Neue Geschichten aus Schilda – ein Märchen – Teil 3

Neues aus Schilda - Teil 3; Bild: © jouwatch Collage
Neues aus Schilda - Teil 3; Bild: © jouwatch Collage

Neue Geschichten aus Schilda – ein Märchen – Teil 3

Ein paar Tage vergingen, bis der immer sitzende Minister nervös die Einnahmen nachrechnete. Entsetzt stellte er fest, dass nicht alle Schildbürger die Sonnensteuer zahlten, es gab diese Neu-Schildbürger, die lieber feierten und Party machten.

Egal, was die Minister auch versuchten, die Neu-Schildbürger wollten die Sonnensteuer nicht entrichten. Die Widerspenstigen waren für die Königin ein Problem. Ihr Palast erhielt nicht alle nötigen Lieferungen und nur einen Bruchteil dessen, was sonst von Schildbürgern eingenommen wurde, spülte in die Kassen der Stadt. Dem Palast gehörten weder Bäckereien, noch Fleischer, Gemüsehändler oder andere Betriebe. Dies musste sich ändern. Die Königin schickte mehrere Trupps an Gardesoldaten in die Stadt hinaus, um die Bäckerei, den Fleischer und die Händler zu übernehmen, doch hatten sie keinen Erfolg. Die Besitzer weigerten sich zu verkaufen, oder verstanden schlichtweg die Sprache der Schildbürger nicht und wussten somit gar nicht, was die Soldaten von ihnen wollten. Einmal probierte ein Soldat eine Waffe einzusetzen, woraufhin er ohne Zähne zum Palast zurückkehrte und froh war, dass er noch lebte.

Es ging nicht voran. Weder Bahnhof noch Flughafen wollten fertig werden und jetzt kam noch das Problem mit der Versorgung hinzu. Es war ein wirrer Loge, der schließlich eine zündende Idee hatte. Es war zu später Stunde, als er in einer geheimen Versammlung im Palast der Königin seinen Plan mitteilte, der am nächsten Morgen sogleich in die Tat umgesetzt wurde.

Den erstaunten Schildbürgern verkündete der Grimmigste aller Minister, dass eine todbringende Sumpfseuche durch die Tore Schildas eingefallen war und dass deswegen ab sofort strenge Hygieneregeln gälten. Als Beweis holte er den wirren Logen vor die Menge und ließ ihn reden. Anschließend hatte jeder in Schilda Angst.

Hamsterkäufe begannen, Schildbürger lagerten Proviant, verschlossen sich dann in ihren Wohnungen und kamen nur noch hervor, wenn sie das Nötigste brauchten. Auch wenn nicht jeder backen konnte, Hefe kauften sie alle. Binnen weniger Tage entwickelte sich WC-Papier als geheime Währung, die auf dem Schwarzmarkt sehr beliebt war. Witze über die Königin machte niemand mehr, alle Augen waren nur noch auf die Sumpfseuche gerichtet. Niemand sah Tote oder Kranke, doch reichte die pure Vorstellung aus – und der wirre Loge.

Der Palast gab strenge Regeln heraus. Jeder Bürger in Schilda musste ab sofort einen Schnabel vor dem Gesicht tragen, der mindestens eine Armlänge lang war. Schnell wurden bunte Schnäbel in sämtlichen Farben gebastelt, viele davon, um sich gegenseitig Mut zu machen. Eine Schnabelstreife wurde eingerichtet, die das Tragen der Schnäbel kontrollierte und auch deren Maße. Es galt stets, eine Schnabellänge Abstand zu halten. Wer keinen Schnabel tragen wollte oder den Mindestabstand von einer Schnabellänge nicht einhielt, galt als potenziell gefährlich und wurde von anderen Schnabelträgern dem Palast gemeldet. Der Kleinste aller Minister war auch der Boshafteste und er sorgte dann dafür, dass die Schnabelverweigerer zur Kasse gebeten wurden.

Indes gab es Verbote für Hotels und Gastronomen, zu öffnen. Wenn Gastromen sich anpassten und Essen zur Abholung anboten, wurden die Gesetze verschärft. Erst durften zehn Personen pro Stunde Essen holen, dann nur noch fünf und letztlich einer pro Stunde. In Hotels gab es strenge Schnabelkontrollen, welche die Gäste aus aller Herren Länder in diese zurückreisen ließ. Die Baumärkte, die nicht öffnen durften, boten ihren Waren unter freiem Himmel an. Daraufhin wurde der Verkauf auf Parkplätzen mit einem hohen Bußgeld geahndet. Es gab immer strengere Regeln, Vorschriften, Gesetze und Verbote und alle Schildbürger hielten sich daran und hörten auf das, was aus dem Palast zu hören war. Laut dem Palast war die Sumpfseuche noch immer hochgradig gefährlich und die Bürger Schildas bibberten vor Angst.

