Wissenschaftler als linke Aktivisten: „Studie“ gibt Querdenkern Schuld an gestiegenen Neuinfektionen

Schwarz-Rot-Gold auf der Querdenken-Demo in Berlin. Foto: Paul Klemm

Inzwischen wird uns jede noch so holz- und ausschnittartige Detailbetrachtung von Ereignissen, meist mit schon vorgefassten Ergebnissen, als „Studie“ verklickert, mit der das gewünschte Framing im Info-Krieg leichter erreicht werden kann. Aktuell wird wieder einmal die Räuberpistole eines angeblichen Zusammenhangs zwischen hohen Corona-Inzidenzen und politisch verhassten Gruppierungen aufgegriffen – in leicht variierter Form: Diesmal sollen es nicht „AfD-Hochburgen“, sondern angeblich die Teilnehmer von Querdenker-Protesten gewesen sein, die für hohe Fallzahlen gesorgt hätten.

Diesen blühenden Blödsinn wollen Wissenschaftler des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW und der Humboldt-Universität zu Berlin herausgefunden haben: Wie die „Welt“ berichtet, sahen sie sich „zwei große Demonstrationen im November 2020“ an: Eine vom 7. November in Leipzig und eine weitere am 18. November in Berlin. Zwar handelte es sich dabei um nur noch relativ schwach besuchte Kundgebungen verglichen mit den Großdemonstrationen vom August, die jeweils nur von wenigen tausenden Teilnehmern besucht wurden – von denen zudem nur ein Teil extern anreiste. Diese viel zu geringe statistische Basis hielt die Wissenschaftler jedoch nicht ab, die Sieben-Tage-Inzidenzen in den Landkreisen zu analysieren, aus  Demonstrationen in die beiden Städte angereist waren.

Die hierbei angewandte Methodik verwässerte die Aussagekraft zusätzlich, denn die regionale Zuordnung zu den Fallzahlen erfolgte durch Nachverfolgung, von welchen Orten aus „die auf Kundgebungen spezialisierten Busunternehmen Fahrten zu den Demonstrationen angeboten“ hatten – jene Firmen nämlich, die sich in dem Netzwerk „Honk for Hope“ zusammengeschlossen hätten. Mit welcher absurden Voreingenommenheit die Wissenschaftler ans Werk gingen, zeigt ihr weiteres Vorgehen, das die „Welt“ ausführlich beschreibt: „Über diese Daten wurden dann noch Kreise mit hohen Anteilen von AfD-Wählern und geringen Masern-Impfungen gelegt, weil man dort viele Gegner der Corona-Maßnahmen vermutete.“ Dass unter den Querdenkern grüne und linke Wähler die größte Einzelgruppe stellen (über ein Drittel), wurde hier natürlich ignoriert.

Weltbildkonforme Brille

Irgendwann muss dann jedenfalls das gewünschte Ergebnis herausgekommen sein, wonach in den betreffenden Kreisen die Sieben-Tage-Inzidenz angeblich stärker angestiegen sei als in Kreisen, in denen Busunternehmen keine Reisen angeboten hatten – im Schnitt um 40 Inzidenzen pro sieben Tagen, wodurch es zu insgesamt „16.000 bis 21.000 Covid-19-Infektionen mehr durch die Kundgebungen“ gekommen sein soll. Allerdings glauben die „Studien“-Autoren an soviel Unsinn wohl selbst nicht: Sie bezeichnen die Zahlen selbst nur als „Schätzungen„. Bezeichnenderweise ist ihr Machwerk auch noch in keinem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht.

Unsinn deswegen, weil jeder Forscher, der so selektiv ans Werk geht, vorsätzlich und fast schon gewaltsam die eigentlichen, weitaus stärkeren und mächtigeren Treiber des Infektionsgeschehens ausblenden muss, schon quantitativ jedes angeblich so unvernünftige Verhalten der „Leugner“ überlagern: Berufspendler, Arbeitsmigration aus Nachbarkreisen, Zahl der Vertreter von Parallelgesellschaften („Großfamilien“), die bei Treffen, Hochzeiten oder Trauerfeiern regelmäßig Auflagen en masse missachten, mögliche Häufung von Ausbrüchen in Pflegeheimen. Vor allem jedoch: Reiserückkehrer, nicht nur von Urlaubern, sondern auch von Migranten, die zwischen Herbst- und Weihnachtsferiern, vor allem mit Beginn des erneuten Lockdowns, ihre Heimatländer besuchten. All diese realen „Balken“ auszublenden, um einen eingebildeten „Splitter“ zum Hauptproblem umzudichten, ist hochmanipulativ – und außerdem eine Beleidigung des gesunden Menschenverstands.

Hätten die Autoren auch das Infektionsgeschehen nach den Happenings der Party- und Eventszene oder nach den „Black Lives Matter“-Demonstrationen unter die Lupe genommen, dann wäre zumindest der verfolgte Ansatz neutral gewesen. Da dies nicht geschah und es erkennbar nur um eine pseudowissenschaftliche Fundierung der Brunnenvergifter-These zur Diskreditierung missliebiger Meinungsführer ging, kann diese „Studie“ nur als famoser Schrott bezeichnet werden. (DM)