Zensur-Irrsinn: Facebook löscht Elmar Hörigs Seite mit 70.000 Followern

Kult-Moderator Elmar Hörig (1993 bei einer ZDF-Quizshow) (Foto:Imago/teutopress)

Bald könnte er gewissermaßen von „the story of my life“ reden: Wieder einmal ist Elmar Hörig, die große Radio-Legende der 1980er, wegzensiert worden – diesmal auf Facebook. Gestern früh löschte das Netzwerk die Seite des sarkastischen Kultmoderators, auf der er rund 70.000 Fans und Follower seit Jahren mit geistreichen und oft provokanten Gedanken zum politischen und gesellschaftlichen Weltgeschehen bei Laune gehalten hatte. Dass sich Elmi mit vom Zeitgeist verordneten Sprech- und Denkschablonen nie anfreunden konnte, war den linken Gesinnungswächtern und den (mit ihnen entweder verbündeten oder auf Linie gebrachten) Social-Media-Plattformen seit langem Dorn im Auge.

Als konkreten Vorwand für sein Facebook-Aus vermutet Elmi eine von ihm geteilte Fotomontage, auf der Hitler von hinten zu sehen ist, wie er auf das zerstörte Berlin schaut; in einer Sprechblase steht darüber: „Im Großen und Ganzen ist nichts schiefgelaufen“ – eine eindeutig satirische Auseinandersetzung mit Angela Merkels gleichlautendem Zitat zum Impfdesaster. Der Post wurde – wohl auf „Meldung“ eifriger Netzblockwarte hin – von Facebook gelöscht und die Seite, wieder einmal, temporär gesperrt. Hörig augenzwinkernd zu Jouwatch: „Daraufhin habe ich dasselbe gleich nochmal gepostet, weil ich mir dachte: Vielleicht haben sie den Witz ja nicht kapiert.“ Anschließend postete er dann noch einen Kurzbeitrag über die angeblich „rassistischen“ Äußerungen in der WDR-Wiederholung der Sendung „Die letzte Instanz“. Elmi hierzu: „Da gab’s dann ja dieses hässliche A-Wort, N-Wort, Z-Wort, es ging um Zigeunersauce… und Motsi Mabuso, wer immer das ist, konnte angeblich zwei Tage nicht schlafen. Dazu habe ich geschrieben: Deshalb ist es höchste Zeit, dass der WDR die Sendung nochmal wiederholt.“ Das war anscheinend zuviel für die Facebook-Löschbüttel: Sie zogen final den Stecker.

Dass Elmi aneckt und ihm „die Reichweite genommen wird“, wie es heute verharmlosend so schön heißt, ist für ihn keine neue Erfahrung: Als SWR-Ikone sprach er, der wohl authentischste Moderator in der öffentlich-rechtlichen Sendergeschichte, ohne Rücksicht auf Verluste stets das aus, was ihm in den Sinn kam, und spielte nicht selten mit Tabus – wofür ihn Millionen Hörer liebten. Als er dann einen Witz über Rabatte für Homosexuelle bei der Bundesbahn riss („Warme Wochen bei der Bahn„), wurde er gefeuert. Und als er dann zu einem der meistbeschäftigten SAT.1-Moderatoren geworden war (unter anderem „Bube Dame Hörig“), wurde ihm wegen angeblich sexistischen Sprüchlein ein Strick gedreht. Die Rausschmisse waren erste „analoge“ Vorboten einer zunehmenden Hypersensibilität im Zuge der sich ausbreitenden Political Correctness.

„Opfer-Veteran“ der Political Correctness

Diese griff dann in den Nuller- und Zehnerjahren in den sozialen Netzen immer weiter um sich – und wurde mit jeder viral gehenden anlassbezogenen neuen Hysterie unerbittlicher, von „Refugees Welcome“ über „MeToo“ bis zuletzt „Black Lives Matter“. Inzwischen, spätestens seit Donald Trumps De-Platforming und den sich daran anschließenden großen Säuberungswellen, haben die Zensoren derart Oberwasser, dass sie sich in einem nie dagewesenen Ausmaß unbequeme Stimmen und Andersdenkende zu entfernen trauen; gerade im vermeintlich „rechten“ Spektrum, wo sie nach und nach immer mehr liberal-konservative Kanäle, regierungskritische Satiriker und ideologieresistente Freigeister eliminieren.

