Schmerzlicher Verlust: Die Verhältnismäßigkeit

"Gemeinsame Sache" aller Querdenker - Foto: Autor

Daß die Bundesrepublik in den Merkeljahren endgültig gar zu einem pseudodemokratischen, halbsozialistischen und doktrinären Gebilde mutiert ist, läßt sich auch am Umgang mit der Verhältnismäßigkeit erkennen. Dient die Forderung nach Beachtung der Verhältnismäßigkeit dem totalitären Zeitgeist, dann wird sie erhoben. Dient sie dem Zeitgeist nicht, wird jeder zum „Ketzer“, der ihre Beachtung anmahnt. Eine verhältnismäßig vernünftige Betrachtung.

von Max Erdinger

Es ist mitten in der Nacht. Sie wachen auf. Es ist jemand im Haus. In Ihrem Schlafzimmer können Sie hören, wie er leise Türen öffnet und Schubladen durchwühlt. Sie selbst öffnen die Schlafzimmertür einen Spalt weit und sind sich sicher, daß es sich nicht um einen, sondern um zwei Einbrecher handeln muß. Durch das Dunkel im Erdgeschoß sehen Sie den Schein von zwei Taschenlampen huschen. Ganz leise öffnen Sie Ihren Waffenschrank im Schlafzimmer und greifen nach der doppelläufigen Schrotflinte … Haaalt, Stopp! So geht das nicht! Sie sind im Begriff, die Verhältnismäßigkeit zu übersehen. Sollten Sie die beiden Einbrecher so durchsieben, daß denen das Blut druckvoll aus hundert Löchern spritzt, dann müssten Sie sich vor Gericht dafür verantworten, daß Sie die Verhältnismäßigkeit nicht beachtet haben. Sie hätten erst nach unten rufen müssen: „Vorsicht, nicht erschrecken, gleich geht das Licht an.“ Als nächstes hätten Sie sagen müssen, daß die Einbrecher nicht panisch zu werden brauchen, weil Sie ihnen partout nichts Übles – , sondern sich lediglich mit ihnen über die Verwerflichkeit von Einbrüchen unterhalten wollen. Bei einer Tasse grünen Tees mitten in der Nacht wäre es verhältnismäßig vernünftig, sich mit den beiden moralisch Verirrten über ihre etwaigen Kindsheitstraumata zu unterhalten, die dafür verantwortlich sind, daß sie auf die schiefe Bahn gerieten. Zum Abschied schenken Sie den traumatisierten Opfern ihrer eigenen Sozialisation alles, was die eigentlich klauen wollten – und versichern sich gegenseitig, daß Sie gute Freunde bleiben wollen.

Zwei von Ihnen erschossene Einbrecher hingegen würden dazu führen, daß sich ein Gerichtspsychologe mit Ihren eigenen Kindsheitstraumata beschäftigt, um festzustellen, ob Sie schuldfähig gewesen sind, als in Ihr Haus eingebrochen wurde. Nebenbei bemerkt wäre es in diesem Fall auch günstiger für Sie, wenn die beiden Einbrecher wirklich mausetot sind, weil sie sonst aussagen könnten, Sie hätten das hier geschrien, bevor Sie abgedrückt haben: „Nehmt das, ihr dreckigen Schweine!“ Sie sehen: Die Verhältnismäßigkeit zu wahren, ist wichtig. Wenn nachts in Ihr Haus eingebrochen wird. Generalisieren läßt sich das nämlich nicht.

Szenenwechsel

Es ist mitten am Nachmittag. Sie sitzen mit Ihren alten Herrschaften am Kaffeetisch und versuchen, alle Fettnäpfchen im Blick zu behalten, in die Sie ansonsten treten könnten. Es handelt sich nämlich um Leute, die sich ihr Leben lang den Gedanken nicht abgewöhnen konnten, sie seien Ihre Erziehungsberechtigten. Weswegen Sie auch an diesem Nachmittag so tun müssen, als seien Sie der Ansicht, es gälte völlig zu Recht, daß Sie derjenige sind, der sich sein Moral-Update abzuholen hat – und daß es andersherum auf gar keinen Fall laufen kann. Sträuben Sie sich nicht. Das ist so. Viertes Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Das gilt auch in Deutschland. Außer, man wäre zwischen 1940 und 1950 zur Welt gekommen. Sie haben aber erst 1960 das Licht der deutschen Welt erblickt. Für Sie gilt das vierte Gebot.

