15 verlorene Jahre: Top-Ökonom Stelter rechnet mit Merkel-Ära ab

Ökonom Daniel Stelter (l.) (Foto:Imago/Popow)

Der kaum mehr zu beziffernde ökonomische Flurschaden, den die Kanzlerschaft Angela Merkels auch ganz ohne das „finale furioso“ Corona hinterlassen hat, veranlasst mittlerweile sogar angesehene Wirtschaftswissenschaftler, aus der Deckung zu kommen und deutlich Worte zu finden. Jetzt zeigt sich auch Ökonom Daniel Stelter erleichtert, dass die bleierne Zeit einer Kanzlerin ihrem Ende entgegenstrebt, in der etliche neue Probleme geschaffen und bestehende nur ausgesessen wurden.

Immer vorausgesetzt, dass sie am Ende nicht doch noch Sachzwänge kreiert oder einen Anlass findet, eine fünf Amtszeit zu absolvieren (oder die Regierungsbildung nach der nächsten Bundestagswahl endlos hinausgezögert wird), soll der Merkel-Spuk also noch 2021 enden; wobei alles, was nach ihr kommt, in ideologischer Kontinuität ihres Verstaatlichungs- und Wohlstandsvernichtungskurses stehen dürfte. Stelter, einer der renommiertesten marktliberalen Ökonomen und Langzeit-Kolumnist des „Manager-Magazins“ und der „Wirtschaftswoche“, bedauert das Ende der Amtszeit von Angela Merkel dennoch nicht, wie „Focus“ schreibt.

Stelter sieht die deutsche Wirtschaft vor riesigen, seit Jahren nicht gelösten Strukturproblemen; insbesondere unterlassene Investitionen und eine Konversion von großer Tragweite – der vielgerühmte „nächste Strukturwandel“ – seien überfällig. Angesichts demographischer Veränderungen – Überalterung und einhergehend ein massiver Rückgang der Erwerbsbevölkerung – habe es die Politik in der Merkelzeit fundamental versäumt, Grundlagen für weiteres Wachstum zu legen. Stelter spricht von „15 verlorenen Jahren„.

Probleme nur aufgeschoben, nie gelöst

Deutschland müsse sich mit Blick auf die Staatsfinanzen ehrlich machen, einen Kassensturz vornehmen und die Staatsfinanzen völlig neu ordnen – und zwar unabhängig von der durch Corona hinzugekommenen, epochalen Staatsneuverschuldung (alleine die Pandemie hat bis jetzt 1,5 Billionen Euro mehr gefordert, die Summe dürfte sich jedoch noch deutlich erhöhen). Stelter fordert seit langem die Schaffung eines Staatsfonds, damit Deutschland überfällige Reformen angehen kann. Denn anders als es landläufig kommuniziert wird, ist Deutschland keineswegs mehr das reiche Land, für die es viele halten. Darüber hatte er bereits 2018, lange vor Corona, in seinem Buch „Das Märchen vom reichen Land. Wie die Politik uns ruiniert“ geschrieben.

Dass Angela Merkel nicht mehr antritt, bedauert Stelter laut „Focus“ keineswegs – zumal er ohnehin ein Verfechter strikter Amtszeitbegrenzungen ist. Merkel habe sich als Aussitzerin erwiesen, viele Probleme und Krisen in Merkels Regierungszeit seien nicht angepackt und bewältigt worden: Finanzkrise, Schuldenkrise, Flüchtlingskrise und aktuell Corona-Krise seien „nur stillgelegt, aber nicht nachhaltig gelöst“ worden. Auch für die schlicht nicht mehr rational nachvollziehbaren, vergleichsweise hohen Zustimmungswerte zu Merkels Politik in der deutschen Öffentlichkeit hat Stelter eine einleuchtende Erklärung: Das Problem sei, dass die Bürger nicht mehr erkennen könnten, „ob eine Krise gelöst wurde, oder ob sie unterdrückt und verschleppt wurde. Leider überwiegt Letzteres„, so der Ökonom. (DM)