Impfchaos: Lasst uns reden, handeln können wir immer noch, wenn es zu spät ist

Foto: Impfzentrum (über dts Nachrichtenagentur)

Das Hauen und vor allen Dingen Stechen um die „richtige“ Impfstrategie ist im vollen Gange. Es wird jetzt so getan, als hinge unser aller Leben an einer Nadel, obwohl überhaupt noch nicht klar ist, ob die Impferei überhaupt etwas bringt.

Aber der Stoff muss unter die Leute gebracht werden. Zu viel wurde investiert, zu viel wurde schlau darüber geredet, zu viel gibt es damit zu verdienen.

Jetzt aber wird erstmal wieder geredet, diskutiert und sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben, während in anderen Ländern munter durchgeimpft wird. Man kann sich natürlich aussuchen, was besser ist.

Hier die neuesten Meldungen aus dem „Impfkrieg“:

Ärztepräsident begrüßt Impfgipfel-Pläne von Bund und Ländern

Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat den geplanten Impfgipfel von Bund und Ländern begrüßt und die kurzfristige Nutzung weiterer freier Produktionskapazitäten bei Pharmaunternehmen gefordert. „Es ist immer besser miteinander zu reden, statt übereinander. Deshalb ist es sinnvoll, wenn sich Bund und Länder gemeinsam mit den Impfstoffherstellern über Wege aus der Krise abstimmen“, sagte Reinhardt der „Rheinischen Post“ (Freitagausgabe).

Unabhängig von vertragsrechtlichen Fragen über zugesagte Liefermengen und Liefertermine müssten jetzt pragmatische Lösungen gefunden werden, um die Produktion von Impfstoffen schnellstmöglich hochzufahren und deren Verteilung zu beschleunigen, sagte der Präsident der Bundesärztekammer. „Dringend geprüft werden sollte zum Beispiel, ob und wie die EU-Kommission sowie Bund und Länder Kooperationen zwischen Pharmaherstellern unbürokratisch durch schnelle Genehmigungsverfahren für Produktionsanlagen fördern und intensivieren können“, forderte Reinhardt. „Auch wenn es hohe Qualitätsanforderungen an die Herstellung von Impfstoffen gibt, könnten freie Produktionskapazitäten einzelner Unternehmen, die selbst nicht an der Impfstoffentwicklung beteiligt sind oder die ihre Entwicklungsprogramme abgebrochen haben, für die Herstellung bereits zugelassener Impfstoffe besser genutzt werden“, sagte der Mediziner.

SPD-Chefin für neue Impf-Reihenfolge

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken hat Konsequenzen aus der Empfehlung der Ständigen Impfkommission gefordert, den Impfstoff von Astrazeneca nur an Patienten unter 65 Jahre zu verabreichen. „Wir müssen zum einen umgehend alternative Impfstoffe für über 65-Jährige beschaffen und zum anderen die Impfreihenfolge für den in Kürze eintreffenden Astrazeneca-Impfstoff neu koordinieren“, sagte Esken den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Freitagausgaben) . „Vor allem Klinik- und Pflegepersonal sollten als erste von den nun freien Ressourcen profitieren.“

Esken nannte den bevorstehenden Impf-Gipfel dringlich. „Die Impfstoffbeschaffung und -verteilung muss endlich zur Chefsache gemacht werden“, sagte sie. „Wir dürfen uns keine Verzögerungen mehr erlauben.“

Brinkhaus: Rückschläge bei der Impfung der Bevölkerung absehbar

Die Frustration in der Bevölkerung über den schleppenden Impfstart ist nach Ansicht von Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) auch den hohen Erwartungen geschuldet, die der Bund Ende vorigen Jahres mit seiner Impfstrategie geweckt hat. „Mit dem wirklich tollen, sehr schnellen Aufbau der Impfzentren haben wir den Menschen Hoffnungen gemacht, dass es mit der Impfung der über 80-Jährigen auch entsprechend losgeht“, sagte Brinkhaus dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Freitagausgaben). Dass es Störungen in den Abläufen geben werde, sei aber „bei einer so sensationell schnellen Entwicklung des Impfstoffs“ absehbar gewesen.

