Meinungsumfrage Forsa: Merkel Superstar

Wozu sind Meinungsumfragen gut? Warum will irgendwer wissen, was andere Leute denken? Hat er Möglichkeiten, zu überprüfen, ob stimmt, was Demoskopen über die Meinungen anderer Leute publizieren? Dienen Meinungsumfragen der Information? Oder dienen sie doch eher der Meinungsmache? Aktuell: „Merkel Superstar“ by Forsa. Bye-bye, Demoskopie!

by Max Erdinger

Auszug aus einer aktuellen Meldung der dts-Nachrichtenagentur: „Berlin – Das Vertrauen der Deutschen zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist weiterhin hoch. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für RTL und n-tv. Mit 69 Punkten, zwei Punkte weniger als im Dezember, führt Merkel demnach auch im Februar 2021 das Vertrauens-Ranking der Politiker an.
Im Forsa-Politikerranking wird regelmäßig ermittelt, bei welchen Politikern die Bürger das Land „in guten Händen“ sehen. (…)

Diese drei Sätze reichen bereits, um den fehlenden Nutzen solcher Meldungen herauszuarbeiten.

1. Offensichtlich wird im Forsa-Politikerranking nicht ermittelt, bei welchen Politikern die Bürger das Land „in schlechten Händen“ sehen, was bedeutet, daß die „Repräsentativität der Umfrage“ eine sein könnte, die sich lediglich auf eine verschwindend geringe Minderheit der Bürger bezieht. Innerhalb dieser Minderheit könnte Merkel als die vertrauenswürdigste Politikerin angesehen werden. Volkstümlicher: Auch in Deutschland könnte es eine Minderheit von Unterbelichteten geben, deren Unterbelichtung in einer repräsentativen(?) Umfrage nachgewiesen wurde.

2. Es handelt sich um eine Auftragsumfrage von Forsa. Gründer und Chef von Forsa ist Manfred Güllner, SPD-Mitglied und Freund von Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

3. „RTL und n-tv“ gehören beide zur „RTL Group“ (Abt. Free-TV). Die wird geleitet von Thomas Rabe, dem Vorsitzenden des Bertelsmannkonzerns. Rabe (*1965) startete seine berufliche Karriere 1989 bei der Europäischen Kommission in Brüssel mit einer Tätigkeit für die Generaldirektion Finanzinstitutionen und Gesellschaftsrecht. Bertelsmann wiederum ist eines der weltweit größten Medienunternehmen. Allianzen und Partnerschaften mit anderen europäischen Medienunternehmen spielen für die „RTL-Group“ (Bertelsmann) eine wichtige Rolle. Das heißt, daß die Information, „RTL und n-tv“ hätten bei Forsa eine Umfrage in Auftrag geben, keine ist. Daß beim Untergang der Titanic „zwei Männer“ ertrunken sind, wäre schließlich auch keine gewesen, obwohl die „Meldung“ natürlich nicht falsch – , sondern lediglich sehr unvollständig gewesen wäre.

4. Eine Information wäre allenfalls gewesen, daß einer der größten Medienkonzerne der Welt beim Kleindemoskopen Güllner (Forsa) eine Umfrage unter den Leuten in Auftrag gegeben hat, die das Land bei irgendwelchen Politikern „in guten Händen“ sehen. Die Meinungsprofiteurin in Folge der Veröffentlichung dieser obsoleten Umfrage heißt Angela Merkel.

5. Wieviele aus der Gruppe derjenigen, die das Land bei irgendwelchen Politikern „in guten Händen“ wähnen, überhaupt befragt worden sind, ist in der Meldung nirgendwo zu lesen. Forsa macht täglich etwa 1.000 Telefonanrufe. Deutschland hat 83 Mio. Einwohner.