Und wie zu allen Zeiten wird die Einschränkung oder gar Zunichtemachung der Redefreiheit auch heute staatlicherseits wieder mit wohlklingenden, scheinbar hochsinnvollen und dringend gebotenen Unumgänglichkeiten, mit angeblicher „Gefahrenabwehr“, gerechtfertigt: Diesmal geht es nicht wie vor 35 bzw. 85 Jahren gegen „Volkszersetzer“, „Staatsfeinde“ oder „ausländische Provokateure“, sondern um die angeblich akut gebotene Verhinderung von „Hassrede“ und „Gewaltaufrufen“. Gummiformulierungen, die ganz nach dem Gusto jener ausgelegt und mit Inhalten gefüllt werden können, die die entsprechenden „Gemeinschaftsstandards“ erlassen: Twitter, Facebook – oder die Regierung mit ihrem Netzwerkdurchsuchungsgesetz.

Elmar Hörig, der sich auf seiner eindeutig ironisch gestalteten Facebook-Seite als „Monarch“ und unter dem Banner „Je suis Elmi“ präsentierte, hat niemanden verletzt und schon gar keine Straftaten oder Aussagedelikte irgendeiner Art begangen. In einer offenen Gesellschaft und bei wirklich freien Netzen (Ideen, für die auch Facebook in seiner Anfangszeit einmal stand) wären das, was Hörig postete – von seinen teilweise urkomischen „Morning Briefings“ bis hin zu zuweilen bitterbösen Memes – völlig zulässige, von der Meinungsfreiheit selbstverständlich gedeckte Debattenbeiträge. Niemand, der sich daran stört, braucht sie zu lesen – und wer sie gerne lesen möchte, soll es tun. Dies wäre wahre, pluralistische Meinungsfreiheit.

Betreutes Denken überall auf dem Vormarsch

Davon ist 2021 nichts mehr übriggeblieben: Es dominieren „betreutes Denken“ und eine voraufklärerischere Anmaßung, den Menschen bestimmte Inhalte gar nicht mehr zuzumuten (und ihnen deshalb auch nicht mehr zugänglich zu machen). Ohne dass sich jemand groß daran stößt oder sich gar öffentliche Entrüstung erhebt, verschwinden täglich tausende Seiten, Kanäle und Accounts auf Facebook, YouTube, Twitter & Co. – und nicht etwa auf rechtsstaatlicher Grundlage (etwa nach richterliche Anordnung auf Feststellung etwaiger justiziabler Tatbestände hin), sondern nach willkürlichem Ermessen und durch eiskalten Machtmissbrauch der Big-Tech-Monopolisten, die das Prinzip der Netzdurchlässigkeit und Content-Neutralität längst zugunsten einer immer totalitäreren Meinungskontrolle aufgegeben haben. Völlig schamlos und ungehindert werden die Korridore des Sagbaren immer weiter verengt: Ohne Revisions- oder inhaltliche Einspruchsmöglichkeit erfolgen Post-Löschungen und Sperrungen – bis hin zur Stilllegung kompletter Accounts. So wie es Elmar Hörig jetzt erging.

Rechtliche Schritte gegen Facebook will der inzwischen 71-jährige übrigens nicht ergreifen; fast schon resigniert sagt er: „Es bringt nichts mehr, das ist alles Quatsch.“ Eines ist indes gewiss: Mit der Verbannung Hörigs schreitet die Verarmung der Diskussionskultur und die geistige Verödung vor allem von Facebook weiter voran. Und noch etwas: Über die Situation der Meinungsfreiheit in Weißrussland oder Ungarn braucht sich hierzulande kein Politiker, kein Jurist und kein Journalist zu empören, solange hier bei uns die grundgesetzwidrige Mundtotmachung in den sozialen Medien unbehindert und ungesühnt weiterläuft – und immer mehr zur Normalität wird. (DM)