„Nun gibt es – durchaus erwartbare – Rückschläge“, sagte Brinkhaus. Damit sei unabhängig von dem Problem der Lieferverzögerungen wie im Fall des Impfstoffes des Herstellers Astrazeneca noch das Problem enttäuschter Hoffnungen entstanden. „Wir hätten aber vielleicht an der ein oder anderen Stelle am Erwartungsmanagement arbeiten müssen.“

Er äußerte sich zurückhaltend, ob es bei beim Versprechen von Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) bleibe, dass bis zum 21. September alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot haben. „Ich kenne dazu keine anderen Aussagen“, sagte Brinkhaus.

Weltärztepräsident verlangt Exportverbot für Astrazeneca-Impfstoff

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat den Impfstoffhersteller Astrazeneca wegen seiner Liefer-Politik scharf kritisiert und ein Exportverbot des Impfstoffes gefordert. „Das Verhalten von Astrazeneca ist unterirdisch“, sagte Montgomery dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Freitagausgaben). „Es kann nicht sein, dass das Unternehmen seine Lieferzusagen für Großbritannien genau einhält, für die EU aber nur einen Bruchteil der zugesagten Impfdosen liefert“, kritisierte Montgomery.

Er forderte eine „harte“ Reaktion der EU: „Wenn der Impfstoff auf kontinentaleuropäischem Boden produziert wird, muss man dem Unternehmen verbieten, ihn außerhalb der EU auszuliefern.“

Novavax meldet Impfstoff-Wirksamkeit von fast 90 Prozent

Das US-Pharmaunternehmen Novavax hat für seinen Corona-Impfstoff eine Wirksamkeit von 89,3 Prozent gemeldet. Damit wäre der Wirkstoff fast ebenso effizient wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Die Ergebnisse beruhen auf einer Phase-3-Studie in Großbritannien, wobei über 50 Prozent der aufgetretenen Fälle auf die dort zuerst nachgewiesene Variante zurückzuführen seien, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.

Die klinische Wirksamkeit war zuvor schon in einer Phase-2b-Studie in Südafrika nachgewiesen worden. Der Impfstoff NVX-CoV2373 ist proteinbasiert und kann bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad Celsius gelagert werden, was seinen Transport im Vergleich zu anderen Wirkstoffen erheblich leichter macht. Die EU-Kommission verhandelte Ende letzten Jahres mit Novavax über den Kauf von 100 Millionen Dosen Coronaimpfstoff, mit der Option auf weitere 100 Millionen Dosen.

Die „Sondierungsgespräche“ wurden eine Woche vor Weihnachten abgeschlossen, einen Vertrag gibt es aber noch nicht. Unterschriebene Vereinbarungen gibt es bislang mit Astrazeneca, Sanofi-GSK, Janssen Pharmaceutica, Curevac, Biontech/Pfizer und Moderna, wobei in der EU nur die letzten beiden schon eine Zulassung haben. Die für Astrazeneca soll am Freitag folgen, wobei es schon jetzt mit der EU Streit um die Liefermengen gibt.

Lindner will Lehrer und Erzieher beim Impfen vorziehen

FDP-Parteichef Christian Lindner hat sich für einen Vorrang von Akteuren im Bildungswesen bei den Impfterminen ausgesprochen. „Bei der Impf-Priorisierung sollten Lehrer und Erzieher vorgezogen werden. Das sind ultra-systemrelevante Berufe, die sollten früher ein Impfangebot bekommen, als geplant“, sagte er am Donnerstag dem Fernsehsender Phoenix.

Dieses Vorgehen sei notwendig, um möglichst zeitnah Schulen und Kitas wieder zu öffnen. „Daran hängen die Bildungschancen der Kinder und die Betreuungssituation in den Familien“, so Lindner. Schließlich trügen gerade die Familien derzeit angesichts des Lockdowns eine Hauptlast.

Der FDP-Vorsitzende mahnte erneut ein Öffnungskonzept für die Zeit nach dem Lockdown an. „Zum jetzigen Zeitpunkt zu öffnen, ist zu früh. Aber wir brauchen die Perspektive“, so der Liberale.

