Merkel kann aufatmen – sogar über 90-Jährige verzichten freiwillig auf die Impfung

Da geht noch was: Ärmel hoch zur dritten Impfung durch Private - das große Senioren-Experiment geht in die Verlängerung (Foto: Von Rido/Shutterstock)

Die Bundeskanzlerin kann heilfroh sein, dass so wenige Deutsche Lust haben, sich impfen zu lassen – und zwar die derzeit exklusiv impfberechtigten Vertreter der Risikogruppen sowie auch die für deren Betreuung zuständigen Mitarbeiter des Pflege- und Gesundheitswesens gleichermaßen. Auf diese Weise wirkt sich der von ihr persönlich zu verantwortende Engpass verfügbarer Impfdosen wenigstens nicht ganz so blamabel aus. Besonders auffallend: selbst diejenigen misstrauen Pfizer/Biontech-Wundermittel, für die Corona (wie jede andere Infektionskrankheit auch) potenziell lebensbedrohlich sein kann.

Es sind vor allem Hochbetagte, die noch selbst für sich sorgen können, alleine, bei Familienangehörigen, in Mehrgenerationenprojekten leben oder häuslich gepflegt werden: An sie schickten die Gesundheitsbehörde seit Ende Dezember Einladungen zur kostenlosen Impfung im nächstgelegenen „Impfzentrum Ihres Vertrauens“. Die Resonanz allerdings ist mehr als verhalten: In Berlin etwa, wo der Senat fast 16.000 Einladungen an 18.700 über 90-jährigen Bürger verschickt hatte, herrscht seit gestern „gähnende Leere“ vor dem einzigen (!) Impfzentrum der Hauptstadt, wie „Bild“ berichtet. Bislang hat sich gerade einmal ein knappes Dutzend der Ü90-Berliner in der Treptower Arena-Halle das neuartige Vakzin spritzen lassen.

Ein Grund mag in vielen Fällen sein, dass die erst zum Jahreswechsel verschickten Briefe noch nicht bei jedem angekommen sind; doch dies kann unmöglich der Hauptgrund für die frappierende Impf-Zurückhaltung sein. Möglicherweise sind viele der Senioren – durchaus nicht unberechtigt – durch die sich weltweit häufenden Zwischenfälle und Impfpannen mit dem Experimentalimpfstoff irritiert oder vorsichtig geworden. Und die Tatsache, dass sich weder Ärzte noch Pfleger in ganz Deutschland bislang um die knappen Impfdosen drängelten – eher das genaue Gegenteil – mag sich auch nicht eben vertrauensbildend ausgewirkt haben. Und das, obwohl Agitations- und Gute-Laune-Medien wie der „Spiegel“ nicht vor Superlativen und Verheißungen zurückgeschreckt hatten („Erlösung„), als es um die Berichterstattung um das Biotech-Präparat und seinen Erfinder Ugur Sahin ging.

Für Merkel ist dies keine allzu schlechte Nachricht – wenn eh niemand scharf auf die Impfung ist, macht sich die Bestandsknappheit (für die komplette Hauptstadt mit ihren 3,7 Millionen Einwohnern stehen gerade einmal schlappe 60.000 Dosen zur Verfügung) nicht bemerkbar – und ihr fällt das Beschaffungsdesaster, zumindest vorerst, nicht auf die Füße; dumm nur, dass so die angestrebte Breiten-Immunisierung der Bevölkerung in weite Ferne rückt. Umso besser für die Corona-Hardliner: Entsprechend länger dauern die Lockdowns. (DM)