Wie es der Teufel will, kommen Sie dennoch auf die Forderung nach einem Tempolimit zu sprechen. Die alten Herrschaften sind schwer dafür. Wegen der Umwelt. Wegen der Verkehrssicherheit, auch. „Das kleinste bißchen Schadstoffeinsparung nützt bereits etwas“, hören Sie sich an – und Sie vermissen die Verhältnismäßigkeit. Sie leben gern, Sie fahren gern schnell wenn das möglich ist, und Sie fahren seit Jahrzehnten unfallfrei schnell. Wenn die Autobahn frei ist, fahren Sie Dauergeschwindigkeiten jenseits der 200 Stundenkilometer. Sie wissen: Würde in Deutschland niemand mehr überhaupt heizen, weder sein Haus noch auf der Autobahn -, sogar wenn es überhaupt keine Schadstoffemmissionen mehr gäbe im Land – es hätte nicht den geringsten Einfluß auf das Weltklima.

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Theoretisch ist zwar richtig, daß das kleinste Bißchen etwas nützt, aber eben nur theoretisch. Sie selbst leben aber nicht theoretisch, sondern praktisch. Sie würden sich wünschen, Ihre alten Herrschaften würden das insofern berücksichtigen, als daß sie wenigstens die Verhältnismäßigkeit beachten, wenn ihnen schon nicht primär an Ihrer höchstpersönlichen Lebensfreude gelegen ist. „Wenn das alle so machen würden, wenn jeder …“.

Sie stellen still und leise fest, daß Moralisten Schwierigkeiten haben, beim Denken den Unterschied zwischen dem Indikativ und dem Konjunktiv zu berücksichtigen. Gottlob fällt Ihnen das vierte Gebot wieder ein. Es lebt sich leichter mit den eigenen moralischen Defiziten, wenn man nachmittags am Kaffeetisch die zehn Gebote im Kopf parat hat. Vor allem dann, wenn man durchaus zwei Einbrecher erschießen würde, um im Anschluß über die Autobahn zum Flughafen zu rasen, damit man rechtzeitig seinen Ferienflieger erwischt. Wie meinte doch Anton Hofreiter, der grüne Moralist, erst neulich? Das Fliegen zum Vergnügen müsse unterbunden werden. Die Grünen stehen mit der Verhältnismäßigkeit ebenfalls auf Kriegsfuß. Mit der Lebensfreude der Anderen sowieso. Aber clever sind sie. Seit ihnen das Etikett „Verbotspartei“ angehängt wurde, völlig zu Recht übrigens, scheint dort das Wort „Verbot“ in Ungnade gefallen zu sein. Man redet jetzt lieber von „Unterbindung“. Jedenfalls so lange, bis die Grünen beschuldigt werden, eine „Unterbindungspartei“ zu sein.

Covid und die Verhältnismäßigkeit

Daß im Umgang mit jener „Pandemie“, die zwar in der Sache keine -, nach Definition der WHO aus dem Jahr 2009 jedoch sehr wohl eine Pandemie ist, jede Verhältnismäßigkeit förmlich mit Füßen getreten wird, kann jeder beobachten, der sich nicht durch das mediale Dauerbombardement „bedienen“ – und dadurch kirre machen läßt, sondern sich selbst die relevanten Informationen zur „Pandemie“ besorgt.