Schleswig-Holstein habe mit einem entsprechenden Plan diese Woche vorgemacht, wie eine Öffnung aussehen könnte – zunächst Kitas und Schulen, dann Handel und Gastronomie, später das ganze Land. „Daran sollte sich das Kanzleramt orientieren. Einen solchen Fahrplan braucht Deutschland – besser gestern als heute.“

Lindner wandte sich auch gegen pauschale Einreisesperren aus besonders Pandemie-betroffenen Staaten nach Deutschland. „Wir brauchen eine konsequent durchgehaltene Teststrategie bei der Einreise. Am Flughafen muss die Temperatur gemessen werden, und es muss einen Schnelltest geben“, forderte der FDP-Chef. Er erneuerte im Übrigen seinen Vorstoß, das Kooperationsverbot im Bildungsbereich abzuschaffen und dem Bund mehr Verantwortung zu übertragen. „Es war eine Lebenslüge des deutschen Staates, zu glauben, der Wettbewerb von 16 Ländern würde zu mehr Qualität führen“, so Lindner. Stattdessen gebe es Reibungsverluste und höhere Kosten.

Chaos bei Impfterminvergabe in Niedersachsen

Zum Start der Corona-Impfterminvergabe in Niedersachsen ist die Infrastruktur im Chaos versunken, weit weniger als ein Prozent der Anrufer bekamen einen Termin. Allein in der ersten Stunde zwischen 8 und 9 Uhr am Donnerstagmorgen registrierte der technische Dienstleister des Landes mehr als 700.000 versuchte Anrufe bei der Hotline und in den ersten eineinhalb Stunden 5,9 Millionen Zugriffe auf das Internetportal, aber nur 5.000 Termine wurden bis zum Nachmittag vergeben, 4.200 Personen kamen immerhin auf eine Warteliste. Aufgrund eines technischen Fehlers ertönte am Vormittag zunächst bei einigen Anrufen an der Hotline die Ansage, die gewählte Nummer sei nicht vergeben.

Auch beim Versand der SMS, die für die Terminbuchung im Onlineportal notwendig sind, entstand innerhalb kürzester Zeit ein Rückstau. So wurden bis 8:20 Uhr zwar schon 25.000 entsprechende SMS versandt, mehr als 70.000 hingen jedoch zunächst in der Warteschleife und wurden erst mit Verspätung rausgeschickt, sodass der Online-Buchungs-Vorgang erneut gestartet werden musste. „Ich bedauere die technischen Schwierigkeiten und die dadurch entstandenen Unannehmlichkeiten“, sagte Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) am späten Nachmittag.

Bei einem solchen Ansturm habe man „auch mit intensiver Vorbereitung“ nicht verhindern können, dass die Technik überlastet wird, sagte die Ministerin ungeachtet des Umstandes, dass es in manchen Bundesländern deutlich besser klappt. Niedersachsen, die älter als 80 Jahre sind, können seit Donnerstag unter der Nummer 0800-9988665 oder über die Internetseite www.impfportal-niedersachsen.de einen Termin ausmachen. Viele der 50 Impfzentren im Land können derzeit aber noch gar keine Termine zur Verfügung stellen, weil ihnen dazu der Impfstoff fehlt.

Überhaupt läuft des mit der Impfkampagne nirgendwo in Deutschland so schlecht wie in Niedersachsen. Bis Donnerstag wurden zwar schon 140.982 Personen mindestens einmal gegen Corona geimpft, die Impfquote ist mit 1,77 Prozent aber niedriger als in jedem anderen Bundesland.

Lauterbach: Dritte Risikogruppe mit Astrazeneca-Mittel impfen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht sich nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) dafür aus, den Astrazeneca-Impfstoff auch schon für einen weiteren Personenkreis einzusetzen. „Mein Vorschlag wäre, dass wir neben den unter 65-Jährigen in den Risikogruppen eins und zwei dann auch die unter 65-Jährigen der Risikogruppe drei impfen“, sagte er dem Nachrichtenportal T-Online. „Sodass man diese Risikogruppe auch schon einmal versorgen kann.“

Zur dritten Prioritätengruppe der deutschen Impfstrategie zählen neben medizinisch vorbelasteten Menschen etwa auch Polizisten, Feuerwehrmänner, Justizmitarbeiter, Mitarbeiter im Lebensmitteleinzelhandel, Saisonarbeiter, Regierungsbeamte und Abgeordnete. Die Stiko empfiehlt den Impfstoff von Astrazeneca nur für unter 65-Jährige.

