Von wegen „Impfen als Solidarität“: Alte müssen weiter warten, Asylbewerber haben Vorrang

Alles wegsperren, aber schnell: Montgomery (Foto: Imago)

Zu Beginn der Corona-Krise vor rund elf Monaten gehörte Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes, scheinbar zu den kritischen und nüchternen Funktionären, die sich gegenüber global überschnappenden politischen Eliten in ihrem Pandemie-Notstands-Rausch anfangs mutig behaupteten – von der Unsinnigkeit der Maske bis zur realistischen Einordnung der Virusbedrohung. Inzwischen ist Montgomery voll auf Regierungskurs – und kann von unsinnigen Inzidenzwerten und alternativlosen Lockdowns gar nicht genug kriegen. Jetzt beschwört er auch noch das Impfen als Akt „sozialer Solidarität“.

Die Warnung vor schnellen bundesweiten Öffnungen ist anscheinend eine Art obligatorisches Glaubensbekenntnis, das vor jedem offiziellen Statement neu abzulegen ist, um in öffentlich-rechtlichen und sonstigen Mainstream-Medien als ernstzunehmender Diskutant ohne maliziöse Hintergedanken wahrgenommen zu werden. So leitet Montgomery damit auch seine neuesten Forderungen ein – nach nicht etwa flächendeckenden, sondern nur regional abgestuften Lockerungen, die unbedingt abhängig von den jeweiligen Inzidenzwerten sein müssen. Der „Passauer Neuen Presse“ gegenüber erklärte Montgomery, es wäre sinnvoll, „…gemäß einem hoffentlich inzwischen vorliegenden Plan lokal und regional ab Unterschreiten der magischen Inzidenzgrenze von 50 Lockerungen vorzunehmen„.

„Magisch“ trifft es ziemlich gut – denn mit seriöser Wissenschaft hat die gesamte Teststrategie wie auch die Inzidenzbemessung so wenig zu tun wie Alchimie. Trotzdem macht sich der Ärztechef ganz der Kanzlerin zu Willen durch seiner Äußerung, rein medizinisch wäre es „das Klügste, zu warten, bis wir überall bei den Inzidenzen unter zehn sind„, sagte Montgomery – auch wenn dies in einem föderalen Staat nicht realistisch sei. Deshalb sei die Impfung der Ausweg: Je mehr Menschen geimpft seien, desto weniger Einschränkungen seien noch erforderlich. Und ganz unverhohlen macht er sich dann auch noch für eine dreiste Impf-Apartheid stark: Geimpfte und Genesene sollten ihre Grundrechte schon früher zurückhalten. Was in dieser Lesart sinnvoll klingt, meint im Umkehrschluss allerdings automatisch: Diskriminierungen für Nichtgeimpfte.

Einschränkungen bis zum bitteren Ende

Dass derartige Überlegungen, die den deutschen Ethikrat seit Wochen kontrovers beschäftigt, zu einer Zeit angestellt werden, wo ohnehin nur Impfstoff für eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung zur Verfügung steht, zeigt die ganze Weltfremdheit dieser Geisterdebatte. Viel ärgerlicher ist in Wahrheit derzeit ein anderes Problem: Asylbewerber – eine überwiegend junge, kräftige, mehrheitlich männliche und in keiner Weise gefährdete Klientel – werden bevorrechtigt, also in derselben priorisierten Gruppe wie Risikopatienten geimpft – während Millionen von über 70-jährigen oder Vorerkrankten weiter in die Röhre gucken und bangen müssen. Begründet wird dies damit, dass die Flüchtlinge schließlich in Einrichtungen lebten, wo ein hohes Ausbreitungsrisiko bestünde.

Was allerdings die naheliegende Frage aufwirft: Wäre es wirklich unzumutbarer, sogenannte Schutzsuchende für die Dauer der Pandemie mit einem Residenzgebot unter Einschränkung der Freizügigkeit zu belegen und dafür nicht zu impfen (d.h., sie in ihren Einrichtungen festzuhalten, wo ihnen selbst bei Corona-Massenausbrüchen – wie im vergangenen Jahr mehrfach in Erstaufnahmeeinrichtungen geschehen – ja praktisch kein ernsthaftes Gesundheitsrisiko droht) – statt den knappen Impfstoff zuerst den eigene Staatsbürger mit Risikoprofil zukommen zu lassen? Wo bleibt hier eigentlich die „soziale Solidarität“, die Montgomery einfordert? (DM)