Mutierte Rechtsmedizin in Hamburg: „Final verstorben“

Es gibt Mutationen, die nicht direkt mit Viren zu tun haben. Es gibt sie auch bei Stellenbesetzungen. Das hat Folgen. Für die Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zum Beispiel. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

Als am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf noch der Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel die Obduktionen Verstorbener durchgeführt hat, wurde ungern von dort berichtet, auch im SPIEGEL nicht. Püschel hatte nämlich einen gewaltigen Nachteil hinsichtlich seines Effekts auf die öffentliche Meinung. Wann immer er gefragt wurde, ob Sars-Cov-2 die Todesursache bei den in Eppendorf Obduzierten gewesen sei, verneinte er das. Von Maskenzwang bis Kita-Schließung: Püschel war dagegen. Er wurde auch nicht gern zitiert in der Presse, und wenn, dann war er mindestens „umstritten“. Mitten in der „Pandemie“ war dann Schluß mit der Obduziererei für den Professor der Rechtsmedizin. Im Alter von 68 Jahren räumte Klaus Püschel seinen Platz vergangenes Jahr für einen Nachfolger.

Das Wunder von Eppendorf

Mit dem Abschied von Prof. Klaus Püschel vollzog sich ein Wunder. Auf einmal ist das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wieder Informationsquell erster Güte, wenn es um „Pandemie“-Fragen geht. Seit die Verstorbenen ungepüschelt obduziert werden, verscheiden sie auch an der gewünschten Ursache.

Wer an Covid-19 stirbt, ist meistens alt oder hat Vorerkrankungen. Die Infektion mit dem neuen Coronavirus ist dennoch in aller Regel die Todesursache. Das heißt, ohne die Infektion hätten die Menschen länger gelebt.„, heißt es nun im SPIEGEL unter Berufung auf Eppendorfer Verlautbarungen. „Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Mediziner haben dafür im vergangenen Jahr 735 Obduktionen durchgeführt. Davon seien 618 an Covid-19 gestorben. Bei sieben Prozent sei hingegen eine andere Ursache für den Tod verantwortlich. Insgesamt 88 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen hätten mindestens drei bis vier Vorerkrankungen, die große Mehrheit aller Todesopfer war älter als 76 Jahre. Auch einige Todesfälle mit den neuen Covid-19-Mutationen seien schon obduziert worden, so die UKE-Wissenschaftler. Allerdings seien die Todesursachen dieselben wie bei der herkömmlichen Virusvariante.“ – Das schlägt dem Faß den Püschel aus. Oder setzt es dem Püschel die Krone auf? Wem soll man nun glauben, wenn es schon der SPIEGEL unmöglich sein kann: Püschel oder den Püschellosen?

Da man weder Virologe noch Mediziner ist, sich aber mit Vorliebe jener deutschen Sprache widmet, welche das Denken formt, lenkt man sein Augenmerk am besten auf die Formulierungen – und wird prompt fündig. Dazu gleich mehr. Verstorben seien neuesten Erkenntnissen zufolge viele der „Coronatoten“ an solchen Thrombosen, bei denen es das Virus gewesen ist, welches das Blut zu einem zähflüssigen Brei hat gerinnen lassen, so daß sich Blutklumpen bildeten. Daß sich tödliche Thrombosen durch Blutverdünner wie Heparin vermeiden lassen, scheint nebenbei bemerkt eine sensationelle medizinwissenschaftliche Erkenntnis allerneuesten Datums zu sein. Da besteht bestimmt kein Zusammenhang mit der Tatsache, daß bettlägerige frisch Operierte seit Jahrzehnten ihre täglichen Heparin-Bauchspritzen verabreicht bekommen, um jener Blutpfropfenbildung vorzubeugen, die durch Bewegungsmangel begünstigt wird. Denen muß das Heparin bisher aus rein spekulativen Gründen verabreicht worden sein, aus denselben Gründen also, derentwegen es erfunden und zugelassen wurde. So nach dem Motto: Wir wissen zwar nicht, wie es wirkt und was das soll, aber wir spritzen das den Leuten einmal am Tag in den Wanst und geben ihnen bei der Entlassung aus der Klinik noch einen kleinen Vorrat an Heparinspritzen mit nachhause.

Als Coronainfizierte Identifizierte starben zu Püschels Zeiten häufig an solchen Thrombosen, weswegen in solchen Fällen irrtümlich wohl die Thrombose für todesursächlich gehalten worden war. Heute beantwortet der Rechtsmediziner Benjamin Ondruschka die Fragen zu Infektion und Tod. Und schon sterben die Leute nicht mehr an -, sondern nur noch mit der Thrombose. Dafür sterben sie aber jetzt ordnungsgemäß an Corona und nicht mehr nur „mit“. Durch die Gabe von Heparin konnten also die Corona-Todesfälle verringert werden, nicht die Thrombosefälle. Kommen noch alle mit in der inklusiven Gesellschaft? Man will ja „niemanden zurücklassen“, gelle?

Final formuliert

Ist die Story von der coronaverursachten Thrombose glaubwürdig? Der gänzlich ungepüschelte Rechtsmediziner Benjamin Ondruschka zu den Segnungen der Heparingabe an bettlägrige Coronainfizierte im Krankenhaus: „Wir haben die absolute Zahl der Thrombosen verringert und den final Verstorbenen die Phase des Überlebens verlängert„.

So gern ich dem Rechtsmediziner Ondruschka und dem SPIEGEL geglaubt hätte: Wer von „final Verstorbenen“ redet, hat bei mir keinerlei Glaubwürdigkeitskredit mehr. Wer „final Verstorbene“ kennt, muß davon ausgehen, daß es auch „präfinal Verstorbene“ gibt, Zombies also, die irgendwie schon tot sind, aber dennoch ein Weilchen weiterleben, ehe sie dann „final versterben“. Wer anderen Leuten einen „finalen Tod“ als existent andrehen will, muß kurz vor dem intellektuellen Exitus stehen – und wer sich einen „finalen Tod“ andrehen läßt, der glaubt wahrscheinlich auch, daß sich „tot“ – analog zu „aktuell“, „demokratisch“ und „gerecht“ – steigern ließe, und daß solches wiederum Ausweis seiner überlegenen Differenzierungsfähigkeit sei: Tot, töter, am tötesten. Wo „tot, töter, am tötesten“ („final tot“) geht, da geht auch „hirntot, hirntöter, am hirntötesten“. Ich glaube, bei der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf hätten sie besser den Profesor Püschel behalten, auch um den Preis, daß sich der SPIEGEL in seinen Meldungen nicht auf ihn hätte berufen wollen.

Jedenfalls ist der SPIEGEL-Leser, dieser ausgesprochene Mehrwisser („SPIEGEL-Leser wissen mehr“) nach Lektüre der hier kritisierten Meldung so „präfinal mehrwissend“ wie alle anderen vorher schon. Heparin hilft gegen Thrombosen, weiß er jetzt (erst). Ob es die Bettlägerigkeit der Corona-Patienten war, die ursächlich für die Thrombosen gewesen ist, oder ob die Thrombosen durch das Virus verursacht wurden, weiß er hingegen noch immer nicht. Obwohl er mit ein bißchen Nachdenken auch ohne den SPIEGEL zu einer wahrscheinlich richtigen Antwort auf seine Frage kommen könnte. Lieber glaubt er, was ihm die „richtigen Experten“ via SPIEGEL erzählen. Meinereiner wartet derweilen auf den Tag, an dem das vorgekaute Schnitzel ein Verkaufsschlager wird.