6. Daraus folgt, daß es sich bei Meldungen wie der gegenständlichen um Propaganda handelt, keinesfalls aber um Information. Die Propaganda: Bundeskanzlerin Merkel ist überaus beliebt. Bestellt wurde die Propaganda unter dem Arbeitstitel „Umfrage“ von „RTL und n-tv“, kleinen Teilen eines riesigen Medienkonzerns, dessen Vorstandsvorsitzender enge Verbindungen zur EU-Kommission hat. Mit Wohlwollen quittiert werden solche „Umfragen“ vermutlich aus dem Kanzleramt, was sich wiederum dann für Bertelsmann günstig auswirken dürfte, wenn bei medienrechtlichen Fragen politische Hilfe willkommen ist. Zum Bertelsmannkonzern gehört übrigens auch „Arvato“, eine Firma, die viele der „unabhängigen Faktenprüfer“ in sozialen Netzwerken wie Facebook stellt.

Propaganda

Besonders in Deutschland richten sich die „die Menschen“ bei der Beurteilung von Sachverhalten nicht ausschließlich nach dem, was sie selbst für richtig halten. Eine große Rolle bei Antworten auf Fragen, die ihnen gestellt werden, spielt ihr „Wissen“ um das allgemeine Meinungsklima. In entsprechenden Experimenten wurde herausgefunden, daß Leute ihre ursprünglich zutreffende Beurteilung eines Sachverhalts dann revidieren, wenn sie Kenntnis davon erlangen, daß eine Mehrheit in ihrer Umgebung zu einem anderen Urteil gekommen ist. Elisabeth Noelle-Neumann, selbst Demoskopin, hat diesen Sachverhalt als das treibende Moment einer sog. Schweigespirale identifiziert.

Im gegenständlichen „Umfrage-Fall“ bedeutet das, daß merkelkritische Rezipienten der Meldung über die angebliche Beliebtheit der Kanzlerin im nächsten Schritt ihre eigene Beurteilung der Kanzlerin auf soziale Kompatibilität hin überprüfen und allein deswegen schon derjenigen Beurteilung anpassen, die sie für die mehrheitliche halten. Das verstärkt sich in der Masse dann dadurch, daß jeder jedem anderen eine Meinung unterstellt, die der wiederum tatsächlich nur deswegen geäußert hat, weil er ebenfalls davon ausgegangen war, daß seine eigene, also „wahre“ Überzeugung, sozial inkompatibel sei. Kürzer: Jeder redet jedem anderen nach dem Mund.

Der Sinn einer Veröffentlichung von „Sonntagsfragen“ („Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Wahlen wären“) ist nicht der unterstellte (neutrale Information des mündigen Bürgers), sondern ein propagandistischer. Der Bürger soll als Information begreifen, was tatsächlich seine Steuerung ist. Wenn er „weiß“, welcher Kandidat oder welche Partei in den Umfragen führt – und für Wissen hält er das, nachdem er das Umfrageergebnis zur Kenntnis genommen hat -, tendiert er dazu, sich einer solchen Mehrheit aus sozialen Kompatibilitätsgründen anzuschließen. Die wenigsten sind gern Außenseiter, was sich schon daran erkennen läßt, daß der Begriff „Integration“ im allgemeinen positiv konnotiert ist.

Massenpsychologie

Daß sich politische Macht propagandistisch durch die Schaffung einer allgemein akzeptierten Scheinrealität absichern läßt, ist eine Binsenweisheit. Daß eine Scheinrealität geschaffen wird, muß im jeweiligen Fall zugleich aber auf das Heftigste bestritten werden. Wehe dem deshalb, der es wagt, zu behaupten, es werde absichtsvoll eine solche Scheinrealität konstruiert. Im Jahre 2021 gibt es zur Abwehr des Defätisten ein paar Zauberwörter. „Demokratie“, „menschliche Gesellschaft“ und „Solidarität“ sind nur drei davon. Je mehr die Demokratie tatsächlich schwindet, je „unmenschlicher“ die Gesellschaft tatsächlich wird und je weniger Solidarität es gibt in der „gespaltenen Gesellschaft“, desto inbrünstiger werden die Zauberwörter heruntergebetet. Allerweil steigert sich das zur Manie, zur Hysterie. Das Kalkül: Wo alles im Namen der Demokratie, der menschlichen Gesellschaft und der Solidarität geschieht, kann keine Arglist vermutet werden, ohne daß sich der Argwöhnische selbst ins gesellschaftliche Aus katapultieren würde. Das funktioniert. Noch.

