Freiheit ist Sklaverei: Der Lockdown als „Chance“?

Symbolbild:Imago

Ein Kommentar von Daniel Matissek

Spätestens seit Ausrufung der Pandemie werden wir fast schon penetrant mit einer Grundhaltung konfrontiert, die uns auch zuvor schon gelegentlich in Krisen begegnete: Ein Zweckoptimismus, der uns das Unerträgliche schmackhaft machen will als sinnstiftende, nützliche Erfahrung. Verlust als Selbstfindungstrip: Alles wird zur sinnvollen Herausforderung erklärt – ganz gleich, ob es sich um hausgemachte Katastrophen wie den Lockdown handelt oder um unvermeidliche Ereignisse wie Wetterextreme: Alles wird zur „großen Chance“ erklärt.

So ist seit bald einem Jahr zu lesen, was die Geißel Corona (die sich als weitaus harmloser erwies als die mit ihr oft gleichgesetzte wahre Geißel der Corona-Politik) doch alles für Möglichkeiten und gewinnbringende Potentiale birgt, deren es sich nur bewusst zu werden gelte. Sandra Hylla hat hierüber gar ein Buch geschrieben: „Corona Lockdown – deine Chance, dein Leben einfacher zu machen“. Was sich auf den ersten Blick wie Ironie oder als Fibel für Abhartzer und Couch-Potatoes liest, ist bierernst gemeint: „Wie du entspannt zuhause bleibst, eine gute Zeit hast, deine Onlineunternehmen voranbringst & dein Leben entrümpelst„, will die Autorin aufzeigen, und führt aus: „Zuhause bleiben dürfen – wünschen wir uns das nicht immer? ‚Wenn doch endlich Wochenende wäre …‘. Jetzt hast du die Gelegenheit – du darfst, staatlich verordnet, zuhause bleiben.“ Allerdings beinhalten ihre Lockdown-Lebensratschläge keine 1000 Tips zum faulen Nichtstun, sondern die „Chance“ besteht hier in einer geistigen Neuorientierung, „Fokussierung auf das Wesentliche„, eine Anleitung zur Alltagsstrukturierung und Selbstdisziplin. In eine ähnliche Richtung zielen auch mehrere „Corona-Tagebücher“ und weitere Spielarten der Pandemie-Literatur, etwa das (durchaus lesenswerte) Werk von Nikil Mukerji und Adriano Mannino, „Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit„.

Darüberhinaus aber äußert sich seit Monaten auch eine Minderheit von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, die – ganz im Sinne der lockdowngeilen Politik – nicht auf die psychosozialen, pädagogischen und ökonomischen Argumente der garstigen Nörglerfraktion eingeht, sondern uns im Gegenteil das große Aus- und Wegsperren als Privileg verkaufen will. Home-Office als ideale Arbeitsform der Zukunft, Home-Schooling als smarte Lernmethode, Zoom-Konferenzen als garantiert ansteckungsfreie virtuelle Begegnungszone. Realkontakte sind überschätzt, es gilt: „Gemeinsam einsam“. Für manche Journalisten wird da sogar ein Schneesturm wie der derzeitige zum zusätzlichen hochwillkommenen Grund, häusliches Cocooning zu perfektionieren und erst recht twentyfor-seven daheim zu bleiben – auch ganz ohne offizielle Ausgangssperre. Alles riesige „Chancen“!

Zumutungen als angeblicher Glücksfall

Es gibt sogar gewisse Psychologen, die zwar nicht die Probleme bestreiten, aber meinen, durch autosuggestives Schönreden die Zumutung zur Chance machen zu können. Und Lebensberater oder -trainer machen sich die von ihnen schon immer seit jeher bei jeder Lebenskrise – von Trennungsschmerz über PMS bis Burnout – gebrauchten Durchhaltephrasen auch in der Corona-Krise zunutze  – auch bei der Animation zu Sport und Bewegung („Den Lockdown als Chance verstehen„).

Bei dieser Memorieren von „Chancen“ geht es allerdings gerade NICHT um eine zuversichtliche, aktive, positive Lebenseinstellung, wie sie uns in Küchenkalenderweisheiten wie „Herr, gib mir die Kraft, das Unabänderliche zu ertragen und das Veränderbare zu verändern“ anspringt. In Wahrheit ist es ein Arrangement der Feigheit – um die Menschen vom Widerstand abzuhalten. So werden Untertanen gemacht. Wer das Unerträgliche schätzen lernt, lernt seine Fesseln zu lieben. Zorn soll in Besonnenheit gewandelt werden, Aktionspotentiale des Frusts werden in Passivität umgekehrt. Bloß keine Anstrengungen unternehmen, zur verlorenen Freizügigkeit von gestern zurückzukehren, sondern das erzwungenen Neue „annehmen“! Welche „Chance“ soll das bitte sein?

Man könnte auch den Knast als „Chance“ preisen – etwa auf den großen Durchbruch im Kreativen Schreiben, unter Berufung auf all die großen Werke, die Thomas Morus, Marquis de Sade, Daniel Defoe, Lenin und viele weiterer Vertreter der Gefangenenliteratur hinter Gittern zu Papier brachten. Doch ein freier Geist kann auf diese externen „Rahmenbedingungen“ gerne verzichten. Immer wenn Lebenskünstler, Berufsoptimisten, Psychologen, Asketen, Verzichtsprediger und sonstige Anhänger der neuen Büßerbewegung in puncto Klima, Ernährung, Antikonsumismus die erzwungene Unfreiheit zur Verheißung der wahren Freiheit umdichten und den Mangel zur Erleuchtung verklären: Dann sollten wir skeptisch werden.