Positivgetestete als neue Aussätzige: Schnelltest-Diskriminierung in Innenstädten und Schulen

Dabeisein dürfen? Nur noch mit Schnelltest (Foto:Imago/MedienServiceMüller)

Bislang galt als höchste Orwell’sche Horrorvision der Impfpass oder Immunitätsnachweis, ein Schreckgespenst, das von den ersten Tagen der Pandemie an von Kritikern der hysterischen Maßnahmen pessimistisch vorausgesagt wurde – und prompt als Humbug und Verschwörungsspinnerei abgetan wurde. Nie werde es eine Zweiklassengesellschaft aus „Immunen“ und „Ansteckenden“ geben, lautete einer der frühesten Beteuerungen der Regierenden. Jetzt wissen wir: Es kommt noch viel schlimmer.

Denn die neue Realität, die uns nun mit allgegenwärtigen Schnelltests bevorsteht, ist noch viel entwürdigender: Denn praktisch jeden Tag aufs Neue geht es ans Testen, Absondern und Selektieren, wird zwischen „Unbedenklichen“ und potentiellen Gesundheitsgefährden differenziert. Welche perversen Früchte dieser Wahn schon im Vorfeld der Massen-Antigentests treibt, zeigen Plan- und Gedankenspiele aus dem Munde nicht etwa spinnerter Wissenschaftler, sondern einflussreicher Politiker.

So entwarf ausgerechnet der in der Corona-Debatte bislang erfrischend unabhängig und vernunftbasiert auftretende grüne Tübinger OB Boris Palmer gestern in einem Brandbrief an die Kanzlerin ein Konzept, demzufolge die Geschäfte wieder öffnen sollten, aber für ganze Fußgängerzonen Zutrittskontrollen eingeführt würden: Wer in die City zum Einkaufen will, muss sich schnelltesten lassen – und hinein dürfen nur die „Negativen“ (für die anderen geht es direkt in die Quarantäne und zum PCR-Nachtest). Es wäre nichts anderes als die Wiederkehr der Stadtwachen, die Aussätzige und Fremde an den Toren fernhalten – und zudem die schlimmstdenkbare Diskriminierung, die es auf deutschem Boden seit 76 Jahren gab. Auch wenn Palmer es so weder meint noch verstanden wissen will (weil es ihm bei seinem Vorschlag – erklärtermaßen, in einer Art Verzweiflungsakt – um die Rettung der kurz vor dem finalen Aussterben stehenden Innenstädte und tausendfach konkursbedrohter Einzelhändler geht): Käme diese Dauerbedingung, nur noch nach „Freitesten“ einkaufen gehen zu dürfen, würden wir endgültig zu Sklaven einer Gesundheitsdiktatur erniedrigt – inklusive Aussonderung und Aussperrung von „bedrohlichen“, toxischen Elementen. Ein gänzlichen Unding für eine offenen, freie, egalitäre Gesellschaft.

In dieselbe Richtung wie Palmers Vorschlag zielt auch die nur noch abstoßende Forderung, die Einführung von Schnelltests auch noch zur Vorbedingung der Öffnung von Grundschulen zu machen. Obwohl die Ansteckungsgefahr und vor allem ein ernstes Erkrankungsrisiko für Schulkindern bei 0 Prozent liegt, sollen sie – zu den Freiheitsberaubungen durch Kontaktverbote und Maskenzwang – nun auch noch zusätzlich durch Tests traumatisiert werden, deren Resultate die Klassengemeinschaften in „Kranke“, „Ansteckende“, „unbedingt zu Meidende“ sowie „Gesunde“ und „Unbedenkliche“ scheiden werden. Wer positiv gestetet ist, wird dann von den anderen im günstigsten Fall gemobbt – in jedem Fall aber ausgesondert und ausgegrenzt. Psychische Schäden fürs Leben sind hier erwartbare Folgen. Wer derartig geisteskranke, aus Kindeswohlsicht geradezu verbrecherische Ideen vorträgt, ist ein Soziopath.

Aussonderung von Kindern

Und so ist es auch kein Wunder, dass vor allem SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wieder in der vordersten Reihe derer steht, die diese „Chance“ zum Schnelltesteinsatz vor Schuleröffnungen begrüßen. „Die Antigen-Tests bilden eine ganz wichtige Abwehrstrategie. Sinnvoll wäre der Einsatz der Antigen-Tests in allererster Linie in den Grundschulen, um die Grundschulen öffnen zu können„, so Lauterbach laut „dts Nachrichtenagentur“. Eine Testung „durch die Kinder selbst, nicht die Lehrer allein, ein- bis zweimal die Woche“ würde angeblich „einen großen Unterschied machen„, so der inzwischen anscheinend von allen guten Geistern verlassene Politiker.

Im Mittelalter, bei den großen Seuchen, wurde die Aussonderung von Kranken erstmals im großen Stil betrieben. Der Begriff „Aussätzige“ bezog sich auf Leprakranke, die damals sozusagen für „bürgerlich tot“ erklärt wurden und oft gezwungen wurden, in der Öffentlichkeit – außerhalb eines Leprosoriums – ein Lazaruskleid zu tragen und eine Warnklapper oder Glocke zu verwenden, damit sich andere rechtzeitig vor ihnen in Sicherheit bringen konnten.

Heute ist ist das Leprosorium die Quarantäne, und wer vor anderen sichtbar positiv getestet wird – und sei es als Ergebnis eines falschen Resultats – erfährt eine ähnlich erniedrigende Behandlung wie einst die Aussätzigen: Man lässt ihn nicht eintreten und dazugehören – solange bis er seine „Unbedenklichkeit“ beweisen kann. Der Rückfall ins Mittelalter erfolgt heute allerdings wohlgemerkt bei einer Krankheit, die keine Entstellung, keinen sicheren Tod und kein Massenleiden wie einst Pest oder Cholera mit sich bringt – sondern in den allermeisten Fällen ohne Symptome oder wie ein Schnupfen abläuft – und deren Todesopfer im Schnitt älter sind als die Durchschnittsbevölkerung. (DM)