Corona & Integration: Der jouwatch-Sprachkurs für die Integrierend:innen

Die Briefmarke zum Lernerfolg - Foto: Imago

Von schweren Schicksalsschlägen gezeichnet und mit allem Mühsal dieser Welt beladen, stranden täglich deutlich mehr Migranten als Migrantinnen an den Gestaden des europäischen Kontinents, um sich von dort auf den beschwerlichen Weg ins gelobte Land Merkelstan zu machen. Doch neue, schier unüberwindliche Hürden treiben die Integrationssuchend:innen in rasende Verzweiflung, wenn sie endlich das Land ihrer Träume erreichen. Die dort lebenden „die Menschen“ verständigen sich in einer rätselhaften Sprache, welcher sie nicht so ohne weiteres teilhabend werden. Hier leistet der jouwatch-Sprachkurs gerade in Coronazeiten Bundesverdienstkreuz:innenwürdiges.

von Max Erdingender

Liebe Integrationswollend:innen,

ein Herzliches Willkommen im bunten, vielfältigen und toleranten Lande der „die Menschen“. Um Ihrem geschätzten Integrationswillen zum Erfolg zu verhelfen, laden wir Sie unverbindlich ein, zu Sprachkursierenden und Sprachkursierendinnen unseres speziell auf die Coronazeit zugeschnittenen Lehrgangs für Menschensprache zu werden. Wir beginnen mit den gebräuchlichsten Wörtern der Menschensprache in Coronazeiten. Es ist dringend erforderlich, daß Sie zunächst einmal zu Aufpassend:innen werden.

Neuinfektion

Da Sie noch nicht integriert sind, besteht die Gefahr, daß Sie etwas völlig Verkehrtes verstehen, wenn Ihnen das Wort „Neuinfektionen“ begegnet. Begegnungen sind jedoch grundsätzlich etwas Bezauberndes, weil die Begegnung sehr menschlich ist, was wir im Lande der „die Menschen“ deshalb auch sehr grundsätzlich begrüßen. Das Wort „Neuinfektion“ bedeutet nicht, wie Sie aufgrund Ihres noch gesunden Menschenverstandes vielleicht annehmen würden, daß einer der „die Menschen“ sich gerade eben erst mit jenem Virus angesteckt hat, dessen dazugehörige Erkrankung heute noch „Covid 19“ heißt, sondern „Neuinfektion“ bedeutet, daß eine solche Infektion eben erst festgestellt wurde. Es handelt sich also nicht zwingend um eine neue Infektion, sondern um die Neufeststellung einer Infektion mit jenem Virus, der dadurch, daß er – wie alle Viren – zu Mutationen neigt, bald eine dazugehörige Erkrankung zeitigen könnte, die „Terminator“ oder „Adolf 33“ heißt.

Fallzahlen

Was das Wort „Fallzahlen“ bedeuten soll, liebe Integrierende:innen, darüber streiten sich die „die Menschen“ im Lande Merkelstan. Eine beliebte Theorie zur Bedeutung des Wortes „Fallzahlen“ ist die folgende: Um garantiert nicht mit einer der Erkrankungen aus der Reihe „Covid 19 – Adolf 33“ dem Krematorium entgegenzusiechen, was eine der sehr seltenen „unschönen Begegnungen“ wäre, sind die „die Menschen“ im Lande Merkelstan begeistert von der Idee, sich in der Sicherheit ihres Eigenheimes bewegungslos den Wanst vollzustopfen. Darüber hat, so die Theorie, im selben Maße, in dem ihre Leibesfülle zugenommen hat, das Motoriksensorium abgenommen, weswegen sie dann, wenn sie sich wagemutig auf den Weg zum Kühlschrank machen, häufiger als früher über die Teppichkante stolpern und zu Fall kommen. Die Zahl dieser Stürze, die mitunter schwerste Verletzungen zeitigen, wird mit dem Wort „Fallzahlen“ angegeben. Diese Theorie gilt zugleich aber als „umstritten“. Was das Wort „Fallzahlen“ tatsächlich bedeutet, weiß der Kuckuck. Am besten fragen sie den. Wir wissen es leider auch nicht genau.

