolge auffiel, dass der Bäcker kein Brot, der Fleischer kein Fleisch und die Händler kein frisches Obst brachten. Sie schickte mehrere Minister hinaus in die Stadt und alle kehrten kreidebleich zurück, einer sogar blutig. Alle hatten die Häuser des Bäckers, des Metzgers und der Händler aufgesucht, doch wohnten dort jetzt neue Schildbürger, von denen nicht alle der Sprache der Schildbürger mächtig waren. Wie der entlassene Gardist es richtig gesagt hatte, waren viele der neuen Schildbürger viel dunkler als gewohnt, manche waren in der Nacht kaum zu sehen.

Die Königin von Schilda und ihre Minister diskutierten endlos lang, tief in die Nacht hinein und bis zum nächsten Morgen. Niemand hatte eine Idee, was jetzt zu tun war.

Es kam der Tag, an dem ein kleines Mädchen von fern her nach Schilda kam. Sie hatte extra die Schule geschwänzt, um ihre Majestät, die Königin von Schilda zu besuchen und zu bestaunen. Als sie in der Stadt angekommen von dem Problem der Königin hörte, wurden ihre Schritte schneller. Zielstrebig und mit eiserner Miene forderte das Kind eine Audienz, die sie erhielt.
„Du kennst den Grund, warum die Schildbürger alle viel dunkler sind?“, fragte der kleinste Minister das Mädchen und musterte sie von unten herauf.
„Natürlich!“ rief sie überzeugt von sich selbst, woraufhin es im Saal so leise wurde, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. „Es liegt an der Sonne, sie strahlt zuviel!“

Das erschien der Königin und allen Ministern logisch. Sofort machte sich der längste Minister daran, ein Gesetz zu verfassen, um die Sonne zu besteuern. Die Umsetzung erwies sich jedoch als schwierig, da niemand die Adresse der Sonne hatte, somit der Brief mit der Zahlungsaufforderung auch nicht zugestellt werden konnte. „Wir sollten einen Weltraumbahnhof bauen, um der Sonne die Post zustellen zu können“, rief der rundlichste Minister mit der Brille entzückt. Die Idee wurde angesichts des ersten Banhofs, der sich noch immer im Bau befand, jedoch schnell wieder verworfen.

„Was sollen wir nur tun? Wenn wir die Sonne nicht besteuern, strahlt sie weiter und irgendwann werden alle Schildbürger schwarz wie Kohle sein.“ Der Königin von Schilda und ihren Ministern gingen die Ideen aus. Niemand hatte mit dem kleinen Mädchen gerechnet, dessen Zöpfe korrekt geflochten waren. „Verbietet alle Fahrzeuge. Wenn keine Fahrzeuge mehr vorhanden sind, kann das Sonnenlicht schneller durch die Straßen scheinen und ist auch eher wieder weg.“

Die Königin von Schilda war begeistert. Ab dem nächsten Tag durften Fahrzeuge jeglicher Art nicht mehr in Schilda genutzt werden. Da die Abrechnung mit der Sonne viel Geld in die Kassen der Stadt gespült hätte, was unmöglich war umzusetzen, wurde die Steuer kurzerhand umgelagert. Jeder Bürger, der in Schilda wohnte, sollte ab sofort Sonnensteuer zahlen.

Das Problem schien gelöst und sowohl die Königin als auch die Minister freuten sich auf die nächsten Gänsebraten. (BH)

Neue Geschichten aus Schilda – ein Märchen