Statistische Faktenklitterung: Das Märchen von der Corona-Übersterblichkeit

(Symbolbild:Imago/Oberhäuser)

Bei der Pest, der Cholera oder der Spanischen Grippe brauchte man keine mit Erkrankungen gleichgesetzten „Fallzahlen“, keine dubiosen Statistikklitterungen zu Klinikbelegungen und erst recht keine künstlich aufaddierten Toten, um eine lebensgefährliche Pandemie zu konstruieren – und „leugnen“ oder auch nur zweifeln musste bei all diesen Heimsuchungen auch niemand etwas, weil die schrecklichen Folgen für jedermann offensichtlich waren. Bei Corona aber musste vom ersten Tag an nachgeholfen werden – und wird es bis heute. Aktuell muss gerade wieder einmal die „Übersterblichkeit“ herhalten.

Öffentlich-rechtliche Newsformate, tendenziöse Nachrichtenagenturen und einstmals neutral renommierte Zeitungen überschlagen sich seit Tagen mit triumphierender Genugtuung: Endlich, so scheint es, liefern die vom Statistischen Bundesamt für 2020 vermeldeten Zahlen Schwarz auf Weiß den Nachweis, dass die Corona-bedingte Übersterblichkeit real sei. Dass im Dezember 2020 – laut vorläufigen amtlichen Ergebnissen – mindestens 106.607 Menschen gestorben sind und dies 29 Prozent (entsprechend 24.038 Fälle) mehr Dezember-Tote sind als im Durchschnitt der Jahren 2016 bis 2019 (aber eben zum Beispiel schon wieder nicht als 2012 bis 2015!), wird unhinterfragt in Bezug gesetzt zu den vom Robert-Koch-Institut für Dezember 2020 gemeldeten 20.043 Todesfällen unter den „zuvor laborbestätigt an Covid-19 Erkrankten„. Somit scheint die sich rechnerisch ergebende zwölfprozentige Dezember-„Übersterblichkeit“ gegenüber den vier Vorjahren einen Zusammenhang mit Corona nahezulegen.

Und um das Framing gleich in die richtige Richtung zu lenken, weisen dpa & Co. darauf hin: „Mehr als 100.000 Sterbefälle in einem Dezember gab es zuletzt im Jahr 1969. Damals waren die Sterbefallzahlen im Zuge der Hong-Kong-Grippe erhöht und es wurden 109.134 Sterbefälle gezählt.“ So etwas kommt heraus, wenn man das demographische Geschehen ausschließlich durch die girologische Brille betrachtet. Übrigens: Die Hong-Kong-Grippe (übrigens deutlich infektiöser und letaler in allen Altersstufen als Corona!) war nie zur Pandemie erklärt worden, und weder wurden Lockdowns noch Gesundheitsregimes ausgerufen.

Die Meldung, samt gewünschtem Spin, fiel in Deutschlands Redaktionen natürlich auf fruchtbaren Boden: „Starke Zunahme der Sterbefallzahlen durch Corona„, titelt etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und führt aus: „Corona hat auch in Deutschland zu einer starken Zunahme der Sterbefallzahlen geführt… Im Dezember 2020 gab es mehr als 106.000 Tote, so viele wie seit mehr als 50 Jahren in einem Dezember nicht!„. Auch die Parallelführung mit Hongkong-69 darf hier nicht fehlen. Leider schlossen sich diverse deutsche Tageszeitungen – fast überall im Land auch die Lokalpresse – dieser simplifizierenden These der Corona-Opfer unkritisch an.

Scheinbar einleuchtende Zusammenhänge

Die versimpelnde Rechtfertigungslehre, die Corona-Toten hätten sich nun „eindeutig“ niedergeschlagen in der Sterbestatistik, dient – rückwirkend und vorausschauend – der Gesundbetung angeblich alternativer Zwangsmaßnahmen und in Kauf genommener Selbstzerstörungsorgien des sozialen und vor allem wirtschaftlichen Lebens in ganzen Staaten; vor allem in Deutschland, wo es besonders viel zu zerstören gab (und noch immer gibt). Für die Mainstreammedien kommt Kanonenfutter im Kampf gegen Nörgler, Zweifler und Leugner immer wie gerufen – vor allem das buchstäbliches „Totschlagargument“ der Übersterblichkeit.

Doch es ist eigentlich kein echtes Argument. Im Gegenteil. Tatsächlich nämlich sind in Deutschland NICHT unerwartet mehr Menschen gestorben als im Schnitt der vier Jahre davor. Der Statistik-Experte und Münchner Professor Göran Kauermann berichtete im Interview mit der „Welt“ von den Forschungsergebnissen der von ihm geleiteten Corona Data Analysis Group, welche die Zahlen seit 2016 mit denen von 2020 verglichen hat – und die sind mehr als aufschlussreich und denkwürdig.

So sei etwa die absolute Zahl von 48.000 im gesamten Jahr mehr Verstorbenen Menschen in Deutschland zwar zutreffend – doch sie dürfe „nicht leichtfertig als Übersterblichkeit interpretiert werden„. Denn: Bei der Sterblichkeit von 2020 im Vergleich zu den Jahren muss die Altersstruktur berücksichtigt werden. So sei der etwa der Jahrgang 1940 – die heute 80-Jährigen – besonders geburtenstark gewesen, was sich heute auf die Sterbezahlen auswirke. Entsprechend waren schon statistisch für 2020 rund 41.000 Tote mehr zu erwarten gewesen als im Schnitt der Jahre 2016 bis 2019. „Und die 7.000, die noch fehlen zur 48.000, sind schlichtweg keine Übersterblichkeit, sondern völlig im Rahmen von zufälligen Schwankungen„, so Kauermann.

Eine Frage der Überalterung

Und gefragt von der „Welt„, wie Statistische Bundesamt denn dazu komme, „derart missverständliche Daten“ zu veröffentlichen, erklärt der Forscher, dass die Behörde „bevorzugt die Rohdaten“ veröffentlicht; sie tue dies „mit dem Argument, man wolle die Daten möglichst im Original herausgeben„. So verständlich dies sei: Bei den zuletzt veröffentlichten Sterbezahlen hätte eine entsprechende Einordnung und Erläuterung erfolgen müssen – „ein noch deutlicherer Hinweis, dass die zusätzlichen Toten in 2020 keine nennenswerte Übersterblichkeit zeigen.

Auch die regionale extreme Überalterung in manchen Regionen Deutschlands, vor allem in Ostdeutschland (Sachsen, aber auch Brandenburg und zum Teil Sachsen-Anhalt) muss bei den Sterbetafeln berücksichtigt werden. Das hohe Durchschnittsalter der Corona-Verstorbenen korreliert eher mit der höheren Lebenserwartung insgesamt – und ist nichts ungewöhnliches in einem Land, dessen Bevölkerung schrumpft, was seit Jahrzehnten wohlbekannt ist. Diese rückläufige Bevölkerungsentwicklung bedeutet zwingend, dass jedes Jahr eine größere Menge Menschen sterben muss als im Vorjahr – ganz ohne „Pandemie“ bereits.

Differenzierter übrigens war diesmal ausnahmsweise – Ehre, wem Ehre gebührt – die Berichterstattung des „Spiegel“ – der wenigstens einräumte, es habe „keine deutliche Übersterblichkeit in Deutschland“ gegeben, trotz der 39.000 Menschen, die 2020 in Deutschland „mit oder an Covid-19“ gestorben sind. Nanu: Ein Silberstreif am Horizont für eine unbefangenere Corona-Berichterstattung etwa? Das glauben wir erst, wenn wir es erleben. (DM)