Coronatote

Das Wort „Coronatote“ ist ein sogenanntes Modewort, liebe Integrierend:innen. Die Mode ist ein kulturelles Merkmal des Landes Merkelstan. Man sagt, die „die Menschen“ gingen „mit der Mode“. Mit der Mode zu gehen, bedeutet, daß andere „die Menschen“ jene seelische Ausgeglichenheit erkennen können, ein grundsätzliches Einverstandensein sozusagen, mit welchem der „Modebewußte“ sich durch den Zeitgeist respektive den Ungeist der Zeit bewegt. Wer die Moden mitmacht, befindet sich in größter Geborgenheit bei der Mehrheit der „die Menschen“. Die Bewunderung für die Macht von Mehrheit ist selbst eine Mode. Man spricht auch von der „demokratischen Mode“. Mehrheiten haben den Vorteil, daß sie sich herbeiführen (–> „Führer“) oder auch künstlich herstellen lassen, z.B. bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen oder Ministerpräsidentenwahlen in Merkelstan.

In Merkelstan ist es zur Zeit Mode, „an Corona“ zu versterben. Nicht so gern gesehen wird es, wenn jemand nur „mit Corona“ verstirbt, weil das ein lediglich mangelhaftes Modebewußtsein beweist, gefährlich nahe an der demokratischen Minderheit. Selbst 101-jährige „die Menschen“ in Merkelstan sterben heute modebewußt nicht mehr an ihren zahlreichen sonstigen Erkrankungen oder an Altersschwäche, sondern „an Corona“. Aber auch junge „die Menschen“, die im Überschwang ihrer testosterongesteuerten Lebenslust mit 180 Sachen in einem Dreier-BMW an der Eiche neben der Landstraße das Zeitliche segnen, versterben nicht etwa an einer kinetischen Holzallergie, sondern „an Corona“, wenn bei der Suche nach der Unfallursache festgestellt wird, daß sie zum Zeitpunkt ihres plötzlichen Dahinscheidens das Virus in ihrem Körper hatten. Nur, wenn im Körper der testosterongesteuerten Zerschellten das Virus nicht festgestellt wird, heißt es, sie hätten wohl besser östrogengesteuerte „die Menschen“ werden sollen, weil sie dann vermutlich noch leben würden und sich die Chance erhalten hätten, „mit der Mode“ zu gehen. Womit wir abseits aller Coronatoten bei den Artikeln wären: „Der Rasen“ ist männlich. Denoch ist die Eiche neben der Landstraße kein Rasenmäher. Schauen Sie bitte nicht so verwirrt. Das demotiviert mich.

Covidiot

„Covidiot“, liebe Integrierend:innen ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein anderes Wort für „Modemuffel“. Wenn Sie nachher vom Sprachkurs zurück in Ihre Erst-, Zweit- oder Drittaufnahmeeinrichtungen gehen und in der Fußgängerzone jemanden ohne FFP-2-Maske sehen, können Sie einen ersten Integrationserfolg glaubhaft machen, wenn Sie stehen bleiben, mit dem Finger auf den Unmaskierten zeigen und laut „Ein Modemuffel!“ rufen. Die schon länger hier Integrierten werden es Ihnen danken und „Polizei und Polizeierstock!“ rufen, nicht ohne Ihnen anerkennend zuzunicken. Womöglich zeigt Ihnen sogar jemand seinen Daumen. Lassen Sie sich aber nicht täuschen, auch wenn es nun verwirrend wird. Die wahren „Covidioten“ im Lande Merkelstan sind jene Modebewußten, die den Modemuffeln ein „Covidiot!“ hinterherrufen. Warum das so ist, können Sie an der Letalitätsstatistik für Sars-Cov-2-Infizierte ablesen, an der allgemeinen Mortalitätsrate und am Durchschnittsalter der „an oder mit Corona“ Verstorbenen.