Die beliebige Interpretation dessen, was „Neuinfektionen“, „Fallzahlen“ und „Coronatote“ sein sollen, schmückt zwar die löbliche „Meinungsfreiheit“, relevant sind solche Interpretationen aber nicht. Zur Beurteilung dessen, was hinsichtlich der „Pandemie“ verhältnismäßig wäre, sind sie sogar äußerst kontraproduktiv. Daß die Kenntnis der allgemeinen Mortalitätsrate, des Durchschnittsalters der an oder mit Sars-Cov-2 plus Mutationen Verstorbenen und der Letalitätsrate unter den per PCR-Test identifizierten Infizierten nützlich ist, um sich die Frage zu beantworten, ob die getroffenen „Schutzmaßnahmen“ verhältnismäßig sind, läßt sich nicht bestreiten. So viel steht fest: Hätte die WHO nicht „Pandemie“ neu definiert, dann könnte hierzulande niemand diese grundrechtswidrigen „Schutzmaßnahmen“ durchsetzen. Ob sie verhältnismäßig sind, hängt ja nicht daran, was nach Definition der WHO eine Pandemie ist, sondern daran, was tatsächlich eine ist. Wenn wir wirklich eine Covid-19-Pandemie haben, dann hätten wir 1969/1970 noch eine viel stärkere Hongkong-Grippe-Pandemie gehabt.

Mitten in der „Pandemie“ damals fand aber das Woodstock-Festival statt – und keinen hat die „Pandemie“ in Angst und Schrecken versetzt. Wie schafft man das also heute, den Leuten einzureden, Lockdown, Ausgehverbot, Kontaktbeschränkung, der wirtschaftliche Ruin der Anderen und der Maskenzwang seien verhältnismäßig – und daher „vernünftig“?

Gefühlsterror

Die Intelligenz der Anderen ist der natürliche Feind des Kollektivisten. Den Kollektivisten erkennt man beispielsweise daran, daß seine Antworten mit „Wenn jeder …“ beginnen. Der Intelligente gähnt dann innerlich, weil er weiß, daß nicht jeder (…), resp. weil er sich fragt, ob tatsächlich jeder (…). „Was wäre, wenn (…)“, interessiert ihn in der Praxis nicht sonderlich. Ungefragt beginnt der typische Kollektivst seine Sätze übrigens mit „Wir müssen“, „wir brauchen“ und „wir dürfen nicht“. Es ist nur logisch, daß der Kollektivist keine Antennen für individuelle Freiheit, individuelle Gefahrenabwägungen und den Wert der Eigenverantwortlichkeit hat.

Weil nun aber die Intelligenz des Anderen sein natürlicher Feind ist, setzt er aufs Gefühl der Anderen. Das Gefühl hat nämlich den Vorteil, daß es sich, anders als die Intelligenz, nicht richtig messen läßt. Deshalb wurde von mindestens einem recht bauernschlauen Kollektivisten die „emotionale Intelligenz“ erfunden. Die hat den Vorteil, daß man sie durch subjektivistisches Geschwätz „unter Beweis stellen“ kann. Schleichend griff dann die kollektive Vorstellung um sich, daß die „emotionale Intelligenz“ quasiautomatisch zu hoher „sozialer Kompetenz“ führen müsse. Jedenfalls wurde nicht mehr die Intelligenz gehypt, sondern das Gefühl.

Die Resultate dieser hinterfotzigen Entwicklung konnten bereits 2015 besichtigt werden, als -zigtausende von Korrektfühligen die lieben „Refugees“ bei deren Ankunft an den Bahnhöfen der Gefühlsrepublik mit Teddybären und anderen Stofftieren bewarfen. Für die Intelligenten hingegen waren schon damals ganz harte Zeiten angebrochen. Sie fühlten sich „irgendwie schlecht“ wegen der intelligenten Fragen, die ihnen durch den Kopf gingen. Warum sind die Refugees überwiegend jung, kräftig und männlich? Konnten die Grenzen tatsächlich nicht geschlossen werden? Ob das wohl der Beginn einer Invasion ist? Schauen die wirklich so finster drein, weil sie sich allen Ernstes in die Gefühlsrepublik integrieren wollen? Seither haben sich die Zeiten für die Intelligenten noch einmal drastisch verschlechtert.

