Endlich kippt die Stimmung – doch der Tod des Einzelhandels ist besiegelt

Frust wandelt sich langsam in Wut (Foto:Imago/Bode)

In Deutschland kippt nun definitiv die Stimmung: Die Bürger sind endgültig bedient, und der Unmut wächst und wächst. Zudem rollt eine Klagelawine von Firmen los. „Mutig“ preschen deshalb einige Frivole unter den deutschen Ministerpräsidenten vor – und denken laut darüber nach, im Alleingang – außer der Reihe und vor der nächsten Kanzlerrunde –  erste Öffnungen im Einzelhandel zuzulassen; welche Gunst und Gnade! Ob das allerdings ausreicht, ist zweifelhaft.

Eine der entschlossensten Vorreiter zaghafter Lockerungen ist Malu Dreyer (SPD), die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Was sie allerdings vorschlägt, ist nichts anderes als Sterbehilfe am Einzelhandel – und bedeutet daher letztlich keinen großen Unterschied zum sicherem Krepieren in den anderen Bundesländern, die weiterhin auf strikte Fortsetzung des Lockdowns bis zum Erreichen utopischer Inzidenzwerte setzen.

Dreyer ist mitten im Landtagswahlkampf und steht daher vonseiten der Bürger und Unternehmen immens unter Druck. Sie fürchtet eine Denkzettelwahl gegen die Lockdownpolitik und will sich daher als großzügige Vorreiterin präsentieren. Diesem Anspruch wird der Plan, den sie vorgestellt hat, jedoch kaum gerecht werden: So soll bereits am kommenden Mittwoch der Einzelhandel wieder öffnen – allerdings nur nach vorheriger Terminvereinbarung und Einzelterminen – also ein Kunde pro Einkaufsvorgang. Schlimmer noch: zwischen den Terminen sollen „mindestens 15 Minuten zum Lüften und Desinfizieren“ liegen. Ein bürokratisches Nonsenskonzept, wie es sich nur wirtschaftsfremde Bürokraten und Sozialisten ausdenken können.

Was meinen Dreyers Strategen eigentlich, wie sich unter diesen Bedingungen auch nur die Personal- und Betriebskosten erwirtschaften lassen sollen? Sogar wenn jeder Kunde, der einen Termin bucht, dann auch etwas kauft, und sich dafür so kurz wie möglich – beispielsweise durchschnittlich nur 10-15 Minuten – im Geschäft aufhält (quasi also eine Blitzentscheidung trifft): Dann kann der Händler durch die Sicherheitsintervalle zwischen den Einzelterminen pro Stunden gerade einmal zwei Kunden bedienen; pro Tag also – wenn er voll „ausgebucht“ ist – maximal 25. Nur wenige der noch verbliebenen Einzelhandelsgeschäfte dürften unter diesen Bedingungen überhaupt aufsperren.

Sterbehilfe am Handel

Wenn man sich vor Augen hält, dass dann auch schon solche impraktikablen Versuche eines Wandels sogleich angefeindet und von Dreyers Kollegen für verantwortungslos erklärt werden, weil sie lieber alles im Koma belassen würden, dann ahnt man, wie hoffnungslos die Situation in Deutschland ist: Die Pandemie-Psychose sitzt zu tief. Die einzige Rettung ist nicht mehr von den Regierungen zu erwarten – sondern von der Justiz. Wenn auch viel zu spät, aber wenigstens überhaupt haben inzwischen auch die großen Handelsketten und Verbände begriffen, dass eine wahnsinnig gewordene Corona-Politik, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Inzidenz-Obsession durchzuziehen bereit ist, willens ist, die gesamte Branche über die Klinge springen zu lassen – und die versprochenen Hilfen nicht nur viel zu schleppend auszahlt und somit auch keine Rettung ist.

Deshalb rollt nun – endlich – die Klagewelle los, die im Prinzip schon viel früher hätte beginnen müssen: Saturn, Obi, Elektrogroßmärkte oder die Modehändler Gerry Weber und Breuninger, aber auch etliche kleinere Einzelhändler machen ernst und ziehen gegen den Lockdown vor Gericht – weil er unverhältnismäßig und existenzvernichtend ist, und im Einzelhandel mit seinen Hygienekonzepten überhaupt keine Ansteckungsrisiken drohen. Einiges deutet darauf hin, dass nun der lange ersehnte Kipppunkt in der Stimmung erreicht ist: „In Deutschland reißt nach Monaten des Lockdowns der Geduldsfaden„, kommentiert „Focus„.

Firmen und Unternehmen lehnen sich auf

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat sogar schon richtig Muffensausen: Anscheinend ist ihm ein Licht aufgegangen, wie sehr es im Volk inzwischen brodelt. „Die Leute haben die Schnauze voll!“ sagte er auf einer digitalen CDU-Veranstaltung in Fulda, und schimpfte laut „Bild„: „Wir vernichten zurzeit Existenzen. Und ganz nebenbei auch noch die Staatsfinanzen“. Mit Blick auf den Corona-Gipfel am 3. März (der Tag, ab dem auch Dreyer übrigens ihre Terminöffnungen in Kraft setzen will) erwartet Bouffier „wieder ein furchtbares Durcheinander, ein wildes Gekläffe – vom Kanzleramt bis nach Bayern und zurück… und am Ende Herr Drosten und Herr Wieler, und die Leute werden wahnsinnig.“ Dass die Menschen seit mit dem Satz vertröstet würden „Jetzt müssen wir noch einmal tapfer sein„, um ihn dann Monat für Monat zu wiederholen, sei nicht mehr länger erträglich.

Der Unmut steigt auch deswegen, weil Deutschlands Nachbarländer trotz teilweise deutlich höherer Inzidenzzahlen nach und nach aus dem Lockdown herausgehen – ohne dass es dadurch zu den „Explosionen“ kommt. Seit zweieinhalb Wochen bereits hat Österreich wieder Schulen und Geschäfte geöffnet, und auch wenn einzelne „Mutanten-Cluster“ (etwa im Tiroler Zillertal) regional unter Quarantäne gestellt wurden, so plant die Regierung Kurz dennoch schon die Wiedereröffnung der Gastronomie nach einem Zonenmodell wie in Italien. Und gestern sorgte dann auch noch die Nachricht aus der Schweiz für Aufsehen, dass sie ebenfalls – nach nur sechs Wochen Lockdown – ab kommendem Montag wieder die Geschäfte, Zoos, Museen et cetera; und das, obwohl dort mit im Schnitt pro Tag 116 Neuinfektionen auf 1 Million Einwohner mehr Menschen erkranken als in Deutschland, wo es durchschnittlich 90 Neuinfektionen pro Tag auf 1 Million Einwohner sind. (DM)