„Die sechs Siebengescheiten“: Merkels intimes Lockdown-Kränzchen

(Sybolfoto:Imago/IPA-Photo)

Ungeheuerliches brachte der unabhängige Journalist Boris Reitschuster gestern ans Licht: Gerade einmal sechs Personen berieten die Bundesregierung bei ihrer einsamen, von keinerlei Parlamentsmitsprache mehr behelligten Entscheidung zur nochmaligen Veränderung des Lockdowns inklusive Bewegungseinschränkungen. Sechs von fast 84 Millionen Deutschen – und diese bildeten keineswegen einen interdisziplinären Expertenquerschnitt, eine gesamtgesellschaftliche Interessenvertretung ab. Vielmehr handelt es sich um eine absolut einseitige Auswahl von Tunnelblick-anfälligen „Fachidioten“, die hier über weitreichendste Grundrechts- und Freiheitseinschränkungen, Berufsverbote und ganze Existenzen urteilen.

Der erlauchte Club, dem Merkel am Montag per Videoschalte exklusiv Gehör zu schenken geruht hatte, ehe sie dann gemeinsam mit ihrer Corona-Junta die Deutschen am Dienstag in die Lockdowonverlängerung schickte, bestand aus alten Bekannten: Die übliche Corona-Nomenklatura aus Schlaubergern, die sich teilweise schon seit Beginn der Pandemie durch ständig widerlegte Prognosen, Fehleinschätzungen und einen bemerkenswerten Blindflug bei der Datenauslegung einen „Namen“ gemacht hatte.

Im Einzelnen: Prof. Dr. Lothar Wieler (Präsident des RKI) Prof. Dr. Christian Drosten (Institutsdirektor für Virologie der Berliner Charite), Prof. Dr. Heyo Kroemer (Vorstandsvorsitzender der Berliner Charite), Prof. Dr. Michael Meyer-Hermann (Leiter der Abteilung System Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig), Dr. Viola Priesemann (Max-Planck-Institut Göttingen) sowie Prof. Dr. Reinhard Berner (Uni Klinikum Dresden).

Unverantwortlich verengte Beraterauswahl

Ein Tierarzt, ein Virologe, ein Pharmawissenschaftler, zwei Physiker und ein Kinderarzt: Das sind die also die einzigen Experten, auf deren Ratschluss Merkel vor der abermaligen Wegsperrung eines ganzen Volkes hörte. Kein Wirtschaftswissenschaftler kam zu Wort. Kein Psychologe. Kein Pädagoge. Kein Soziologe. Kein Branchen- oder Verbandsvertreter irgendwelcher Berufsgruppen. Kein Elternvertreter. Vor allem: Kein Jurist.
Dass bei dieser eingeengten Beraterauswahl eine angesichts der Schwere der Entscheidung zwingend notwendige Folgenabschätzung gar nicht möglich ist und auch keinerlei Evaluierung des Gesamtrisikos, der Fürs und Widers eines Lockdowns – das ist wohl selbsterklärend. Zu Recht beklagt nicht nur Reitschuster hier Verantwortungslosigkeit.

Hinzu kommt, dass die Regierung alles unternahm, um die peinlichen Details zur spärlichen Personenzahl des Beratergremiums geheimzuhalten. Schlimm (und aufschlussreich) genug, dass kein etabliertes Medium, vor allem die öffentlich-rechtlichen nicht, bislang die wichtige Frage danach gestellt hatte; doch in der gestrigen Bundespressekonferenz zierte sich dann die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer auch noch, auf Reitschusters Frage hin die Namen der Wissenschaftler preiszugeben, die sich in Merkels Lockdown-Gipfelrunde äußern durften. Erst als Reitschuster über diese Mauer des Schweigens schrieb, rückte die Bundesregierung gestern dann doch noch mit den Namen heraus. (DM)