Nur, weil das funktioniert, kann bei Nachrichtenagenturen, Demoskopieinstituten und Ministerien ebenfalls noch damit gerechnet werden, daß die „Information“ auf „fruchtbaren Boden“ fällt, unter allen vertrauenwürdigen Politikern, bei denen das Land „in guten Händen“ ist, sei ausgerechnet Angela Merkel die vertrauenswürdigste. Wenn Angela Merkel eines ziemlich genau weiß, dann ist das, wie Machterhalt zu bewerkstelligen ist.

Dennoch ist es so: Auch wenn sich massenpsychologische Grundsätzlichkeiten in der Medien- und Massen-„demokratie“ niemals ändern lassen dürften, kann man es mit der Machtgier so übertreiben, daß sich diese Grundsätzlichkeiten gegen die Machtgierige(n) selbst wenden. Sowie die Überzeugung wächst, daß die Mehrheit im eigenen Umfeld bei Meldungen über die Beliebtheit der Kanzlerin in Wahrheit an Propaganda denkt, wird es mit dieser „Beliebtheit“ schlagartig vorbei sein. Dann muß die nächste Stufe gezündet werden: Es werden „Umfrageergebnisse“ veröffentlicht, denen gar keine Umfrage mehr zugrunde liegt.

Bis dahin ist es aber noch weit. Im Augenblick läßt sich die Macht noch trefflich dadurch erhalten, daß man medial immer und immer wieder bekräftigt, wie hoch der Wert einer „eigenen Meinung“ unter Demokratiegesichtspunkten anzusiedeln sei – und daß deswegen jeder eine haben sollte. So lange jeder davon überzeugt ist, seine Meinung sei auch wirklich seine eigene, stört sich an der propagandistisch konstruierten Scheinrealität niemand. Das erklärt auch die geniale Perfidie hinter dem Slogan der BILD-Zeitung: „Bild Dir Deine Meinung“. Ein totaler Flop wäre gewesen: „Bild Dir unsere Meinung.“ Realiter ist es aber dennoch so, daß der BILD-Leser die Meinung der Zeitung nach der Lektüre für seine eigene hält. Und je mehr Leute „wissen“, daß die Kanzlerin als die Vertrauenswürdigste überhaupt gilt, desto besser ist das für die Kanzlerin. Deswegen werden solche Meldungen verbreitet.

Es beißt die Maus trotzdem keinen Faden ab: Die Demokratie lebt von Demokraten, die sich informieren, nicht von dekadenten Meinungsinhabern, die sich informieren lassen, um als nächstes dem Selbstinformierer den letzten Nerv mit der Behauptung zu rauben, sie wüssten etwas – und daß er das zu akzeptieren habe, weil sie schließlich ebenfalls ein Recht auf eine eigene Meinung hätten. Woraus sich wiederum ableitet, daß nicht jede „Spaltung der Gesellschaft“ zwingend eine schädliche ist.

Deshalb zum Schluß noch einmal die gegenständliche Meldung der dts-Nachrichtenagentur in richtigem Deutsch: “ Berlin – Eine gänzlich unrepräsentative Auftragsumfrage von Forsa unter den Angehörigen jener Minderheit, die das Land bei heutigen Politikern „in guten Händen“ wähnt, ist zu dem Ergebnis gekommen, daß die Bundeskanzlerin als besonders vertrauenswürdig gilt. Den Auftrag zu dieser Umfrage gab ein riesiger Medienkonzern.“ – Alte Volksweisheit: „Wer zahlt, schafft an“. Die gilt auf jeden Fall, solange es nicht der „Souverän“ ist, der zahlt. Der zahlt zwar alles, aber er schafft niemandem mehr etwas an. Der „Souverän“ gehorcht bloß noch. Dafür hat er eine Meinung. Das ist ja auch schon etwas.