Es ist nämlich so: Wer nach der Verhältnismäßigkeit der „Schutzmaßnahmen wg. Pandemie“ fragt, ist allein schon seiner Frage wegen ein emotionaler Aussätziger, ein Asozialer, der das Gefühl der Mehrheit nicht richtig ernstnimmt. Im Jahre 2021 ist es sogar schon so gut wie ein Verbrechen, ein Gefühl nicht ernstzunehmen. Vor allem dann nicht, wenn es unter einem hohen medialen und kognitionspsychologischen Aufwand kollektiv installiert worden ist. Und erstrecht nicht, wenn es sich um die Gefühle von „Schutzbedürftigen“, „Gefährdeten“, Bedrohten“ und sozialistischen Mündeln aller Art handelt. In dem Fall hat der Intelligente nicht nur eine gefühlige Masse gegen sich, sondern auch noch eine Regierung, welcher sehr am Dogma der kollektiven Gültigkeit des Massengefühls gelegen ist. Die Regierung hat schließlich durch wissenschaftliche Gefälligkeitsgutachten bspw. des RKIs nicht aufwendig Panik schüren lassen, um sich als nächstes die ganze schöne Panik von ein paar intelligenten Klugscheißern wieder kaputtreden zu lassen. Damit die Panik auch weiterhin zur gewünschten Hysterie führt, in deren Schatten sich dann eine völlig virenfremde Agenda verfolgen läßt, braucht die Regierung das Massengefühl der kollektiv Panischen. Inzwischen braucht sie es sogar schon, um sich selbst an der Macht zu halten. Nicht ausdzudenken, die Leute hätten ab morgen keine Angst mehr vor dem Virus.

Massenhaftes Selberdenken wäre ein Desaster. Die Selberdenker würden sich nämlich fragen, ob die Schutzmaßnahmen, denen sie zwangsweise ausgeliefert sind, tatsächlich in einem zu rechtfertigenden Verhältnis stehen zu dem, was sie vom Hörensagen kennen, mit ihren eigenen Augen aber nirgendwo sehen können: zur „Pandemie im kollektiven Gefühl“ nämlich. Das heißt, das kollektive Gefühl können sie schon sehen und sie sind sogar bestürzt darüber. Nur die dazugehörige Pandemie können sie nirgends entdecken. Weswegen sie sich dann auch fragen, ob sie sich zu Recht den Kopf über eine „Verhältnismäßigkeit“ zerbrechen, oder ob sie nicht lieber über den Zusammenhang von politischem Verbrechertum und Massenverblödung per geschürter Emotion nachdenken sollten. Fast im selben Moment aber fragen sie sich dann auch noch, wozu sie sich das überlegen sollten, wenn es doch evident kaum noch jemanden gibt, der hören will, was sie durch Nachdenken herausgefunden haben. Der Intelligente stellt fest, daß er durch das Massengefühl isoliert worden ist. Verhältnismäßigkeit hin oder her: Viele Intelligente spüren, daß sie in diesen Zeiten zunehmend gefährlich leben und begeben sich in die innere Emigration. Das ist tragisch fürs Ganze, hat es doch noch nie eine Besserung bei irgendetwas dadurch gegeben, daß die Masse hemmungslos ihrem Gefühl frönen durfte.

Die Bigotterie in der Verhältnismäßigkeit

Daß die Beachtung der Verhältnismäßigkeit für sich genommen schon einen Wert darstelle, kann man zumindest in Deutschland getrost vergessen. Wer etwas anderes behauptet, hält wohlfeile Sonntagsreden zur eigenen Imagepolitur. Die angeordneten „Schutzmaßnahmen“ in ihrer ganzen Tatsächlichkeit stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zur lediglich emotionalen Realität. Im Effekt bedeutet das, daß auf Basis einer „konstruierten Wirklichkeit“ reale Bewußtseinszustände geschaffen worden sind, in denen nicht nur auf jede Verhältnismäßigkeit gepfiffen wird, sondern vermittels welcher auch noch die grundgesetzliche Verfaßtheit der Bundesrepublik in die Tonne getreten wird. Das alles wird von einer Masse in Kauf genommen, die zu glauben gelernt hat, es gebe nichts, das so wahrhaftig ist, wie ihre Befindlichkeiten. Die sind immer absolut die, die sie eben sind. Da gibt es keine Verhältnismäßigkeit mehr. Deshalb braucht sie auch niemand mehr zu beschwören. Wer es dennoch tut, tut es deswegen, weil er nicht weiß, warum er denkt, wer er sei.