„Alarmstufe Rot“ kritisiert Corona-Kulturpolitik der Regierung

Der Vorstandsvorsitzende der Kultur-Lobby „Alarmstufe Rot“, Tom Koperek, hat die Corona-Politik der Bundesregierung mit Blick auf die Kulturbranche scharf kritisiert. „Wenn man sich anschaut, wie die Regierung agiert, dann kann man nur sagen, was Frau Grütters von sich gibt, sind nur Lippenbekenntnisse“, sagte er dem „Mannheimer Morgen“ (Freitagsausgabe). Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte davon gesprochen, dass ihr angesichts der Einschränkungen im Kulturbereich das Herz blute.

„Sie hat für den Kulturbereich, für den sie verantwortlich ist, ein für ihre Verhältnisse ambitioniertes Budget mit `Neustart Kultur`aufgelegt“, räumte Koperek ein, kritisierte allerdings: „Man muss aber fragen, wie viel davon tatsächlich ausbezahlt worden ist.“ Dabei komme ein einstelliger Prozentbereich heraus. „Daran kann man die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage messen.“

Die überwiegende Mehrheit der Kulturschaffenden hat seit drei Monaten noch keine Novemberhilfen von der Bundesregierung erhalten. „Wir sprechen bei uns intern nicht mehr von Novemberhilfe, sondern von Osterhilfe“, da das Osterfest zeitlich mittlerweile näher liege als der 1. November. Die Regierung habe es „fahrlässig versäumt“, jene Branche aufzufangen, der sie durch den Lockdown die Existenzgrundlage entzogen habe.

„Den Soloselbstständigen und Einzelunternehmern muss mit einer Betriebskostenpauschale geholfen werden, die mindestens 1.500 Euro zusätzlich zur Grundsicherung beträgt oder 2.500 Euro pro Person ohne Grundsicherung“, forderte Koperek.

Bericht: Astrazeneca will doch mehr Impfstoff liefern

Im Streit zwischen dem Impfstoffhersteller Astrazeneca und der EU haben sich die Fronten am Donnerstag womöglich gelockert. In der Sache habe Astrazeneca-Chef Pascal Soriot zugesagt, dass sein Unternehmen schon im Februar mehr Impfdosen in die EU liefert als angekündigt, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Freitagausgabe) unter Berufung auf EU-Kreise. Ursprünglich stand für das erste Quartal ein Volumen von 80 Millionen Dosen im Raum, am Wochenende reduzierte das Unternehmen die Menge dem Vernehmen nach auf 31 Millionen.

„Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir am Ende doch noch auf 80 Millionen kommen. Aber es sollten doch deutlich mehr werden als 31“, hieß es laut FAZ. Soriot habe in einer Videokonferenz mit Vertretern der Mitgliedstaaten am Mittwochabend zugestimmt, dass der Liefervertrag beider Seiten veröffentlicht wird, berichtet die FAZ. Die Astrazeneca-Hausjuristen erarbeiteten laut des Berichts angeblich derzeit einen Vorschlag, welche heiklen Teile des Vertrags geschwärzt werden sollen. Diese Vorschläge sollen dann mit der EU-Kommission abgestimmt werden.

Angestrebt werde eine Veröffentlichung an diesem Freitag, zitiert die Zeitung aus Brüssel. Nach Angaben eines EU-Vertreters hat Soriot angeblich auch nicht mehr auf seiner Aussage bestanden, der Vertrag enthalte keine konkreten Angaben darüber, wie viel der Hersteller wann in die EU liefern müsse, schreibt die Zeitung. Soriot habe seine Interviewaussage nicht wiederholt, dass sich Astrazeneca im Vertrag nur auf eine „bestmögliche“ Produktion, nicht aber auf konkrete Liefermengen verpflichtet habe.

Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hatte diese Aussagen „weder zutreffend noch akzeptabel“ genannt. Der Konzernchef sei in dem Gespräch deutlich bemüht gewesen, die wegen seines Interviews entstandene Konfrontation zu entschärfen, hieß es nun. Anders als zunächst geplant, habe er das Unternehmen persönlich vertreten und keine Vertreter geschickt.

„Das hat die EU anerkannt, zumal er sich aus Australien zugeschaltet hat, wo es vier Uhr morgens war“, hieß es. Astrazeneca hat sich auf Anfrage der FAZ noch nicht zu den Informationen geäußert.

Irgendwann, irgendwie wird man sich schon noch einig. Aber ob dann der Lockdown aufgehoben wird, bleibt zweifelhaft. Schließlich lauert die nächste Mutation schon an der nächsten Ecke. (Mit Material von dts)