Verschwörungstheoretiker

Was eine Verschwörung ist, wissen Sie bereits, meine lieben Integrierend:innen. In Merkelstan – und das wiederum ist nur sehr schwer zu verstehen, wenn man nicht ausgesprochen modebewußt ist -, wird das Wort „Verschwörungstheoretiker“ als Beleidigung gegen solche klugen Leute verwendet, die eine Verschwörung früher als alle anderen bereits während ihrer Entstehung erkennen können. In Ihrem Herkunftsland wäre der Verschwörungstheoretiker wahrscheinlich hochgeachtet. Im Land Ihrer Träume regiert aber außer Frau Merkel auch noch der Neid. Am neidischsten sind die Dummen. Und zwar auf den Vorsprung der Klügeren. Indem sie die Klügeren als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnen, erheben sie sich in ihrer gnadenlosen Dummheit selbst über die Klügeren und erfreuen sich des Anscheins, den sie dadurch über sich selbst bei den anderen Modebewußten erwecken. Ein guter Rat deshalb von unserer Seite: Integrieren Sie sich keinesfalls in die Mehrheit der Dummen. Eine weitere Bereicherung der Mehrheit wäre fatal für das Land Ihrer Träume. Es würde auch für Sie zum Land Ihrer Albträume werden. Für uns, Ihre Sprachpädagogisierenden, ist es das bereits.

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Coronahilfe

„Coronahilfe“, meine lieben Integrierend:innen, ist ein anderes Wort für „Wartegeld“. Wartegeld wiederum ist Geld, auf das man wartet, ohne es je zu erhalten, es sei denn, man besäße einen großen Konzern. Die Modebewußten unter den Kleingewerbetreibenden – Gastronomen und Friseure etwa – freuen sich bereits, wenn ihnen die Regierung das Wartegeld nur verspricht. Weil sie „die Menschen guten Willens“ sind. Unter uns gesagt: „Die Menschen guten Willens“ sind in Merkelstan die besten von allen, ganz egal, was sie tun oder lassen. Wenn Ihnen das Wort „Coronahilfe“ begegnet, tun Sie am besten so, als hätten Sie es überlesen oder überhört.

Impfzentrum

Stellen Sie sich eine große Halle vor mit allerlei Schildern, Richtungspfeilen und Warnhinweisen, in der es weder jemanden gibt, der sich impfen lassen will, noch den Impfstoff, den man bräuchte für den Fall, daß sich jemand impfen lassen wollen würde. Auch, wenn Sie sich eine solche Halle nur schwer vorstellen können: In Merkelstan kennt man solche Hallen und nennt sie „Impfzentrum“. Wie wir in unserem löblichen Sprachkurs bereits – wichtig: gemeinsam – herausgearbeitet haben, handelt es sich bei „Corona“ um eine Mode aus dem Bereich Zerebralmoden. Da nun Moden ihrer Natur nach nicht ewig andauernd können, sondern immer wieder durch neue Moden ersetzt werden müssen, ist das Impfzentrum zumindest seiner Idee nach ein Zentrum zur Beseitigung des Altmodischen. Gerüchteweise heißt es, die Impfungen, die dort rein theoretisch stattfinden könnten, seien dazu in der Lage, das menschliche Erbmaterial der „die Menschen“ irreversibel zu verändern, was unter Modegesichtspunkten gar nicht schlecht wäre, weil sich das Impfzentrum dadurch selbst aus dem Altmodischen herauslösen würde, um zum „Pimpzentrum“ zu werden. Etwas zu „pimpen“, meine lieben Integrierend:innen, bedeutet, es zu modifizieren oder aufzumotzen. In einem Impfzentrum, das quasiautomatisch zum Pimpzentrum wird, könnte aus den merkelstanischen „die Menschen“ also durchaus etwas Modifiziertes werden. Ein gigantischer Menschenaffe zum Beispiel mit einem Elefantenrüssel als Gemächt, der nur an ein bestimmtes Fernsehprogramm der Öffentlich-Rechtlichen zu denken braucht, damit er es auch ohne Fernseher sofort anschauen kann.

Schluß für heute

Und schon ist wieder eine Dreiviertelstunde jouwatch-Sprachkurs vorüber, liebe Integrierend:innen. Behalten Sie die heutige Lektion gewissenhaft im Kopf und denken Sie immer daran: Sie befinden sich im Lande Merkelstan, dem Land der allumfassenden Sicherheit. Wenn Sie sich in Ihrer Erst-, Zweit-, oder Drittaufnahmeeinrichtung an den gemeinsamen Mittagstisch setzen, beachten Sie unbedingt, daß sich alle auf ihren Stühlen anschnallen und ein Fahrradhelmchen aufsetzen, damit kein Integrierender bewußtlos in seiner Suppe ertrinken muß, falls der Kronleuchter von der Decke fällt. Vergessen Sie Ihre Messer, Macheten und die Mobiltelefone nicht, denn der Hausmeisternde sperrt nachher den Unterrichtsraum ab. Bis nächste Woche!