Konzerte, Stadien, Flugreisen: Nie mehr ohne Impfpass

Impfpass - bald das wichtigste Basisdokument? (Foto:Imago/Eibner)

Dass ein indirekter Impfzwang durch die Hintertür kommen wird – in Gestalt von „Privilegien“ (treffender: vorgezogenen Grundrechtsrückgaben) für Geimpfte, die zwingend einhergehen mit der Diskriminierung Nichtgeimpfter: Daran zweifelt inzwischen kaum einer mehr. Selbst die Kanzlerin hat dies gestern in ihrem Propagandaauftritt in der ARD nochmals unverhohlen in Aussicht gestellt – indem sie Sanktionen für jene, die sich trotz „Impfangebots“ der Impfung weiter verweigern, nicht ausschließen wollte.

Mit diesem in Merkel’scher Manier verworrenen und verklausulierten Halbsatz hatte sie den Startschutz für die Wiederbelebung einer Geisterdebatte gegeben, die in den letzten Monaten wiederholt aufgeklappt und sogleich wieder verstummt war: Im Herbst bei der Frage nach Stadionbesuchsrechten für Geimpfte in der Bundesliga, dann im November bei der selbst vom Ethikrat diskutierten, ebenso hypothetischen wie müßigen Frage nach „Beatmungsgeräten für Impfverweigerer“ und dann zuletzt bei der Ankündigung einzelner Fluggesellschaften (insbesondere der australischen Qantas), nur noch Passagiere mit Impfnachweis zu befördern. Jetzt, prompt nach Merkels gestriger Einlassung, preschte der Ticket-Vermarkter Eventim vor – und teilte mit, er bereite sich schon auf „geimpfte Konzertbesucher“ vor.

In der „Wirtschaftswoche“ befand CTS-Eventim-CEO Klaus-Peter Schulenberg, wer sich gegen Corona impfen lasse, der müsse auch „schneller als andere wieder zur Normalität zurückkehren“ dürfen. Sein eigenes Unternehmen habe bereits in diese Richtung vorgeplant. Der Manager verteidigt sein ruchloses Vorgehen, in bester Merkel-Manier, wie folgt: „Wenn es genug Impfstoff gibt und jeder sich impfen lassen kann, dann sollten privatwirtschaftliche Veranstalter auch die Möglichkeit haben, eine Impfung zur Zugangsvoraussetzung für Veranstaltungen zu machen.“ Es ist also wieder die Devise: Vogel friss oder stirb. Grundsätzliche Vorbehalte gegen die Impfung (wie sie derzeit deutschlandweit von einem beträchtlichen Teil des Pflegepersonals und auch von vielen Ärzten in Kliniken geteilt werden) sollen dann als Ausrede nicht mehr gelten.

Ein Angebot, das niemand ablehnen kann

Merkels Impfung soll auf jeden Fall zum Angebot werden, das niemand ablehnen kann. Und prompt setzt auch schon wieder das laute Nachdenken in anderen Sparten des heruntergeregelten Freizeitlebens ein, wie denn ein baldiger Relaunch zu bewerkstelligen sein könnte: Sportvereine, Fitnessstudios, Kulturveranstalter und vor allem die Tourismusmusbranche wittern ebenfalls Morgenluft und finden nichts Anstößiges mehr an dem Gedanken, Impfpässe zur Voraussetzung für Mitgliedschaften, Zutrittsberechtigungen oder Ausnahmegenehmigungen zu machen. Durch den Dauerlockdown sind die moralischen Vorbehalte so heruntergehungert, dass die Menschen jede Kröte schlucken und – bei der einzigen Alternative eines weiteren freudlosen Lockdownlebens – natürlich auch Erpressungen in Kauf nehmen, die laut einhelligen Versprechen der Politik unter llen Umständen ausgeschlossen sein sollten. Pustekuchen.

Das Bizarre an dieser Diskussion – und womöglich hat sie Merkel deshalb zu Ablenkungszwecken losgetreten – ist, dass sie sich um Antworten auf nichtgestellte Fragen dreht. Denn der Impfstoff, von dessen Verabreichung eine portionsweise Rückkehr zur Normalität abhängig gemacht werden soll, ist ja überhaupt nicht verfügbar. Hier wird das Fell eines nicht nur nicht erlegten, sondern noch nicht einmal erspähten Bären verteilt. Die deutsche Bundesregierung hat zuverlässig dafür gesorgt, dass nicht nur der Impfstart gründlich verbockt wurde, sondern so etwas wie ein belastbarer „Impfplan“ schlicht nicht existiert – weil niemand weiß, wann überhaupt wieviel von welchem Impfstoff ankommt. Hier drängen sich Parallelen auf zwischen der Corona-Impfung und der „Energie-“ bzw. „Mobilitätswende“ auf: Beim Elektroauto will die Politik die Menschen mit Zuckerbrot und Peitsche zu einer neuen Antriebstechnik zwingen, für die noch überhaupt keine Infrastruktur existiert. So wird die „Alternativlosigkeit“ zur neuen Generalklausel des Alltags. (DM)