Ein Briefchen von der Welt: „Frau Kahane, sie sollten zurücktreten!“

Anetta Kahane (Foto:Imago/Heerde)

Auch langsam wach geworden? Uwe Müller, Ostdeutschland-Korrespondent der „Welt“, fordert vom ehemaligen SED-Spitzel Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, in einem „persönlichen Brief“, dass sie den Posten im linksradikalen Club räumt und zurücktritt. Und das weniger wegen ihres ekelhaften Relativierungsvorhabens, die Geschichte der DDR umschreiben zu wollen. Müller stößt sich daran, dass Kahane jeden vor den Kadi zerrt, der ihre Spitzeltätigkeit thematisiert und sie selbst ihre IM-Tätigkeit bagatellisiert. Lobenswert, Herr Müller – aber wirklich keine Neuigkeit, was „IM Victoria“ so getrieben hat. 

„Liebe Anetta Kahane, in diesen Tagen wurde bekannt, dass Sie die Geschichte der DDR umschreiben wollen. Der erste Arbeiter-und-Bauernstaat auf deutschem Boden soll fortan weniger als kommunistisches Projekt verstanden werden, sondern vielmehr als ein Folgeprodukt der NS-Diktatur. Mit drei Mitstreitern haben Sie deshalb den Sammelband „Nach Auschwitz. Schwieriges Erbe der DDR“ herausgegeben“. So beginnt Uwe Müllers persönliches Brieflein – veröffentlicht hinter der Welt-Bezahlschranke – an Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS).

Müller stört sich dran, dass Kahane in ihrem bislang wenig beachteten und bereits 2018 erschienen Sammelbändchen versucht, das Unrecht des SED-Staats zu relativieren. Forderung des Welt-Korrespondenten, dass Kahane den Posten bei der AAS räumen soll, ist weder neu noch besonders mutig. Allein der Auslöser für seine Aufforderung ist ebenso interessant wie skandalös:

Die Zeitschrift „Geschichte für heute“, hinter dieser steckt der „Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.“ (VGD), hat in der Ausgabe 1/2021 eine Besprechung zu Kahanes Buch gedruckt. Wie Müller berichtet, hat die VGD-Redaktion einen kompletten Absatz über die saubere AAS-Vorsitzende herausgestrichen. Darin wäre zu lesen gewesen: „Anetta Kahane, Chefin der Amadeu Antonio Stiftung, arbeitete in der DDR jahrelang als Informantin des Staatssicherheitsdienstes (was sie in ihrem autobiografischen Text und ihrer Kurzbiografie verschweigt).“

Der 3200 Mitglieder starke VGD, Herausgeber von Medien für den Geschichtsunterricht, wie auch für die Weiterentwicklung von Lehrplänen, Standards und Empfehlungen für das Schulfach, das sich mit der Historie beschäftigt, zuständig, rechtfertigt laut Müller die Zensur mit dem „Schutz von Persönlichkeitsrechten“. Ehrlicher wäre es vom Geschichtslehrerverband gewesen, so der Autor, hätten diese erwähnt, dass sie einfach Schiss vor möglichen Prozesskosten haben. Denn: „Es ist ja kein Geheimnis, Frau Kahane, dass Sie sich nicht davor scheuen, jene vor den Kadi zu zerren, die Ihre Liaison mit dem SED-Geheimdienst öffentlich thematisieren. Das gilt für Autoren ebenso wie für Verlage. Um größtmögliche Abschreckung zu erzielen, bedienen Sie sich dabei eines für seine aggressiven Methoden bekannten Anwalts und gehen mit unfassbarer Rigorosität selbst gegen Petitessen vor“.

Ebenfalls längst bekannt, von Müller in seinem persönlichen Briefchen an Kahane aber nochmals erwähnt: Das Bagatellisieren ihrer Spitzel-Karriere unter dem Decknamen IM „Victoria“, bei der die rote Zora ausländische Mitbürger bei den Stasi-Verbrechern anschwärzte.

Müller findet: Kahane solle vom Vorsitz der mit Steuergeld gepuderten Linksradikalen-Stiftung zurücktreten. Müller findet aber auch, dass die „liebe Frau Kahane“ seit der 1998 vollzogenen Gründung der Amadeu-Antonio-Stiftung sich „insbesondere in Ostdeutschland“ – dieser Landstrich ist Anetta ja bekanntlich noch „viel zu weiß“ –  „beharrlich auf Rechtsextremismus, Rassismus sowie Antisemitismus hinweist“. Damit leistet sie laut Müller einen „kaum zu unterschätzenden Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft. Das ist in besonderer Weise Ihr Verdienst“. So viel zum superkritischen Briefchen des Herrn Müllers, der ganz offensichtlich – wenn Kahane verschwinden würde – ansonsten mit dem Tun der linksradikalen Stiftung höchst zufrieden ist und diese dann mutmaßlich mit weiteren, persönlichen Schreiben verschonen wird.  (SB)