Eines Tages kam ein Mann nach Schilda, der einen Aluhut trug. Erstaunt ging er durch leere Straßen und traf auf keine Menschenseele. Er hatte viel von Schilda und seinen Bürgern gehört und wollte sich selbst ein Bild machen, da er nicht alles glaubte, was er nur hörte. Vor Ort traf er jedoch niemanden an. Erst als er sich dem Palast der Königin näherte, erkannte er, dass er nicht alleine war, denn die Zugbrücke wurde plötzlich hektisch eingezogen, ehe er sie betreten konnte.

Als er wieder gehen wollte, versperrten ihm Schildbürger den Weg. Mit Mistgabeln hielten sie ihn auf Abstand.
„Er trägt keinen Schnabel!“
„Er wird uns alle anstecken!“
„Er ist eine Gefahr für alle!“
„Die Sumpfseuche! Er bringt uns die Sumpfseuche! Wir werden alle sterben!“
Gardesoldaten erschienen und forderten den Fremden auf, einen Schnabel anzuziehen.
„Ich brauche keinen Schnabel, mein Hut aus Aluminium schützt mich“, sagte der Aluthutträger zögernd aber bestimmt.
Noch immer stand die aufgebrachte Menge vor ihm und bedrohte ihn mit Fackeln und Mistgabeln.
„Ich bin Arzt, lasst mich durch!“ Ein Mann im weißen Kittel zwängte sich vor die Menge. „Der Mann hat eine Schnabelbefreiung! Er muss keinen Schnabel tragen!“ Der Arzt winkte mit einem weißen Zettel, den ein Gardesoldat sogleich sorgfältig inspizierte, auch wenn er gar nicht lesen konnte. Ein weiterer Mann trat aus der Menge hervor, der ebenfalls keinen Schnabel trug. Auch er hielt ein Papier in die Luft und verkündete: „Das ist korrekt! Schnabelbefreite müssen keinen Schnabel tragen!“
Der Mob überlegte ebenso hörbar wie die Palastgarde, dann zogen sie von dannen und ließen den Aluhutträger, den Arzt und den Schnabellosen gewähren. Alle drei nächtigten in einem Bus, der unweit des Platzes geparkt stand. Mit schrägen Klängen wurden sie am nächsten Morgen geweckt. Der wirre Loge spielte auf einer Flöte und zog damit durch die Stadt, auch am Bus vorbei. Kinder liefen ihm nach und kehrten nicht zurück, auch nicht als der wirre Loge wenig später die Alten mit seiner Flöte aus der Stadt führte.
„Wir müssen etwas tun“ sagte der Schnabellose entschlossen. „So kann es nicht weitergehen! Das Land geht zugrunde, bald hat Schilda weder Geschäfte noch Einwohner.“
„Wobei niemand an der Sumpfseuche verstorben ist“, warf der Arzt im weißen Kittel ein. Es war ihm wichtig, dass dieses Argument Erwähnung fand.
Noch während der Aluhutträger gemeinsam mit dem Mediziner überlegte, wie er die Bürger Schildas davon überzeugen konnte, dass es keine Sumpfseuche gab, vor der sie Angst haben mussten, hörten sie plötzlich ein Wiehern. Beide eilten aus dem Bus und blickten auf den Schnabbellosen, der auf einem Schimmel saß. „Ich reite jetzt zum Palast und fordere, dass dieser Wahnsinn aufhört!“
„Die Palastwache wird dich festnehmen“, warnte der Arzt. „Die Gardesoldaten werfen dich ins Gefängnis“, warf der Aluhutträger ein.
„Es gibt keinen anderen Weg!“ Der Schnabellose wirkte entschlossen.
„Vielleicht doch“, sagte der Aluhutträger, woraufhin beide ihn überrascht anblickten. „Ich habe eine Idee.“

Fortsetzung folgt… (BH)

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Teil 1 und 2 finden Sie unter den folgenden Links:
Teil 1: https://journalistenwatch.com/2020/12/25/neue-geschichten-schilda/
Teil 2: https://journalistenwatch.com/2020/12/26/neue-geschichten-schilda-2/