Covid-19 Impfbereitschaft: Europäer weiter skeptisch

Foto: Von Olena Yakobchuk/Shutterstock

Trotz der Jubelchöre um die verheißungsvolle neuartige Covid-19-Impfung sind viele Europäer weiter vorsichtig und wollen erstmal abwarten, statt sich impfen zu lassen. 

Am Sonntag ging die große COVID-19-Impfaktion europaweit an den Start, natürlich unter größtem medialen Beifall. Der Sieg über das Virus rückt in greifbare Nähe, wird allerorten verkündet. Doch viele Europäer bleiben angesichts der Schnelligkeit mit der die neuartigen Impfstoffe getestet und zugelassen wurden, skeptisch. Die Europäische Union hat mit einer Reihe von Arzneimittelherstellern, darunter Pfizer und BioNTech, Moderna und AstraZeneca, Verträge für insgesamt mehr als zwei Milliarden Dosen abgeschlossen. Ziel: Alle Erwachsenen sollen im nächsten Jahr geimpft werden. Doch die Europäer wollen offenbar nicht so wie ihre Regierungen und ihre medialen Konzertbegleiter.

Umfragen zeigen, dass die Impfungbereitschaft in Ländern von Frankreich bis Polen sehr zögerlich ist. Denn bisher galt: Impfstoffe durchlaufen eine jahrzehntelange Entwicklungsphase und nicht wenige Monate bis zu ihrer (Not-)Zulassung, die nichts anderes bedeutet, als daß die Pharmakonzerne für eventuell auftretende Impfschäden nicht haftbar gemacht werden können.

„Ich glaube nicht, dass es in der Geschichte einen Impfstoff gibt, der so schnell getestet wurde“, erklärt der 41-jährige Pole Ireneusz Sikorski, 41, nach dem Kirchgang mit seinen beiden Kindern in Warschau gegenüber Reuters. „Ich sage nicht, dass keine Impfung stattfinden sollte. Aber ich werde keinen unbestätigten Impfstoff an meinen Kindern oder an mir selbst testen.“

Umfragen in Polen, wo das Misstrauen gegenüber öffentlichen Einrichtungen tief verankert ist, haben ergeben, dass derzeit weniger als 40% der Polen planen, sich impfen zu lassen. Am Sonntag hatte sich nur die Hälfte des medizinischen Personals in einem Warschauer Krankenhaus, in dem die erste Impfung des Landes verabreicht wurde, angemeldet.

In Spanien, einem der am stärksten betroffenen Länder Europas, will auch der 28-jährige Sänger und Musikkomponist Deutsch aus Teneriffa erstmal abwarten: „Niemand in meiner Nähe hat Covid gehabt. Ich sage natürlich nicht, dass es nicht existiert, weil viele Menschen daran gestorben sind, aber im Moment würde ich mich nicht impfen lassen“, ist für ihn klar.

Ein christlich-orthodoxer Bischof in Bulgarien, einem Land, in dem 45% der Befragten nicht geimpft werden wollen und 40% planen, abzuwarten, ob negative Nebenwirkungen auftreten, vergleicht COVID-19 mit Polio: „Ich selbst bin gegen alles geimpft, gegen das man geimpft sein kann“, so Bischof Tihon nach seiner Covid-Impfung vor anwesenden Reportern und dem Gesundheitsminister in Sofia. In den 1950er und 1960er Jahren hätten alle vor Angst gezittert, an Polio zu erkranken und sich riesig gefreut, als der Impfstoff verfügbar war: „Wir waren überglücklich“, erinnert sich Thion. „Jetzt müssen wir die Leute überzeugen. Es ist ein Jammer.“

Laut dem Meinungsforschungsinstitut Alpha Research ist weniger als jeder fünfte Bulgare, der zur bevorzugten Impfgruppe von Ärzten, Apothekern, Lehrern und Pflegeheimpersonal gehört, bereit, sich freiwillig impfen zu lassen.

Eine am 5. November veröffentlichte IPSOS-Umfrage unter 15 Ländern ergab, dass 54% der Franzosen einen COVID-Impfstoff nutzen würden, wenn einer verfügbar wäre. In Italien und Spanien waren es 64%, in Großbritannien 79% und in China 87%.

Eine spätere Umfrage von IFOP zeigt sinkende „Impfvorfreude“: nur noch 41% der Franzosen, sind demnach bereit, für den „kleinen Piek“, um ihre Freiheiten zurückzuführen erhalten.
In Schweden, wo das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Behörden wie überall in den nordischen Ländern hoch ist, möchten mehr als zwei von drei Personen geimpft werden. Trotzdem sagen viele -noch- nein. „Wenn mir jemand 10 Millionen Euro geben würde, ich würde mich nicht impfen lassen“, stellt Lisa Renberg, 32, am Mittwoch klar.

Die traditionelle Methode zur Herstellung von Impfstoffen – die Einführung eines geschwächten oder toten Virus oder eines Teils davon, um das Immunsystem des Körpers zu stimulieren – dauert laut einer Studie aus dem Jahr 2013 durchschnittlich über ein Jahrzehnt. Ein Impfstoff gegen die Grippepandemie benötigt über acht Jahre, während ein Hepatitis-B-Impfstoff fast 18 Jahre für die Marktreife braucht.

Der Impfstoff von Moderna, der auf der sogenannten Messenger-Ribonukleinsäure (mRNA) -Technologie basiert, brauchte von der Gensequenzierung bis zur ersten Injektion am Menschen nur 63 Tage. „Wir werden auf die Fortschritte im Jahr 2020 zurückblicken und sagen:‚ Das war ein Moment als die Wissenschaft wirklich einen Sprung nach vorne gemacht hat “, prophezeit Jeremy Farrar, Direktor der Clinical Research Unit der Universität Oxford, die vom Wellcome Trust unterstützt wird, laut Reuters.

Der Pfizer/BioNTech-Impfstoff wurde bei seiner Einführung in Großbritannien und den USA mit einigen Fällen schwerer allergischer Reaktionen in Verbindung gebracht. In klinischen Studien wurden keine schwerwiegenden langfristigen Nebenwirkungen festgestellt.

In Polen rührt Premierminister Mateusz Morawiecki die Werbetrommel für die Pharmakonzerne. Er forderte die Polen am Sonntag auf, sich für die Impfung anzumelden – nicht ohne ihnen die Verantwortung für den Verlauf der ausgerufenen Pandemie unterzujubeln – denn der Effekt der Herdenimmunität hänge allein von ihnen und somit von der Impfbereitschaft ab. (MS)